© Daniel Seiffert/Berlinale

Berlinale 2022 - Corona-Widerstand und mehr

Sonntag, 20.02.2022

Die Bilanz der 72. „Berlinale“ fällt durchweg positiv aus, weil eine vielfältige Filmauswahl und ein erfolgreiches Sicherheitskonzept für ein stimmungsvolles Festival sorgten

Diskussion

Die 72. „Berlinale“ war ein echter Erfolg. Auch im eingeschränkten Betrieb erwies sich das Festival als krisenfest und verfolgte souverän seine filmischen Ansprüche. Zwar ließ sich die Corona-Pandemie nie ganz vergessen, doch ein ausgeklügeltes Sicherheitskonzept und eine vielfältige Filmauswahl sorgten für eine stimmungsvolle Festivalausgabe.


Auch ein Schweizer Uhrwerk ist nur so präzise wie die Person, die es gebaut hat. In Cyril Schäublins Spielfilm „Unrueh“, der auf der „Berlinale“ 2022 in der „Enconters“-Sektion Premiere feierte und dort den Regiepreis gewann, blickt der Regisseur mit höchster Aufmerksamkeit auf die diffizilen Arbeitsschritte, mit denen im Uhrmachertal von St. Imier im Jahr 1877 Männer und Frauen ihr Handwerk ausüben. In der Pflege der Kleinteiligkeit liegt ein besonderer Reiz des Films, der sich dem Drang des Historiengenres zu dramatischer Zuspitzung und willkürlichen Modernisierungstendenzen konsequent widersetzt. Die Sorgfalt bei der Arbeit wird dadurch von der Beigabe zu einem zentralen Punkt des Films, was sich auch in der Gabe der Reflexion unter den Arbeitenden äußert. Dem aus Russland angereisten Geografen und Anarchisten Pjotr Kropotkin schwirrt sichtlich der Kopf, als ihm eine der Frauen haarklein die einzelnen Arbeitsschritte aufzählt; die lächelnde Bemerkung des Gelehrten, er habe alles verstanden, ist Ausdruck der sanften Ehrfurcht, die „Unrueh“ vor dem Werk der Uhrmacher bezeugt.

Feinbarbeit: "Unrueh" (Seeland Production)
Feinarbeit: "Unrueh" von Cyril Schäublin (© Berlinale 2022/Seeland Filmproduktion)

Die Feinarbeit von „Unrueh“ gehörte zu den bemerkenswertesten Entdeckungen bei der 72. „Berlinale“ (10.-20.2.2022) und erwies sich durchaus als Spiegelung eines Festivals, das ebenfalls aus unzähligen kleinen Elementen zusammengesetzt ist. Viele davon kehrten in diesem Jahr wieder, nachdem sie 2021 angesichts der Corona-Pandemie nur in Sparversion und obendrein noch in der zweigeteilten Form einer März- und Juni-Ausgabe präsentiert worden waren. Die Sektionen erschienen wieder in gewohntem Umfang, das Publikum sorgte für ausverkaufte Vorführungen, Filmemacher und Stargäste waren präsent, es gab Pressekonferenzen, alle Jurys waren vor Ort, und auch die 2021 ausgesetzten Auszeichnungen wie der Preis der Ökumenischen Jury oder der Amnesty-Filmpreis fanden wieder Einzug ins „Berlinale“-Programm.


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Von einem „Normalbetrieb“ des Festivals, wie er zuletzt 2020 stattfand, konnte trotzdem nicht die Rede sein. Die 72. Ausgabe stand durchweg unter dem Zusatz des Sicherheitskonzepts, das jeden Bereich der „Berlinale“ erfasste und bei aller Freude über das Filmgeschehen auch nie vergessen werden konnte. Mit dieser Einschränkung konnte das Festival aber beachtlich reibungslos durchgeführt werden, wobei es wohl der wichtigste Erfolgsfaktor war, dass man sich bei den Besuchern auf ein Corona-gemäßes Verhalten verlassen konnte.

Dementsprechend führte das Festival auch vor, wie absurd mancher medialer Vorstoß im Vorfeld gewesen war, der eine als Präsenzveranstaltung durchgeführte „Berlinale“ als fatales Signal in Zeiten der Omikron-Welle oder gar als vermeintliche Pandemietreiberin dämonisierte. Ein pseudo-ungläubiges „Echt jetzt?“, mit dem die „Zeit“ beim Bekenntnis der „Berlinale“-Leitung zum Live-Ereignis pauschal das Vertrauen auf das gewählte Hygiene-Konzept bekrittelt hatte, schrumpfte im Alltag des immer neuen Testens, Regelbeachtens und besonderen Aufpassens rasch zur festivalrealitätsfernen Entgleisung herunter. Umso mehr, als eine der „Heldinnen“ der „Berlinale“, die von Meltem Kaptan so herzhaft interpretierte Mutterfigur in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, eben diesem Satz „Echt jetzt!“ im Film eine trotzig-optimistische Färbung verleiht, die durchaus für die gesamte Stimmung dieser „Berlinale“ gelten konnte.


