Star Trek: Picard - Staffel 2

Dienstag, 10.05.2022

Die Fortsetzung des „Star Trek“-Spin-offs: Sternenflotten-Veteran Jean-Luc Picard bekommt es einmal mehr mit seiner Nemesis Q zu tun, landet mit seinen Freunden in einer parallelen Realität und muss eine Zeitreise ins 21. Jahrhundert unternehmen.

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Die unbetretenen Pfade, das ungelebte Leben: Je älter man wird, umso mehr droht die Reue, und gewichtiger als das, was man getan hat, ist dann oft das, was man unterlassen hat. Man sollte meinen, dass eine Legende wie Jean-Luc Picard (Patrick Stewart), einstiger Captain der Enterprise und Held unzähliger Abenteuer, davon verschont ist. Doch auch in seinem Leben gibt es – darum kreist die neue Staffel von „Star Trek: Picard“ unter anderem – diese unrealisierten Möglichkeiten, und seine neue Mission kreist auch darum, sich ihnen und dem, was ihn von ihrer Verwirklichung abgehalten hat, zu stellen.

Dabei sah es am Ende von Staffel 1 noch nach „Ende gut, alles gut“ aus: Die Bitterkeit über Fehlentscheidungen der Sternenflotte, die ihn zu Beginn der Serie quälte, konnte er damit überwinden, die Weichen für eine bessere Zukunft zu stellen; ein potenziell verheerender Konflikt konnte abgewendet werden, Vernunft und der Wille zum Frieden siegten über Kriegstreiberei. Und dem mit einer tödlichen Erkrankung ringenden Picard selbst wurde mehr Lebenszeit geschenkt. Diese nun damit zu verbringen, sich zufrieden in Chateau Picard zurückzulehnen und die Erzeugnisse des eigenen Weinguts zu genießen, ist dem Sternenflotten-Veteranen freilich nicht vergönnt: Seit Anfang März 2022 läuft bei Amazon Prime die zweite Staffel; seit 5. Mai sind sämtliche zehn neue Folgen verfügbar und wollen mit neuen Herausforderungen und Konflikten gefüllt sein.

Q verändert die Vergangenheit und schafft eine faschistoide Gegenwart

Der Auftakt geht direkt in medias res: Picard wird zu Hilfe gerufen, als im Zuge einer Sternenflotten-Mission, bei der die Mitglieder seiner Crew aus Staffel 1 involviert sind, eine Anomalie im Weltraum entdeckt wird; dann eskalieren die Ereignisse rasant, ein Borg-Angriff scheint das Schiff zu bedrohen. Und plötzlich werden Picard und seine Freunde Cristobal Rios (Santiago Cabrera), Agnes Jurati (Alison Pill), Seven of Nine (Jeri Ryan), Raffi Musiker (Michelle Hurd) und Elnor (Evan Evagora) aus ihrer Wirklichkeit hinausgeschleudert und finden sich in einer parallelen Realität wieder, in der die Föderation eine widerlich totalitäre Gestalt angenommen hat.

Was es damit auf sich hat, verrät Picard der Besuch einer alten Nemesis: Q (John de Lancie) ist wieder da, jene schillernde, machtvolle Trickster-Kreatur, die Picard und seiner Enterprise-Crew in „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“ öfters zu schaffen machte und sie vor sinistre Bewährungsproben stellte. Offensichtlich hat das gottgleiche Wesen diesmal am Zeitstrahl herumgespielt, und die einzige Möglichkeit, die Dinge wieder geradezurücken, ist eine Reise zurück ins 21. Jahrhundert: Irgendetwas ist, durch Q angestoßen, dort geschehen, was die Zukunft verändert hat; nun gilt es herauszufinden, was dieses Etwas ist, und wie es wieder zu richten – eine Aufgabe, die der Serie zwischenzeitlich Anklänge eines Heist Movie verpasst. Wobei Picard aber bald merken muss, dass es mit diesem Abenteuer allein nicht getan ist; ihm steht auch ein inneres Abenteuer bevor, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit, einem verdrängten Trauma und dessen Folgen für den Mann, der er geworden ist.

