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In memoriam Vangelis (29.3.1943-17.5.2022)

Donnerstag, 26.05.2022

Der griechische Musiker und Filmkomponist ist Cineasten vor allem durch seine Musiken für Ridley Scotts „Blade Runner“ und „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ in bester Erinnerung. Ein Nachruf

Diskussion

Im Alter von 79 Jahren ist am 17. Mai 2022 der griechische Musiker und Filmkomponist Evangelos Odysseas Papathanassiou, bekannt als Vangelis, verstorben. Cineasten ist er vor allem durch seine Musiken für Ridley Scotts „Blade Runner“ und „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ in bester Erinnerung.


Irgendwann konnte man ihn nicht mehr hören! Diesen Eroberungs-Marsch voller Pathos und lateinischer Lautmalerei, zu dem ein Boxer durchs Blitzlichtgewitter in den Ring schritt, um zum ungeheuerlichen Crescendo die Arme in Richtung des brüllenden Publikums zu strecken. Zwei Vorteile hatte die Entscheidung, Vangelis’ ursprünglich für den gleichnamigen Film komponierten Song „Conquest of Paradise“ zum Einmarschlied von Henry Maske zu machen: „O Fortuna“ aus Carl Orffs „Carmina Burana“ wurde nicht weiter als Box-Arena-Lied verhunzt – und nicht nur Filmfans, sondern auch 15 Millionen RTL-Zuschauer bekamen Evangelos Odysseas Papathanassiou von da an nicht mehr aus dem Kopf, als sie am 8. Oktober 1994 den Weltmeisterschaftskampf Maske gegen Iran Barkley sahen.


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Hymnenchoreografien

Damals war „Vangelis“, wie sich der 1943 geborene Grieche der Einfachheit halber seit Beginn seiner Musik-Karriere nannte, schon eine Ewigkeit im Geschäft. Zusammen mit Sänger Demis Roussos rockte er gleichermaßen progressiv und schnulzig die Raucherkneipen mit englisch eingesungenen Songs wie „Rain and Tears“ (1968) und „It’s Five O’Clock“ (1970) und schrieb in den späten 1970ern und frühen 1980ern mit „Yes“-Frontman Jon Anderson Elektropop-Klassiker wie „I‘ll Find My Way Home“. Mit Donna Summer wurde „State of Independence“ 1984 zu einer heimlichen Pop-Nationalhymne – zumindest im tanzwütigen Europa.

Irgendwie haben die Kompositionen von Vangelis immer etwas Erhebendes. Nicht nur, dass man automatisch mitwippt und versucht, den zumeist sinnfreien Text irgendwie mitzusingen. Die stetige Steigerung in der Dynamik seiner Hymnenchoreografie verursacht das Gefühl eines innerlichen Schwebezustands von Geist und Seele, wenn man etwa bei „State of Independence“ zusammen mit Lionel Richie, Dionne Warwick, Diana Ross, Michael Jackson, Christopher Cross, Kenny Loggins, Michael McDonald und Stevie Wonder in den weltberühmtesten Background-Chor des „Say, yeah -e-yay, yeah-e-yo… be the sound of higher love today… hey, hey“ einstimmt.

Die Stunde des Siegers (© IMAGO / Allstar)
Die Stunde des Siegers (© IMAGO / Allstar)


Durchbruch als Filmkomponist: „Die Stunde des Siegers“

Dass so etwas auch im Film funktioniert, hatte 1981 der Engländer Hugh Hudson erkannt. Er brauchte etwas irgendwie Hymnisches, das zu britischen Leichtathleten passt, die sich auf die Olympischen Sommerspiele in Paris 1924 vorbereiten und dabei scheitern und siegen. Und so drehte Vangelis an seinem heiß geliebten Yamaha CS-80 die irrwitzig vielen Knöpfe so lange, bis ein Wunder herauskam. Auch wenn „Die Stunde des Siegers“ heute kaum noch einer kennt, viele erinnern sich noch an das ikonische Musik-Video, in dem Vangelis mit einer unglaublich qualmenden Gauloise-Zigarette und einem Espresso am Klavier sitzt und so tut, als würde er die ebenso ikonische Szene des Films begleiten, in der eine Gruppe weiß gekleideter Athleten in Zeitlupe an einem englischen Strand durch die leichte Dünung joggt.

