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Verzerrte Zeit

Mittwoch, 06.10.2021

Ein Interview mit Stefan Ruzowitzky über seinen Film „Hinterland“

Diskussion

Der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky hat sich mit einem kritischen Heimatfilm wie „Die Siebtelbauern“ ebenso einen Namen gemacht wie mit dem „Oscar“-gekrönten KZ-Drama „Die Fälscher“ oder einem Thriller wie „Die Hölle – Inferno“. In Hinterland (ab 7. Oktober im Kino) verknüpft er die Geschichte eines Heimkehrers aus dem Ersten Weltkrieg mit einem Serienmörder-Krimi. Ein Gespräch über den Einfluss des expressionistischen Kinos auf den Film und österreichische Minderwertigkeitskomplexe von den 1920er-Jahren bis heute.


Sie wechseln von Genre zu Genre, vom KZ-Drama über Psychothriller zum Familienfilm, vom Dokumentarfilm bis zur Jagd auf einen Serienmörder. Wo kann man Sie verorten?

Stefan Ruzowitzky: Mich plagt immer ein bisschen die Angst, etwas zu verlieren, wenn man sich in einem Genre festsetzt. Die im Laufe der Zeit gewonnenen Erfahrungen können einem auch auf den Kopf fallen, indem man sich selbst einschränkt. Dann hängt man in seiner Komfortzone fest. Deshalb probiere ich – wobei das marketingtechnisch wahrscheinlich nicht so schlau ist – immer gerne etwas Neues aus und versuche so, meine Neugier nicht zu verlieren.

Aber gibt es irgendeinen „roten Faden“?

Ruzowitzky: Ich bin einer, der auf Zuruf etwas macht. Da landet ein Projekt auf dem Schreibtisch, und ich sage mir: Warum eigentlich nicht? Damals, nach dem Erfolg von Die Fälscher, kam die Adaption der Kinderbuchreihe Hexe Lilli. Das empfand ich als ein gutes Gegenmittel nach all dem Leid. Einen roten Faden gibt es nicht, aber wenn man sich die Filme genau anschaut, lassen sich viele Parallelen entdecken. Nicht so sehr in der äußeren Form, aber bei der Figurenkonstellation oder mit Blick auf die Konflikte, die mich interessieren. So unterschiedlich sind die Filme dann doch nicht.

   

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Wie in „Hinterland“ haben Sie auch in anderen Filmen einen Hang zu gebrochenen Figuren?

Ruzowitzky: Deren Entwicklung ist viel schwieriger; sie sind aber spannender als solche, die mit sich im Reinen sind und nichts mehr mit sich auszuhandeln haben.

Stefan Ruzowitzky beim Locarno-Filmfestival 2021 (© IMAGO / Independent Photo Agency Int.)
Stefan Ruzowitzky beim Locarno-Filmfestival 2021 (© IMAGO / Independent Photo Agency Int.)

Die Kriegsheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg finden in „Hinterland“ eine ganz andere Welt vor, als sie 1920 nach Wien zurückkommen. Nichts ist mehr stabil, nichts mehr vertrauenswürdig. Was hat Sie daran gereizt?

Ruzowitzky: Es ist bis heute ein österreichischer Komplex, dass wir glauben, uns gebühre ein Platz auf dem internationalen Parkett. Den hatten wir im Kaiserreich, was ja nicht schlecht war; jetzt aber sind wir ein unbedeutender Kleinstaat. Gerade gegenüber den Deutschen kommen diese Minderwertigkeitsgefühle immer wieder hoch, diese Mentalität, dass wir keine Chance haben und alles so schwierig ist. Der Verlust der Größe, das Trauma von damals, spielt noch immer eine wichtige Rolle in der österreichischen Seele. Wir haben in Wien diese imperialen Gebäude und fühlen uns trotzdem als Operettenstaat betrachtet. Dabei sind wir doch so wichtig, nur erkennt das niemand an! Dieses Gefühl hallt bis heute nach. Auf der anderen Seite ist diese Zeit sehr interessant. Nicht so sehr als Roaring Twenties; diese hedonistische Seite hat Babylon Berlin beackert. Sondern als schreckliche Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, mit den Hungersnöten und dem Abholzen des Wiener Waldes, weil die Menschen nichts mehr zum Heizen hatten. Eine Katastrophe.