Isabelle Huppert erkrankte an Covid

Als Zuschauer konzentrierte man sich daher erleichtert auf die Filme und wünschte einigen der erzwungenen Neuheiten – etwa dem Fehlen von Schlangen vor den Kinos durch zugewiesene Plätze – sogar dauerhaften Bestand. Gleichwohl blieb das Gefühl nicht immer aus, nur eine halbierte „Berlinale“ mitzuerleben, und das nicht allein, weil der „offizielle“ Teil mit Pressevorführungen und Filmteam-Auftritten schon nach sieben Tagen beendet war oder nur halb so viele Karten wie in normalen Jahren angeboten wurden. Anders als die Filmvorführungen fanden mit dem „European Film Market“, dem „Berlinale Co-Production Market“, den „Berlinale Talents“ und dem „World Cinema Fund“ etablierte Branchenveranstaltungen erneut nur online und damit außerhalb der Wahrnehmung im „Berlinale“-Alltag statt. Und dass mit Isabelle Huppert ausgerechnet die Ehrenpreisträgerin just am Tag ihrer geplanten Anreise in Paris positiv auf das Coronavirus getestet wurde und für die Gala nur zugeschaltet werden konnte, war im Gesamtbild der „Berlinale“ ebenfalls ein weniger glücklicher Moment.

Lockdown-Fantasy: "Coma" von Bertrand Bonello  Berlinale 2022/Les films du Bélier)
Lockdown-Fantasy: "Coma" von Bertrand Bonello (© Berlinale 2022/Les films du Bélier)

Auf den Leinwänden war hingegen zu erleben, dass die Pandemie die Filmemacher alles andere als gelähmt hat – und dass ein Dreh unter Corona-Bedingungen weit mehr als Konversationsstücke für Kleingruppen in übersichtlichen Räumen oder auf Freiluftflächen hervorbringen kann. So präsentierten sich in Berlin spannende, vielfältige, durchaus auch aufwändige Filme: Bertrand Bonello unternimmt in „Coma“ eine assoziative Fantasiereise in die Wahrnehmung seiner Tochter angesichts der Lockdown-Situation, Peter Strickland entfaltet in „Flux Gourmet“ die skurrile Kreativität kulinarischer Performance-Kunst in einem abgeschiedenen Anwesen, Graham Moore lässt in „The Outfit“ einen Maßschneider ein nächtliches Katz-und-Maus-Spiel mit Gangstern durchziehen.

Indirekt geprägt oder wenigstens beeinflusst von Corona erscheinen auch die vielen Filme, die eine neue Wertschätzung für Arbeitsprozesse in sich tragen, sei es für das Handwerk wie bei „Unrueh“ oder das genau beobachtete bäuerliche Leben in Wettbewerbsbeiträgen wie „Alcarràs“, „Drii Winter“ und „Yin Ru Chen Yan“, sei es durch die zahlreichen filmischen Perspektiven auf künstlerische Entfaltung.


Das neue Konzept hat sich bewährt

Eine solche Konzentration auf künstlerische Aspekte wäre auch der „Berlinale“ noch stärker zu wünschen, bei der unter normalen Umständen eine ausführliche Zwischenbilanz der nunmehr dreijährigen Leitung durch Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian fällig wäre. Diese lässt sich für die Filmauswahl und -präsentation durchaus ziehen. Denn was 2020 vielversprechend seinen Anfang nahm, hat sich zwei Jahre später verfestigt. Bei einer Verkleinerung der Filmmenge, die sich keineswegs nach einem radikalen Schnitt anfühlt, ist der Wettbewerb zu einer stabilen Kür von interessanten bis herausragenden Autorenfilmern geworden, auch wenn die ganz großen Namen weiterhin Cannes oder Venedig den Vorzug geben. Die neu etablierte Sektion „Encounters“ entpuppt sich als attraktive Anlaufstelle für innovative Filmschaffende; die weiteren Sektionen behaupten ihre Stellung, die Retrospektive (zu den Hollywood-Darstellerinnen Mae West, Carole Lombard und Rosalind Russell) strahlte 2022 einmal mehr mit ihrer herausragenden filmhistorischen Prägnanz.

Offen bleibt jedoch zumindest für dieses Jahr, wie sehr sich der Ansatz des „Berlinale“-Führungsduos bewährt, wenn eine Festivalausgabe ohne kurzfristige Improvisationen stattfindet. Angesichts des zunächst auf fünf Jahre angelegten Vertrags von Rissenbeek und Chatrian könnte die „Berlinale“ 2023 mit einem vielleicht wieder „normalisierten“ Festival wichtige Weichen für die Zukunft der „Berlinale“ stellen.

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