© IMAGO/Prod.DB (Roger Fritz in "Das Eiserne Kreuz" von Sam Peckinpah, 1977)

Ein Nachruf auf Roger Fritz

Dienstag, 07.12.2021

Zum Tod des Fotografen, Schauspielers und Regisseurs Roger Fritz (22.9.1936 – 26.11.2021)

Diskussion

Der 1936 geborene Roger Fritz bleibt Cineasten nicht zuletzt durch seine Auftritte in Filmen von Rainer Werner Fassbinder in Erinnerung; seine Karriere war darüber hinaus aber sehr vielseitig; er arbeitete als Fotograf und Reporter und war auch im Filmgeschäft nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera als Regisseur aktiv. Erinnerungen an ein zerklüftetes Oeuvre.


Zu seinem 80. Geburtstag gratulierte die Rainer Werner Fassbinder Foundation Roger Fritz mit dem Hinweis, es sei schneller aufgezählt, was er nicht gemacht habe, als „alles zu beschreiben, was er gemacht hat“. Geboren in Mannheim, absolvierte der Fotograf, Reporter, Darsteller, Regisseur, Produzent und Gastronom eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann und arbeitete als Bäcker, bevor er beim Trampen den renommierten Fotografen Herbert List kennenlernte, der ihn in die Schwabinger Bohème einführte und dem Fritz, selbst ein talentierter Fotograf, gelegentlich assistierte.

Noch keine 20 Jahre alt, gewann er 1956 einen Preis auf der Photokina und erhielt prompt ein Jobangebot als Fotograf beim Kölner Stadt-Anzeiger. 1959 gehörte Roger Fritz dann zum Gründungsteam des innovativen Magazins „Twen“, wurde allerdings von Else Bongers überredet, gegen Bezahlung die neu gegründete Ufa-Nachwuchsschule zu besuchen, weil sie Fritz’ Filmstar-Potenzial erkannte. Er selbst erklärt dazu einmal: „Ich habe schon gut ausgesehen und hatte fabelhafte Manieren.“


Jetset-Phantom

Beides prädestinierte Fritz nicht nur zu einer Assistenz bei Luchino Visconti, sondern verhalf ihm auch zur Hauptrolle in Jet Generation“ (1968) von Eckart Schmidt, den Fritz gleichzeitig produzierte. Schmidt: „Wir suchten gemeinsam nach einem geeigneten Darsteller für die Rolle des Raoul (Voraussetzungen: attraktives Aussehen, natürliche Vitalität, internationaler Typ), aber wir mussten passen; in Deutschland existiert dieser Typ offenbar nicht, und die ausländischen Darsteller, die ich in Erwägung zog (…), waren nicht zu haben. Fritz lag ziemlich genau auf der Rolle, und so entschloss ich mich, ihn zu nehmen (…)“. Der Filmkritiker Hans Schifferle gratulierte rückblickend: „Da spielt er – vielleicht besser als Terence Stamp – den geheimnisvollen Mann der Sixties, grausam und zärtlich, von Männern und Frauen zugleich geliebt, ein Jetset-Phantom.“


Roger Fritz war nicht zuletzt auch als Fotograf bekannt. Hier 2008 mit seiner Sammlung von Romy Schneider-Fotografien in München(© IMAGO/Stefan M Prager)
Roger Fritz war nicht zuletzt auch als Fotograf bekannt. Hier 2008 mit seiner Sammlung von Romy Schneider-Fotografien in München (© imago/Stefan M. Prager)

Es folgten weitere Auftritte, unter anderem für Marran Gosov („Zuckerbrot und Peitsche“, 1968), Theodor Kotulla („Bis zum Happy End“, 1968), Rudolf Thome („Fremde Stadt“, 1972), Sam Peckinpah („Steiner– Das eiserne Kreuz“, 1976/77), Rainer Werner Fassbinder („Despair– Eine Reise ins Licht, 1977/78; „Berlin Alexanderplatz“, 1979/80; „Lili Marleen“, 1980 und „Querelle“, 1982), Burkhard Driest („Annas Mutter“, 1983/84), Wolf-Eckart Bühler („Der Havarist“, 1983/84) oder Ulli Lommel („Daniel, der Zauberer“, 2003/2004).


