© Lukasz Bak (aus "Leave No Traces")

Das 31. Filmfestival Cottbus

Freitag, 12.11.2021

Das Festival für den osteuropäischen Filme punktete in 2021 mit einem starken Wettbewerg und zahlreichen sehenswerten Nebenreihen

Diskussion

Das 31. Festival des osteuropäischen Films Cottbus fand in diesem Jahr wieder physisch in der Lausitz statt und empfing trotz Kapazitätseinschränkungen um die 10.000 Zuschauer. Es punktete mit einem starken Wettbewerb und bot zahlreiche sehenswerte Nebenreihen.


In einer stillgelegten Fabrikhalle hat sich eine Schar sehr diverser Frauen in scheinbar verschwörerischer Absicht zusammengefunden. Schließlich greift sich die jüngste von ihnen unter den zustimmenden Blicken der anderen einen Vorschlaghammer und zertrümmert eine Lichtkugel: Zum Vorschein kommt in leuchtenden Farben die sorbische Preisskulptur des Filmfestivals Cottbus, die Lubina. Diese Vision weiblicher Selbstermächtigung inszenierte Regisseurin Anna F. Kohlschütter im Trailer des Festivals, der vor jedem Film gezeigt wurde, und sie bewahrheitete sich zumindest im Wettbewerb Spielfilm. Dort gewann den Preis für den Besten Film Peter Kerekes’ „107 Mothers“, ein Werk, in dem ausschließlich Frauen zu sehen sind.


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Die sehenswerte slowakisch-tschechisch-ukrainische Koproduktion spielt in einem Frauengefängnis der ukrainischen Küstenstadt Odessa, in einem Sondertrakt für Mütter. Bis zum dritten Geburtstag der Kinder dürfen ihre Mütter sie zwei Stunden pro Tag sehen. In Unterrichtseinheiten sollen die Frauen zudem lernen, ihre Taten zu reflektieren und zu bereuen.

"107 Mothers" (Punkchart films)
"107 Mothers" (© Punkchart Films)

Zuständig für diese Integrationsarbeit ist die strenge, aber gutmütige Wärterin Ira, die viel Empathie für die Insassinnen und ihre Kinder zeigt. Der ledigen Frau, die ihre Mutter penetrant zum Heiraten auffordert, wird später noch eine Rolle als Retterin zufallen. Doch zuvor beobachtet dieser dokumentarisch wirkende Film detailgetreu das Alltagsleben der Mütter hinter Gittern, das erstaunlich friedlich verläuft. Er lässt die Gefangenen zu Wort kommen und zeigt sie bei der Arbeit oder verordneter und selbstorganisierter Freizeitgestaltung in der Unfreiheit. Fast ausschließlich mit Laiendarstellerinnen gedreht, begibt sich dieser nie wertende Film in einen Mikrokosmos, der sonst im Kino vernachlässigt wird und demonstriert, dass ein Film auch ganz ohne Männer auf der Leinwand funktioniert.


Der rote Faden: starke Frauenfiguren

Die Regisseure des Wettbewerbs Spielfilm waren freilich überwiegend männlich – von 12 Filmen aus 19 Produktionsländern stammten lediglich drei von Frauen. Dennoch zog sich das Thema sogenannter „starker Frauen“ wie ein roter Faden durch die Auswahl. Sie zeigte Frauen, die Widerstand gegen politische Systeme oder patriarchale Strukturen leisten oder ihr Frausein auf ganz persönliche Weise interpretieren und ausleben.

Gegen besonders viele Widerstände muss die Teenagerin Venera in der kosovarisch-nordmazedonischen Produktion „Looking for Venera“ ankämpfen. Venera möchte nicht sittsam sein, wie es die ungeschriebenen Gesetze in ihrem kosovarischen Dorf diktieren. Sie will ihrer freigeistigen Freundin Dorina nacheifern, die ihre Sexualität jenseits der Ehe auslebt. Venera will trinken, feiern und Jungen kennenlernen. Doch das ist in ihrem engem Drei-Generationen-Haus schwierig, zumal der Vater ein strenges Auge auf sie wirft. Der Film der kosovarischen Regisseurin Norika Sefa beschwört auch in seiner Bildsprache eine ständige Gefahr für seine kühne junge Heldin herauf. Gerade in Innenräumen schließt die Kamera bewusst Hintergründe aus und rückt so dicht an Venera heran, dass ihre Klaustrophobie spürbar wird. So schildert dieses sehenswerte Spielfilmdebüt ein Aufbegehren, den Versuch weiblicher Selbstbestimmung an einem Ort, wo moralische Repression sich verselbständigt hat und Mut nicht unbedingt belohnt wird.


