© Asango/Egon Teske (Hellmuth Costard 1968 in Oberhausen)

Filmliteratur: „Hellmuth Costard. Das Wirkliche war zum Modell geworden“

Montag, 07.03.2022

Ein Reader mit bislang noch kaum erschlossenen Briefen, Fotos und Texten macht den Experimentalfilmer Hellmuth Costard als solitären Künstler und Erfinder zugänglich

Diskussion

Hellmuth Costard (1940-2000) war einer der wichtigsten deutschen Experimentalfilmer. Sein Werk ist bislang kaum erschlossen. Eine Auswahl von über 100 Briefen, Fotos, Texten und Zeichnungen aus dem Nachlass und aus privaten Archiven macht Costard nun als Filmemacher, film- und klimapolitischen Aktivisten, Erfinder und Künstler sichtbar.


Eine Frage, die sich gleich zu Beginn der Lektüre des Buches „Das Wirkliche ist zum Modell geworden“ stellt und am Schluss ein weiteres Mal, nur anders gewendet, weil zwischenzeitlich durch vielfältiges Material aus dem Nachlass von Hellmuth Costard angereichert: Als was kann, soll oder muss die Veröffentlichung besprochen werden? Als Filmbuch? Als Künstlermonografie? Katalog? Hagiografie? Werkverzeichnis? Ich will versuchen, es als dreierlei anzusehen: als Gebrauchsanweisung, als Landkarte und außerdem als Resümee einer künstlerischen und politischen Praxis, die mit Defiziten behaftet sein mag, in ihrer Kompromisslosigkeit aber zumindest Respekt abnötigt. Daraus folgt viertens, das Buch nicht als Liebesdienst zu betrachten, sondern als ungemütliche Notwendigkeit.

Als Gebrauchsanweisung ist es weniger darauf aus, sich in Bewunderung über ein Werk zu ergehen; vielmehr soll etwas sichtbar werden, nämlich ein widerständiges künstlerisches Credo, sowie das daraus sich ableitende operative Handeln. Der Herausgeber Lars Henrik Gass macht in seinem Vorwort unmissverständlich deutlich, dass seine Zusammenstellung der „Dokumente aus der Werkstatt“ von Hellmuth Costard nicht darauf aus ist, den Regisseur als einen von der Filmgeschichte zu Unrecht vergessenen Meister zu inthronisieren; die Text wollen Costard vielmehr als Solitär verständlich machen, als film- und klimapolitischen Aktivisten, als Erfinder und Kunstproduzenten.


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Wie ließe sich Costards Position beschreiben? Flapsig gesagt: als abseitig. Als solche war sie kaum tauglich, um sich mir nichts, dir nichts in die Filmgeschichte einzugemeinden. Mit seiner Produktion strebte Costard nicht nach künstlerischer Anerkennung, sondern nach der Anerkennung des Künstlers durch seinen Beitrag für die Gesellschaft. Die Bedeutung des Filmemachers, so Gass, ist nicht so sehr „im überlieferten Werk begründet“, als vielmehr im Verfahren, in den „offenen, teils zugespitzten Fragen zum Verhältnis zwischen Gesellschaft, Kunst und Technik, die Person und Werk hinterlassen und die sich nicht einfach im Klischee vom engagierten Künstler oder neuen Rollenbildern einer postästhetischen Ethik abbilden lassen, mit der heute künstlerische Ambivalenz überwunden und Versöhnung zwischen Kunst und Gesellschaft erzwungen werden soll.“

Außerirdische konstruieren ein Sonnenkraftwerk: "Aufstand der Dinge" (Hellmuth Costard Filmproduktion)
Außerirdische konstruieren Sonnenkraftwerk: "Aufstand der Dinge" (© HC Filmproduktion)

Die allgemeine Wahrnehmung von Hellmuth Costard, sofern man davon überhaupt sprechen kann, konzentrierte sich meistens darauf, ihn als den Verursacher eines, vielleicht zweier, bestenfalls dreier Filme zu sehen: „Besonders wertvoll“ (1968), „Fußball wie noch nie“ (1971), und „Der kleine Godard an das Kuratorium junger deutscher Film“ (1978). „Besonders wertvoll“ genießt sogar eine notorische Berühmtheit als Skandalfilm, da sich mit ihm die „Sprengung“ der Oberhausener Kurzfilmtage von 1968 verbindet. In einem späteren Film von Costard, „Aufstand der Dinge“ (1992), der Teil eines multidisziplinären Projekts zur alternativen Energiegewinnung war, mischen sich Außerirdische in den Bau eines Sonnenkraftwerks ein. Die Verunsicherung der Zuschauer ist dabei wie schon in „Besonders wertvoll“ die Methode des Films, nicht sein Zweck. Denn es geht, wie häufig in den Filmen von Hellmuth Costard, um Überraschungen, die von den Umständen der Realisierung her selbst ins Geschehen des Films hineinragen. Wir bezeugen Metamorphosen, erleben extreme Fokussierungen, erfahren Zeit- und Perspektivdrehungen. Es kann einem manchmal schwindelig werden beim Zusehen, während im nächsten Moment alle Zeit der Welt gewährt wird, um alltäglichen Vorgängen beizuwohnen, die hier aber ganz anders aussehen als gewohnt.

