© Prokino

Wegschauen ist keine Alternative - Gespräch mit Audrey Diwan

Freitag, 01.04.2022

Ein Interview mit Audrey Diwan zu „Das Ereignis“

Diskussion

Für ihr Drama Das Ereignisgewann die französische Filmemacherin Audrey Diwan 2021 beim Filmfestival Venedig den „Goldenen Löwen“. Basierend auf dem autobiografischen Roman von Annie Ernaux erzählt sie von einer Studentin in den 1960er-Jahren, die durch eine ungewollte Schwangerschaft an einen Scheideweg gerät und sich einer illegalen und gefährlichen Abtreibung aussetzt. Ein Gespräch über die Inszenierung einer weiblichen Ausnahmesituation.


War Abtreibung schon vor dem Film ein Thema für Sie oder kam das Interesse erst durch den Kontakt zur Buchautorin Annie Ernaux?

Audrey Diwan: Das Thema war mir sehr bewusst, ich hatte vor einigen Jahren selbst eine Abtreibung und war natürlich in einer komfortableren Situation als die Figur Anne, stand unter ärztlicher Aufsicht und musste nicht mit einer Stricknadel an mir herumexperimentieren. Aber auf das Buch bin ich ziemlich spät gestoßen und war nicht nur erschüttert, sondern ziemlich wütend. Da habe ich gemerkt, wie groß der Unterschied zwischen dem war, was ich mir überlegt hatte und was wirklich in den 1960er-Jahren passierte. Annies traumatische Erfahrungen waren schlimmer als alles, was ich mir je vorstellen konnte.

Inwieweit war Annie Ernaux in Ihre Arbeit involviert?

Diwan: Wir haben erst einmal einen ganzen Tag zusammen verbracht und geredet und geredet. Als sie auf den genauen Ablauf der Abtreibung zu sprechen kam, flossen bei ihr die Tränen. Sie war zu dem Zeitpunkt erst 23. Mich hat ihre Schilderung völlig fertiggemacht. Um ein höchstmögliches Maß an Authentizität zu erhalten, habe ich sie gebeten, die verschiedenen Drehbuchfassungen zu lesen. Ich wollte sicher sein, dass die Geschichte ehrlich erzählt wurde, und hoffe, dass ich das mit Annies Hilfe geschafft habe.

     Das könnte Sie auch interessieren:


Was hat Sie besonders berührt?

Diwan: Da ist Anne, eine junge Frau, die frei sein will, als erste in der Arbeiterfamilie studieren darf und ihr ganzes Leben vor sich hat. Und dann schwanger wird. Wie sie ihre gesamte Kraft aufbietet, eine Lösung zu finden. Was mich auch berührt und gleichzeitig erbost hat, war der Umgang mit weiblicher Sexualität, diese scheinheiligen Moralvorstellungen. Soziale Ächtung galt als Strafe für „Unsittlichkeit“. Die Verantwortung für die Schwangerschaft wurde allein der Frau angelastet. Einiges hat sich da leider bis heute nicht geändert.

Audrey Diwan mit dem „Goldenen Löwen“ (© IMAGO / SNA)
Audrey Diwan mit dem „Goldenen Löwen“ (© IMAGO / SNA)

Ihre Darstellung der Abtreibung bei der „Engelmacherin“ ist schon sehr brutal und schwer auszuhalten.

Diwan: Ich wollte nicht auf Teufel komm raus schockieren oder provozieren, muss allerdings gestehen, dass ich im Schneideraum manche harten Szenen kürzen wollte. Aber Wegschauen ist keine Alternative. Ich fühlte mich verpflichtet zu zeigen, was den Körpern der Frauen angetan wurde. Bei einer illegalen Abtreibung standen Schwangere unter Zeitdruck, mussten nicht nur mit Strafe rechnen, sondern setzten oft ihr Leben aufs Spiel. Obgleich wir heute in einer liberaleren Gesellschaft leben, herrscht bei diesem Thema immer noch ein dröhnendes Schweigen. Von diesem Schweigen handelt mein Film. Woher kommt diese Scheu? Niemand spricht offen darüber. Abtreibung ist immer noch ein Tabuthema. Es war schon bezeichnend: Als wir im Team mal zusammensaßen, stellte sich heraus, dass fast alle weiblichen Teammitglieder schon eine Abtreibung hinter sich hatten. Dieser Film hat uns zusammengeschweißt.

Heute ist es möglich, sich in einer Klinik behandeln zu lassen. Warum sind Buch und Film dennoch wichtig?

Diwan: Im Vergleich zu anderen Staaten sind wir privilegiert, aber es bleiben Probleme und Unsicherheiten. Keine Frau macht einen Schwangerschaftsabbruch so nebenbei, sondern sie durchlebt eine Ausnahmesituation, hat Angst und hadert mit sich und den Folgen der möglichen Option. Und wir dürfen nicht vergessen, dass Frauen in manchen Ländern immer noch kämpfen müssen. Nehmen Sie Polen, da reisen Schwangere jetzt nach Deutschland, weil sie in ihrem Land kaum noch Hilfe finden. Oder Texas, wo man die Regeln wieder zu Lasten der Frauen zurückschraubt. Selbstbestimmung ist nicht überall selbstverständlich. Wer glaubt, durch ein liberaleres Gesetz sei alles in Ordnung, irrt. Wir müssen weiter auf die Barrikaden gehen für das Recht auf unseren Körper. Und ich hoffe, dass mein Film in diesen Ländern die Menschen aufrüttelt. Wer kann nach Annes Martyrium noch gegen eine Legalisierung von Abtreibung sein?

Nicht nur dort wird Ihr Film sicherlich eine heftige politische Debatte auslösen.