Mehr Atmosphärisches als Dramatisches

Von drei Generationen kroatischer Frauen – Tochter, Mutter und Großmutter – erzählt dagegen das subtile Drama „A Blue Flower“. Die geschiedene Mirjana rackert sich seit 20 Jahren auf Arbeit ab, unterhält ein heimliches Verhältnis zu ihrem Chef und streitet sich zu Hause mit ihrer 15-jährigen Tochter. Als Mirjanas Mutter zu Besuch kommt, erreicht die innere Anspannung der Mittvierzigerin ihren Höhepunkt. Dennoch filmt Regisseur Zrinko Ogresta seine Familiengeschichte eher beiläufig, in einem Zeitrahmen von 24 Stunden. Die drei Frauen definieren sich und ihre Rolle Männern gegenüber höchst unterschiedlich: je jünger, desto unabhängiger. Am Ende mischen sich Wehmut über vertane Chancen und Gespräche in dieses schöne und gut gespielte Frauenporträt, das seinen traurigsten Moment auf eine originell verfremdende Weise entdramatisiert.

"Sughra's Sons" (Arizona Productions)
"Sughra's Sons" (© Arizona Productions)

Das in betörenden Schwarzweiß-Bildern gedrehte Historiendrama „Sughra’s Sons“ wiederum spielt in einem Dorf der aserbaidschanischen Sowjetrepublik während des Zweiten Weltkriegs. Manche der islamisch geprägten Einwohner verweigern den Kriegsdienst für Stalin und flüchten in die Berge. Die junge Mutter Sughra muss ihre beiden Söhne allein aufziehen, und das in einer Dorfgemeinschaft, die mit Nahrungsknappheit, ideologischer Spaltung und einem sexuell übergriffigen Kolchose-Vorsitzenden zu kämpfen hat. Auch dieser Film von Regisseur Ilgar Najaf konzentriert sich mehr auf das Atmosphärische, belässt Dramatisches in Ellipsen oder off camera und rückt dennoch seine tapfere Heldin in das Zentrum eines wenig bekannten Kapitels sowjetischer Geschichte.


Interesse am Austausch

Dass das Filmfestival Cottbus in diesem Jahr wieder physisch stattfinden konnte, erleichterte auch seine Macher. Programmdirektor Bernd Buder kommentierte: „Ich bin froh, dass das FFC mit vielen Gästen und großem Interesse am Austausch stattgefunden hat – ein für den Zusammenhalt und die Auseinandersetzung notwendiger Dialog, mehr denn je. Auch wenn einem bei dem morgendlichem Blick auf die Inzidenzen mulmig wurde.“ Doch das Festival traf alle Sicherheitsmaßnahmen: Vor jeder Vorführung kontrollierte das Personal gewissenhaft die 3-G-Regelungen. Sieben Spielstätten zeigten auf zehn Leinwänden etwa 170 Filme aller Genres und Längen in fünfzehn Festivalsektionen, darunter waren der U18-Wettbewerb Jugendfilm, das „Close up TR“ mit Filmen aus der Türkei, der Dauerbrenner Polskie Horyzonty sowie in der Sektion „Hits“ Blockbuster aus osteuropäischen Ländern. Die von Grit Lemke kuratierte Reihe „Heimat/Domownja//Domizna“ widmete sich dem Filmschaffen in der Nieder- und Oberlausitz zu sorbischen und regionalen Themen – passend in einer Stadt, deren sorbisches Erbe sich auch in den zweisprachigen Namensschildern spiegelt.

Der Wettbewerb Spielfilm fand weitestgehend im vor einigen Jahren aufwendig restaurierten Kino „Weltspiegel“ statt, da der traditionell als Festivalzentrum fungierende Hauptspielort „Stadthalle“ in diesem Jahr nicht zum Einsatz kam. Normalerweise bündeln sich in diesem riesigen Mehrzweckbau sozialistischer Architektur private und professionelle Treffen und herrscht lauschiger Festivaltrubel. Auf das Fehlen der Traditions-Spielstätte angesprochen, erklärt Andreas Stein, Geschäftsführer des Veranstalters pool production GmbH: „Nach einer Analyse haben wir uns dieses Jahr schweren Herzens gegen die Stadthalle entschieden und für das Alte Stadthaus und das Campuskino. Dies erleichtert das Einhalten der Hygiene- und Abstandsbestimmungen und bietet außerdem eine größere Platzkapazität. Außerdem konnten wir so das Einzugsgebiet des FFC noch weiter in den Stadtkern und die Altstadt Cottbus ausweiten.“

Aus gut informierten inoffiziellen Quellen erfuhr man dagegen, dass die Entscheidung gegen die Stadthalle wohl eher finanziellen Überlegungen geschuldet war, zumal in dem sehr geräumigen Saal der Stadthalle die Coronaregeln genauso gut, wenn nicht besser, hätten umgesetzt werden können als im „Weltspiegel“. Auch tragen längere Wege zwischen den einzelnen Spielstätten bei Festivals zu mehr Zeitdruck bei – zumindest bei professionellen Besuchern oder Vielguckern.