Jedes einzelne Projekt des Filmemachers ist ein Versuch übers Ganze, ein technisches Experiment zur Veränderung der Welt. Ein Suchen und Scheitern. „Scheitern an Strukturen, Scheitern ans sich selbst.“ Die These, die Lars Henrik Gass in Stellung bringt, ist, dass sich in Costards Vita Activa (zwischen 1964 und 2000) eine Verlaufsfigur ausmachen lässt, die sowohl auf der Makroebene, also dem Werk als Ganzem, wie auf der Mikroebene dieses Buchs darin besteht, dass für ihn Kunst „nach einer sehr viel grundlegenderen, erweiterten, sozialen Wirkung strebt“, als die Gesellschaft zuzulassen bereit ist.


Eine Neuvermessung des kollektiven Unbewussten

Die mit ebenso knappen wie sinnstiftenden Einführungen des Herausgebers versehenen 14 Kapitel des Buchs legen davon ungefiltert Zeugnis ab: Comiczeichnungen, Drehbuchexposés, Miszellen, Selbstinterviews und Patentskizzen. Ebenso Seiten eines faksimilierten Kinderbuchs (!). Und Briefe aus dem Zusammenhang der Hamburger Filmmacher Cooperative, an das Kuratorium junger deutscher Film oder die Redaktion des Kleinen Fernsehspiels (ZDF). Des weiteren auch an Heinz Rathsack (Gründungsdirektor der dffb), Gyula Trebitsch (Gründer von Studio Hamburg), Joseph Beuys oder Oskar Lafontaine (in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident des Saarlands).

„Das Wirkliche war zum Modell geworden“ ist die praktische Anwendung der Hypothese, dass Geschichte mit jeder aufkommenden Betrachtung neu geschrieben und konstruiert wird. Nicht nur die Nahsicht persönlicher Erinnerung ist größeren oder kleineren Erschütterungen, Verwerfungen, Umwidmungen unterworfen, auch die Landkarte des kollektiven Gedächtnisses wird immer wieder neu vermessen.

So erscheint dieses Costard-Buch auch wie ein kartografisches Projekt. Es ist erkenntnisbefördernd insofern, als man darüber auf Regionen, Inseln, Wüsten, Sümpfe, übervölkerte Landstriche oder bislang unkartierte Gegenden stößt, die man bisher gar nicht „auf dem Schirm“ hatte. Entsprechend erlaubt sich der Rezensent auch die Vermutung, dass Lars Henrik Gass mit seiner Montage der Archivalien einen kleineren Taschenatlas (14,5 x 24 Zentimeter) zu verfertigten gedachte. Ein Vademecum, das am Ende verlässlichere Bilder des abgebildeten Terrains erstehen lässt, als es Erzählung oder Legende vermögen würden.


Auf den Spuren von Don Quijote

Die hier vorgeschlagene Beschäftigung mit Hellmuth Costard lädt nolens volens zur Assoziation ein, in ihm eine Don Quijote-Figur zu sehen. So notierte der Filmemacher in einem Text aus dem Zusammenhang von „Der kleine Godard“: „Irgendetwas zwingt uns immer, unser eigenes Unglück zu buchstabieren.“ Costard offenbart hier, und Lars Henrik Gass bereitet ihm dafür einen trefflichen Rahmen, dass er sich vielleicht wie eine selbst-bewusstere Neuverkörperung des Ritters von der traurigen Gestalt gesehen hat, als einen, der sagt: „Ich bin dir nicht Bruder, ich bin deine Möglichkeit.“ In einem Aufsatz zur Wesensart des Don Quijote schrieb der tschechische Literaturwissenschaftler Václav Černý einmal: „Muss man nicht sagen, dass es nie ein irdischeres Geschöpf als Don Quijote gab? Denn nichts tut der Welt in ihrer Niedrigkeit dringender Not, als eine Dosis Quijotismus. Was ist denn Verwerfliches daran, wenn ein Mann einen wahnsinnigen Kampf kämpft, der seine Kräfte übersteigt? Entschlossenheit nennt man dies und nicht anders, und das verträgt sich gelegentlich sogar mit guter Laune. (…) Warum also jemanden abqualifizieren, der einen Nagel in die Wand schlägt und dazu seinen Kopf anstelle eines Hammers benutzt? Wahrscheinlich hat man ihm den Hammer aus der Hand gerissen, oder er vertraut einfach seinem Kopf mehr als dem Hammer. Ist nicht viel wichtiger, dass er den Nagel eingeschlagen hat, und ist er nicht edel, da er den eigenen Kopf gegen die Wand schlug, und nicht den eines Fremden.“



Hellmuth Costard. Das Wirklich war zum Modell geworden. Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Lars Henrik Gass. Verlag Brinkmann & Bose. Berlin 2022. 240 S., zahlr. Abb., 26,00 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung.

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