Beziehungs-Netze zwischen Vergangenheit und Zukunft

Die Zeitreise-Thematik liefert der Serie – das kennt man aus früheren Variationen des Themas im „Star Trek“-Kosmos – unter anderem Stoff für ein satirisch angehauchtes Culture-Clash-Szenario, wenn Picard und sein Team es mit einer Menschheit des 21. Jahrhunderts zu tun bekommen, die aus zukünftiger Sicht hoffnungslos rückständig aussieht. Wobei sich die politischen Spitzen, die damit einhergehen, auf einige wenige Episoden beschränken, etwa wenn Cristobal Rios kurz nach dem Zeitsprung zurück ins Los Angeles des Jahres 2024 auf rüde Weise zu spüren bekommt, dass Latinos ohne gültige Papiere dort schnell unter die Räder kommen können. Ansonsten richtet die Serie ihren Fokus vor allem aufs Zwischenmenschliche: Es geht um die komplizierten Netze von Beziehungen, die uns mit der Vergangenheit und der Zukunft verbinden und prägen, wer wir sind.

Für Picard bedeutet das, dass er sich mit zwei weiblichen Familienmitgliedern auseinandersetzen muss: mit seiner früh verstorbenen Mutter, die in langen Erinnerungs-Sequenzen wieder lebendig wird, sowie mit einer Vorfahrin namens Renée Picard, deren Schicksal im Jahr 2024 in Qs Modifikation des Zeitstrahls eine Schlüsselrolle zu spielen scheint. Zudem nutzt die zweite Staffel die Gelegenheit, Picards Crewmitglieder als Charaktere weiterzuentwickeln und schärfer zu konturieren: Seven of Nine und Raffi ringen mit ihren Gefühlen füreinander; Rios kommt einer Frau aus dem 21. Jahrhundert näher, als für einen Zeitreisenden, der dort nur kurz Station macht, ratsam ist; und der faszinierendste und zugleich amüsanteste Handlungsstrang gilt der unscheinbaren Dr. Agnes Jurati: Um die Zeitreise zu bewältigen, braucht die Crew ausgerechnet die Hilfe einer Borg-Königin, und es ist Jurati, die den Fall-out dieses Teufelspakts auf sich nimmt und eine spektakulär toxische Beziehung zur Königin eingeht, die selbstredend eine ganz eigene Agenda verfolgt.

Warmherzige Fortschreibung der Saga

Auch wenn gegen Ende von Staffel 2 die Auflösung von Picards innerer Reise, die so etwas wie eine psychologische Origin-Story der Figur entwirft, arg trivial ausfällt, gelingt den neuen Folgen insgesamt eine warmherzige und zugleich sehr unterhaltsame Fortschreibung der Saga. Ähnlich wie schon in Staffel 1 tragen dazu auch zahlreiche liebevolle Reminiszenzen an die Seriengeschichte bei: Neben Q, einem der Lieblingsschurken des Franchises, spielt auch Picards Vertraute und Ratgeberin Guinan, in „Next Generation“ einst verkörpert von Whoopi Goldberg, jetzt in jugendlicher Form von Ito Aghayere gespielt, eine Schlüssel-Rolle beim Einrenken der Zeit; der frühere Data-Darsteller Brent Spiner darf als Wissenschaftler Adam Soong eine fiese Seite an den Tag legen, und gegen Ende wartet sogar ein augenzwinkerndes Cameo von Wil Wheaton alias Wesley Crusher auf die Fans.

Vor allem aber macht die Serie einmal mehr ihrem Titel alle Ehre und gibt Patrick Stewart reichlich Raum, um die Figur Jean-Luc Picard als charismatisches Bollwerk für Toleranz und Humanismus erstrahlen zu lassen und sie doch zugleich weiter mit feinen menschlichen Rissen zu versehen, die sie noch zugänglicher machen. Es wundert nicht, dass sich da gegen Ende selbst Q zu so etwas wie einer Liebeserklärung an seinen alten Sparringspartner hinreißen lässt.

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