Zwischen den „Oberhausenern“ und Papas Kino

Noch 2014 schien es durchaus legitim, den Regisseur Roger Fritz als einen „fast vergessenen Außenseiter im deutschen Kino der späten 1960er-Jahre“ zu charakterisieren. Andererseits eilte den viele Jahre unsichtbaren Filmen ein Ruf voraus, der vielversprechend war. Wie Will Tremper, Roland Klick, Klaus Lemke, Rudolf Thome oder eben Eckart Schmidt drehte Roger Fritz als erklärter Außenseiter zwischen 1966 und 1981 eine Handvoll Kinofilme im Off zwischen den „Oberhausenern“ und dem Kommerz von Papas Kino. Unabhängig, lieber eigenes Geld in die Filmproduktion steckend.

Nach dem prämierten Kurz-Dokumentarfilm „Verstummte Stimmen“ (1962) drehte Fritz sein Kinodebüt „Mädchen, Mädchen“ (1966), der allerdings bei der Kritik wahlweise mit Pauken und Trompeten durchfiel, beziehungsweise „verkannt, verachtet, verprügelt oder allgemein ignoriert“ wurde, wenngleich die Hauptdarstellerin und Fritz’ Ehefrau Helga Anders für ihre Leistung immerhin mit einem „Bundesfilmpreis“ ausgezeichnet wurde. Ein Erfolg?

Oberflächlichkeit, mangelnde psychologische Figurenzeichnung, prätentiöse Dialoge und ein Hang zur Kolportage, zum Spekulativen, zum Kommerziellen – derlei Einschätzungen trafen die folgenden Filme „Häschen in der Grube“ (1968), „Mädchen...nur mit Gewalt“ (1969) und die Fernseharbeit „Zwischen uns beiden“ (1971). 1981 folgte dann noch der ziemlich knallige „Frankfurt Kaiserstraße“, eine leicht angeranzte Kolportage, von der Kritik als „Milieufilm“ abgetan, aber für ein anderes Publikum mit dem Label „New Wave-Film“ geadelt.


Ein Oeuvre, das zur Re-Vision einlädt

Ein zerklüftetes Oeuvre wie dasjenige von Roger Fritz, der in den 1970er-Jahren „nicht mal unter Pseudonym wie Roland Klick“ Serien für das Fernsehen inszenierte, fügt sich bestens zum Impuls einer kritischen Re-Vision des schlecht gealterten Kanons des Neuen deutschen Films unter dem Gesichtspunkt der verpassten Chancen und vertanen Möglichkeiten. Fündig wird man allerdings eher bei Zeitschriften wie "Siggi Götz Entertainment" oder eben „Gdinetmao“, wo Rainer Knepperges 1999 über die etwas andere Unverschämtheit der Filme von Roger Fritz schrieb: „Die Filme von Roger Fritz tun nie so, als würden wir, was gezeigt wird, nicht bereits kennen; deshalb sind sie auch keineswegs ‚immer noch aktuell‘, sondern etwas, was es heute kaum noch gibt, sie sind komplett modern.“

Mag sein, dass Roger Fritz nach der Scheidung von Helga Anders allmählich das Interesse verlor, weiter Filme zu drehen, wie Knepperges vermutet. Stattdessen hat er weiter sehr erfolgreich als bestens vernetzter Reporter für die großen Magazine gearbeitet, für „Bunte“, „Stern“, die französische „Vogue“, hat Fotobände publiziert und konnte von Begegnungen mit prominenten Zeitgenoss:innen von Romy Schneider bis Andy Warhol, von Freddie Mercury bis Ernst August von Hannover berichten.

Schließlich reüssierte Fritz in München auch noch als Gastronom von aus heutiger Sicht noch immer legendären Kneipen wie dem „Pappasito’s“. Am 26. November 2021 ist Roger Fritz im Alter von 85 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben.

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