Herausragendes Politdrama: „Leave No Traces“

Neben „Sughra’s Sons“ setzte sich im Wettbewerb Spielfilm ein weiterer Film mit dunklen Kapiteln des osteuropäischen Sozialismus auseinander. Jan Matuszynskis packendes polnisches Historiendrama „Leave No Traces“, der bereits in Venedig gelaufen war, gewann den Preis für die Beste Regie. Der auf wahren Begebenheiten beruhende Film erzählt, wie der 18-jährige Abiturient Gregorz im Polen des Jahres 1983 nach einer willkürlichen Verhaftung auf einer Polizeiwache zu Tode geprügelt wird und staatliche Behörden später mit viel Aufwand die Tat vertuschen. In einer von allgegenwärtiger Repression geprägten Gesellschaft kurz nach Beendigung des Kriegsrechts muss sich der einzige Zeuge des Vorfalls, Grzegorz’ Freund Jurek (gespielt von dem sehr talentierten, in neueren polnischen Produktionen allseits präsenten Tomasz Zietek), ständig vor der Geheimpolizei verstecken. Selbst als die ihm wohlgesinnte Staatsanwältin seine Zeugenaussage aufnimmt und damit sein Leben rettet, gelingt es Vertretern des Staatsapparats, den aufrechten Generalstaatsanwalt abzusetzen und Unschuldige zu Tätern zu machen. Matuszynskis Film ist Thriller und Gesellschaftsstudie in einem und inszeniert nachvollziehbar eine von Angst und Überwachung geprägte Gesellschaft, in der sogar Väter ihre Söhne denunzieren. Assoziationen zur heutigen Gleichschaltung der Justiz in Polen drängen sich auf.

"Leave No Traces" (© Lukasz Bak)
"Leave No Traces" (© Lukasz Bak)

Machten einige Filme des Wettbewerbs Spielfilm auf prekäre oder angespannte Arbeitsverhältnisse aufmerksam (etwa der ansonsten eher beschwingte „Orchestra“ von Matevz Luzar), warfen zwei Werke auch einen Blick auf fragile Männlichkeit. In dem ungarisch-rumänischen Film „Spiral“ zieht der Ex-Lehrer Bence mit seiner Freundin Janka aufs Land, um eine Fischzucht aufzubauen. Als Janka verschwindet (woran Bence nicht unschuldig ist), macht Bence einfach weiter wie zuvor. Während das Spiel vor Bekannten und Verwandten funktioniert, plagen den zwischen Verzweiflung, Verdrängung und Skrupellosigkeit schwankenden Mann bald Albträume. Regisseurin Cecilia Felméri spiegelt in den Bildern der scheinbaren Naturidylle, in der das Darwin‘sche Gesetz des Stärkeren lauert, die Gefühlswelt von Bence. Ganz offensichtlich hat er den gesellschaftlichen Druck verinnerlicht, sich als Mann keinerlei Schwäche leisten zu können.


Von schwachen und starken Männern

Von schwachen und starken Männern handelt auch Levan Koguashvilis georgischer Beitrag „Brighton 4th“ (der mit Russland, Bulgarien, Monaco, USA koproduziert wurde). Khakchi, ein mittlerweile betagter Ex-Meister im Ringen, reist vom georgischen Tbilissi nach New York City, um seinem spielsüchtigen, hochverschuldeten Sohn zu helfen. Dabei trifft er auf die georgische und ex-sowjetische Diaspora im Big Apple sowie auf russische Mafiosi und bekommt einen Einblick in die raue soziale Realität vor Ort. Sorgen und Auseinandersetzungen werden in diesem Milieu einfach verdrängt oder mit Alkohol heruntergespült. Der Hauptkonflikt wird schließlich durch ein archaisches Männlichkeitsritual gelöst, dessen tragischer Ausgang eine Abkehr von überholten ungeschriebenen Gesetzen anmahnt. Levan Tediashvili (der 1972 tatsächlich Olympiasieger im Ringen in München wurde) erhielt für die Rolle des Vaters den Preis für eine herausragende darstellerische Einzelleistung, während der Film auch den Preis der Ökumenischen Jury und der Fipresci erhielt.

Weitere Preisgewinner waren „Techno, Mama“ von Saulius Baradinskas, der den Hauptpreis des Wettbewerbs Kurzfilm gewann, während „Comrade Policeman“ von Assel Aushakimova mit dem Spezialpreis unter den Kurzfilmen ausgezeichnet wurde. Im U18-Wettbewerb Jugendfilm wurde die Coming-of-Age-Geschichte „Youth Topia“ von Dennis Stormer und Marisa Meier ausgezeichnet, während sich der Eröffnungsfilm „Abteil Nr. 6“ von Juho Kuosmanen den Publikumspreis verdiente.


Ausgewählte Filme des Festivalprogramms können bis zum 16.11 auch online gestreamt werden.

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