Was kann uns die Verbindung von historischem Kontext und Horrorthriller heute noch sagen? Besonders einem jungen Publikum?

Ruzowitzky: Eines der Hauptthemen ist die Männlichkeit. Krieg ist eine urmännliche Angelegenheit. Eine ganze Generation von Männern hat hier durch den verlorenen Krieg größte Schmach und Demütigung erfahren. Sie kommen als Invaliden zurück in eine zerrüttete Gesellschaft. Sie sind traumatisiert, ihre Familien haben sich teilweise aufgelöst, die Frauen haben sie verlassen; die einstige Großmacht ist auf eine kleine Republik geschrumpft. In dieser Situation entsteht etwas ganz Gefährliches, etwas, das wir heute „toxische Männlichkeit“ nennen.

Die Gerichtsmedizinerin Dr. Körner (Liv Lisa Fries) ist die Lichtgestalt des Films (© SquareOne Entertainment)
Die Gerichtsmedizinerin Dr. Körner (Liv Lisa Fries) ist die Lichtgestalt des Films (© SquareOne Entertainment)

Sie schlagen den Bogen aber auch von der brutalen Männerwelt zu zerstörten Seelenlandschaften.

Ruzowitzky: Für ihre Verletzungen gibt es Gründe. Männer reagieren auf solche Belastungen und Krisensituationen oft instinktiv mit blinder Aggression gegen sich selbst oder gegen andere. Sie schlagen irgendwo rein, suchen einen Schuldigen. Dadurch entstehen starke politische Bewegungen. Deshalb gibt es im Film nur eine Lichtgestalt, die emanzipierte Gerichtsmedizinerin Dr. Körner, die den Protagonisten zeigt, dass es sehr wohl eine Zukunft gibt; keinen Niedergang, sondern einen krisenhaften Veränderungsprozess, der Neues und Gutes bringt.

Inwieweit haben Sie sich von Werken wie „Dr. Mabuse“ oder „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ inspirieren lassen? Fasziniert Sie diese Blütezeit des Films?

Ruzowitzky: Der deutsche Expressionismus zählt zu den Grundpfeilern der Filmgeschichte, auch wegen diesem Düsteren, dem Gigantomanischen. Aber, und das möchte ich ganz klar sagen, wir liefern keine Zitatenshow, sondern wir kommen zu denselben Lösungen. Wir zeigen, wie dieser Mann, bei dem alles aus dem Lot geraten ist, die Welt als verzerrt empfindet und gleichzeitig diese Größe sieht. Ich wollte kein biedermeierlich-süßliches Wien, sondern das imperiale Wien.

„Hinterland“ greift die verzerrte Wahrnehmung der Hauptfigur auf (© SquareOne Entertainment)
„Hinterland“ greift die verzerrte Wahrnehmung der Hauptfigur auf (© SquareOne Entertainment)

Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten, alles ist krumm, es gibt keinen Halt, keinen Gott, keinen Kaiser und Vaterland mehr…

Ruzowitzky: Genau. Das war die Ausgangsidee. Am Anfang haben die Digital Artists die Häuser mit Rundungen versehen. Das sah für mich nach Disney aus. Man hatte das Gefühl, dass alle gleich zu tanzen und zu singen anfangen. Für mich war es wichtig, diese Verzerrung auch visuell bedrohlich darzustellen.

Der Film entstand im leeren Studio. Sie haben größtenteils vor Blue Screen gedreht, vor nacktem blauem Hintergrund. Wie haben die Schauspieler darauf reagiert, das Team, der Kameramann? Sind die nicht verrückt geworden?

Ruzowitzky: Ein bisschen schon. Für die Schauspieler war es keine so große Veränderung. Im Theater stehen sie auf einem Bretterboden und stellen sich vor, sie seien der Prinz von Dänemark in Helsingør. Natürlich hilft es, wenn man die Atmosphäre des Ortes aufnehmen kann, aber die Essenz des Schauspiels ist doch die Konzentration auf den Spielpartner, alles andere ist Imagination. Ich hatte zuvor schon gelegentlich mit Blue Screen oder Green Screen gearbeitet; Computereffekte sind mir nicht fremd. Aber in „Hinterland“ habe ich wirklich Neuland betreten. Für den Kameramann und mich war es um einiges schwieriger, weil wir uns immer vorstellen mussten, was im Hintergrund passiert. Das hat uns sehr viel Rechenleistung abverlangt. Der Vorteil war, dass wir unabhängig von Wetter oder Zeitvorgaben drehen konnten.

