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Susanne Heinrich über den 2. Kongress „Zukunft Deutscher Film“

Dienstag, 18.01.2022

Ein Beitrag zum 2. Kongress Zukunft Deutscher Film in Frankfurt am Main

Diskussion

Beim 2. Kongress „Zukunft Deutscher Film“ in Frankfurt am Main (11.-13.5.2022) nahm die Autorin und Filmemacherin Susanne Heinrich als Beobachterin teil. Ihr Kommentar zu der Veranstaltung wurde am 13. Mai in der Paulskirche vorgestellt, verlesen von dem Filmkritiker Rüdiger Suchsland.


Was wir ganz gut können: das Kino beschwören – als Kulturort, Begegnung mit dem Anderen, Kracauersches Obdachlosenasyl. Phrasen dreschen. „Der Raum Kino muss neu erfunden werden.“ – „Der Film von morgen ist divers.“ Schimpfen – auf Til Schweiger, dessen Filme subventioniert werden und vielleicht doch nicht wirtschaftlich wären, würde man endlich mal konsequent wirtschaftliche Kriterien anlegen. Fordern: von der BKM, die bald die FFA schlucken wird, von einer gewissen, unter anderem auch für Kultur zuständigen Politikerin, die sich allerdings bedeckt hält und in Unerreichbarkeit übt.

Wir können uns die Reformen, die sowieso kommen, schönreden, die Abo-Modelle, die alternativen Finanzierungswege, die Verwaltung der Prekarität durch Genossenschaften, die Migration in Richtung Kunstbetrieb, die immer härtere Vor-Formatierung durch Checklisten etc. In der Sprache des Marketings klingt das schon fast verheißungsvoll. Make cinema sexy again. Denn wir wollen doch alle das gleiche, oder? A new cinephilia. Impact. Wissen, was das Publikum will.

Vorschlag dafür beim Dokumentarfilm-Panel: Wie wäre es, wenn die Sales-Agents direkt in die Filmhochschulen gehen und zusammen mit den Filmemacherinnen herausfinden, was die „spitze Zielgruppe“ will? Das Heil kann man in der Technik sehen, das ist nicht neu. Im Marketing, auch das ist nicht neu. In der Wissenschaft, reduziert auf Statistik und algorithmische Vermessung des Publikums. Aber kommt man so näher ran? Ans Publikum, den besseren Film? Was jedenfalls klar wird: Der Faden ist gerissen. Zwischen Publikum und Filmemacherinnen, zwischen Kritik und Publikum, zwischen Filmemacherinnen und Kritik. „Wir arbeiten ja hier alle mit Fiktionen.“

Die verschiedenen Jargons und Diskurse werden immer undurchlässiger, keiner weiß mehr, was der andere will, was morgen ist, worauf man sich verlassen kann. Man plant nur bis zum nächsten Tag, hier auf dieser Konferenz, wo Gäste nicht auftauchen und das Publikum wegbleibt, in der Branche, die im Schatten der Monopolisierung der Streaming-Giganten zurechtgeschrumpft wird und sich für den nächsten Corona-Winter rüstet. Während der Pandemie, so formuliert es ein Verleiher, wurde das Kino regelrecht kriminalisiert, wurde „schlechter behandelt als Gottesdienste“. Und jetzt – Überraschung – kommt das Publikum nicht zurück.

Was also will das Publikum? Wo ist es? Vor ein paar Jahren war man noch wütend, inzwischen überwiegen depressive Selbstbeschreibungen: „Ich kenne keine Kollegen, die noch halbwegs glücklich einen Kinostart machen.“ – „Mehr Demütigung geht ja nicht.“ – „Wir sind frustriert.“ – „Kurz vorm Burnout.“ – „Wir haben hier alle eine Aufgabe, die wir nicht so richtig verstehen“. Oder, noch pointierter: „Ich frage mich schon länger, für wen ich das alles hier mache.“

Während der Pandemie haben wir uns darin geübt, uns im Erhalt der Strukturen so aufzureiben, dass wir zum Eigentlichen nicht mehr durchdringen, auf gut deutsch: Alle verausgaben sich, und es kommt nix bei rum. Oder aber wir haben gelernt, in der verordneten Untätigkeit Aktivität zu simulieren – wie beispielsweise arbeitslose Schauspielerinnen, die ihre eigenen Showreels drehen, die sich niemand anschaut.

Vielleicht zwei Seiten einer Medaille: Wir lernen, uns mit der eigenen Überflüssigkeit anzufreunden. Bis es so weit ist, reformieren wir und euphemisieren wir weiter vor uns hin. Frei nach dem Motto: Repression für alle, aber bitte divers!


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