Diwan: Das hoffe ich, vielleicht auch einiges in den Köpfen der verantwortlichen und starrköpfigen Politiker in Bewegung setzen. Es sind meistens immer noch Männer, die weitgehend Entscheidungen über andere fällen, Kontrolle ausüben und keinen Millimeter von ihrer Machtposition weichen. Nur eines möchte ich klarstellen: Ich will keine fertige Botschaft verkünden, sondern Fragen in den Raum stellen. Es bleibt jedem überlassen, wie er damit umgeht. Wir haben die Chance, aufzuklären, und sollten sie nutzen.

Anamaria Vartolomei als Anne (© Prokino)
Anamaria Vartolomei als Anne (© Prokino)

Glauben Sie, dass Kino etwas bewegen kann?

Diwan: Ein Film kann nicht die Welt verändern, aber genreunabhängig ein Mittel sein, Anstöße zu geben, sich Gedanken darüber zu machen, was schiefläuft, eine Diskussion auslösen, den „Status Quo“ hinterfragen.

Ist „Das Ereignis“ primär ein Film für Frauen oder für beide Geschlechter?

Diwan: Ein Film für Jung und Alt, Frauen und Männer. Nach der Vorführung in Venedig hatte ich den Eindruck, dass sich beide angesprochen fühlen. Warum sollten wir Männer außen vorlassen? Sie sind doch auch beteiligt. Eine Schwangerschaft fällt nicht vom Himmel! Mir lag es am Herzen, die Verlorenheit und Verzweiflung der jungen Frau zu vermitteln. Es tut sich etwas in ihrem Körper, was sie sich nicht erklären kann. Sie ist auf sich zurückgeworfen, kann sich niemandem anvertrauen, selbst ihrer Mutter nicht. Diese Einsamkeit ist elendig.

Männer spielen im Film keine glorreiche Rolle. Wenn Annes Jugendfreund ihr näherkommen will und sagt, es bestehe keine Gefahr, sie sei ja schon schwanger, möchte man ihm an die Gurgel gehen. Und dann die Ärzte...

Diwan: Die Äußerung ihres Jugendfreundes entspricht dem damaligen Rollenverhalten, auch der Erzeuger verhält sich feige, zieht sich zurück. Diese totale Ignoranz gegenüber Frauen tut weh. Die Ärzte befanden sich in einer Zwickmühle. Ich wollte nicht alle verdammen. Es gab die Hardliner und diejenigen, die Verständnis zeigten, aber sich nicht trauten, einen Eingriff vorzunehmen. Der hätte sie den Beruf kosten können.

Auch ihrer Mutter (Sandrine Bonnaire) kann sich Anne nicht anvertrauen (© Rectangle Prod./Srab Films/France 3 Cinéma)
Auch ihrer Mutter (Sandrine Bonnaire) kann sich Anne nicht anvertrauen (© Prokino)

Anamaria Vartolomei spielt großartig. Wie haben sie zusammengearbeitet?

Diwan: Sie ist wunderbar und verfügt über eine wahnsinnige Ausstrahlungskraft und gleichzeitig eine absolute Zartheit, sowie über etwas Geheimnisvolles. Ein Glücksgriff. Die Kamera ist ständig bei ihr, wird eins mit ihr. Sie steckt komplett in der Haut von Anne und wollte so weit gehen wie möglich. Eine wichtige Rolle spielt auch ihr Atem als akustisches Element. Und dann die Stille, die über vielen Szenen liegt. Wie kann man Stille rüberbringen? Das war ziemlich kniffelig. Wir haben viel zusammen diskutiert und versucht, ihre inneren Monologe verständlich zu machen, ihre Gedanken, ihre Gefühle. Das funktionierte nur durch ihre Wahrhaftigkeit und ihre starke Präsenz, die selbst im minimalistischen Spiel zum Ausdruck kommt. Ein wesentlicher Aspekt war, sie nicht als gehetztes Opfer darzustellen, sondern trotz allem als eine Frau mit Willenskraft, die eine Entscheidung fällt für ihre Zukunft und die zu ihrem Begehren und ihren Sehnsüchten steht.

Sind Sie mit diesem Projekt offene Türen eingerannt?

Diwan: Wenn es nur so gewesen wäre! „Das Ereignis“ ist mein zweiter Film, da hat man mir nicht den roten Teppich ausgerollt, zumal ich nicht mit großen Schauspielernamen aufwarten konnte. Ich musste mich ins Zeug legen, meinen Standpunkt verteidigen. Meine Produzenten Édouard Weil und Alice Girard kann ich nicht dankbar genug sein, sie mussten sich einiges anhören und Überzeugungsarbeit leisten. Ein permanent wiederkehrendes Totschlagargument: So was wolle doch niemand im Kino sehen. Die beiden waren immer auf meiner Seite und haben mir alle Freiheiten gelassen.

Sie setzen sich im Verband „Collectif 50“ für Geschlechterparität und gleichen Lohn in der Filmbranche ein. Ist die Quote die Lösung?

Diwan: Das ist eine politische Frage. Wir befanden uns auf einem guten Weg. Aber der Lockdown hat kleine Erfolge wieder zunichte gemacht. Frauen waren die Leidtragenden, kümmerten sich neben Home-Office um die Kinder, ihnen wurde alles aufgehalst bei dieser „Rolle rückwärts“. Da liegt noch ein Stück Arbeit vor uns, Sisyphusarbeit. Wir sollten nicht nur reden oder gar bitten, sondern aktiv handeln und fordern, Frauen im Team beschäftigen, Mädchen für „Männerberufe“ begeistern. Nicht nur hoffen, und uns schon mal gar nicht auf andere verlassen, sondern kämpfen.

Kommentar verfassen

Kommentieren