Nach Ihrem „Auslands-Oscar“ für „Die Fälscher“ folgte die Hollywoodproduktion „Cold Blood – Kein Ausweg. Keine Gnade“. Sie hatten in Los Angeles damit den Fuß in der Tür. Warum haben Sie nicht mit einem zweiten US-Film einen Pflock eingeschlagen? Oder gefällt es Ihnen in Europa doch besser?

Ruzowitzky: Es gab durchaus Überlegungen, ganz dorthin zugehen. Aber dann würde man sich dieser Maschinerie vollkommen ausliefern. Los Angeles bietet ein tolles Leben, wenn man Erfolg hat und viel Geld verdient. Ansonsten ist es schwierig. Der Aufstieg in der Filmbranche hängt stark vom Zufall ab, wenn etwa ungeplant ein Star mitspielt. Darauf wollte ich mich nicht einlassen. Wenn sich ein passendes Projekt anbietet, würde ich zugreifen. Aber die ganz große Hollywoodkarriere hat nicht geklappt. Den jetzigen Zustand, mal ein internationales oder ein österreichisches Projekt, mal eine europäische Co-Produktion zu drehen, finde ich ideal.

Männer ohne Ziel: Die österreichischen Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg (© SquareOne Entertainment)
Männer ohne Ziel: Die österreichischen Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg (© SquareOne Entertainment)

Ich habe ein Foto von Ihnen gesehen, auf dem im Hintergrund viele Preise in einem Regal standen. Auch der „Oscar“?

Ruzowitzky: Das waren „Romys“ und andere Auszeichnungen. Der „Oscar“ hat einen Ehrenplatz. Der leider verstorbene Szenenbildner Isidor Wimmer von Die Fälscher hat mir ein kleines Podest gebaut, auf dem steht er, aber überhaupt nicht angeberisch. Diese Auszeichnung hat mein Leben verändert. Ich bin sehr stolz darauf. Man muss diese Statuette ehrenvoll behandeln und kann sie nicht, wie einige Preisträger erzählen, aufs Klo stellen.

Vor kurzem hat Ihr Erstling „Tempo“ sein 25. Jubiläum gefeiert. Was war das für ein Gefühl?

Ruzowitzky: Einfach schön, wenn ein Film weiterlebt und gut gealtert ist. Für einen zeitgeistigen Film ist das nicht selbstverständlich. Damals hat man sich mehr getraut als heute. Man wurde nicht von Bedenken gepeinigt, dass es zu gefährlich sei oder nicht funktioniere, weil sich der Film gegen Konventionen wandte. Daraus sollte man lernen, sich nicht zu verengen, sondern sich eine gewisse Naivität zu bewahren und die Lust auf Neues, sich einfach mal in eine Sache zu stürzen. Viele Kollegen machen einen brillanten Erst- oder Zweitfilm und verschwinden dann von der Bildfläche. In meiner Karriere ist über die Jahre hinweg auch mal was in die Hose gegangen. Doch dann genieße ich es wieder, wie bei Hinterland, wenn ein Film Furore macht, Preise gewinnt und sich international gut verkauft. Man darf kein „One-Hit-Wonder“ bleiben.

Sie drehen auch Serien wie „8 Tage“. Inwieweit sind die eine Option für Sie?

Ruzowitzky: Ich drehe gerade für Netflix Episoden der zweiten Staffel der Serie Barbaren. Das verlangt eine andere Art von Arbeit, man muss in der Regel doppelt so viel an Tag drehen, kann nicht so präzise arbeiten wie beim Spielfilm und hat nicht die Zeit für Detailverliebtheit. Aber es gibt tolle Serien, die ästhetisch oder erzählerisch die Welt verändert haben, um es mal pathetisch zu sagen. Die erste Staffel von „Barbaren“ hat weltweit über 37 Millionen Zuschauer erreicht. Mit einem Kinofilm wäre das unmöglich. Eine spannende Herausforderung. Aber die große Liebe gehört immer noch dem Kino.

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