Das Titelthema mit seiner enigmatischen Pianomelodie, das sich unter dem Synthie-Sound des CS-80 zu einem der schlimmsten Ohrwürmer der Filmgeschichte mausert, ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Film, in dem ein vom System diskriminierter Jude dennoch für Großbritannien den 100-Meter-Lauf gewinnt, drei „Oscars“ ergatterte. Für den „besten Film“, das Drehbuch und – natürlich – für die Filmmusik! Wie so häufig ist der ganze Score viel komplexer als nur die Erkennungsmelodie, aber interessanterweise ist es neben der Titelmelodie vor allem der Track „Abrahams’ Theme“ geblieben, der abseits vom Film wegen seiner elegischen Qualitäten als Unterlegmusik für alles genutzt wird, was mit Weltraum zu tun hat.


Opus Magnum: „Blade Runner“

Es muss genau dieser Track gewesen sein, den auch Ridley Scott dazu bewogen hat, nicht etwa erneut mit Jerry Goldsmith (mit dem er 1979 zusammen „Alien“ schuf) zusammenzuarbeiten, sondern einen griechischen Popmusiker für sein Opus Magnum „Blade Runner“ zu engagieren. Ein wahrer Glücksfall! Man kann schwerlich beschreiben, wie es klingt, wenn sich das erste Mal die in ewige Nacht und ewigen Regen getauchten Panoramen einer Welt von Morgen auftun, wo Replikanten und Raumgleiter die Szenerie bestimmen.


"Blade Runner" (© imago images/Everett Collection)
"Blade Runner" (© imago images/Everett Collection)

Aber es kann kein anderer Klang sein als der, den sich Vangelis dazu erdacht hat. Diese tiefe Melancholie, gepaart mit einer in die unendliche Ungewissheit weisende „Major Tom“-Romantik. So etwas können nur die elektronischen Synapsen des Yamaha CS-80 und ein einsam vor sich hinhauchendes Saxophon zustande bringen. Ein volles „Star Wars“-Orchester à la John Williams oder ein Rhythmus-Staccato à la Jerry Goldsmith hätten hier nur allen Existentialismus weggeblasen. Vangelis hingegen schafft den perfekten Weltraum-Blues und bleibt dafür nicht nur unter allen Cineasten unsterblich. Natürlich hat Vangelis später auch noch etliche Remixe seines „Blade Runner“ angefertigt, sodass die atmosphärische Gänsehautmusik längst auch zum Partyklassiker avancierte.

Man könnte meinen, dass der Komponist, der weder für „Blade Runner“ noch sonst je wieder eine „Oscar“-Nominierung erhielt, nicht mehr aus dem Filmmusikkanon Hollywoods wegzudenken gewesen sei. Doch dem ist nicht so. Nach seinem Durchbruch in den 1980ern hat er in 30 Jahren nicht mehr Filmmusiken produziert als ein Ennio Morricone in seinen besten Zeiten in einem Jahr. Roger Donaldsons „Die Bounty“ (1984) war darunter, ebenso Polanskis „Bitter Moon“ (1992) und eben Ridley Scotts „1492 - Die Eroberung des Paradieses“ (1992), von dem „nur“ Maskes Einmarschmusik übriggeblieben ist.

In jedem Fall ist er dem Weltraum auch jenseits der großen Leinwand treu geblieben. Sein 1993 in einem einzigen Konzert aufgeführtes großorchestrales Poem „Mythodea“ verwendete die NASA 2001 als Erkennungsthema für ihre Mars-Mission. Daher ist das Stück auch in re-orchestrierter Version auf CD erhältlich. Sieht man mal von dem kaum geglückten Versuch ab, 2004 für Oliver Stones Biopic zu Alexander dem Großen groß aufzutrumpfen, ist Vangelis im Neuen Jahrtausend weitgehend in Vergessenheit geraten. Sein Tod am 17. Mai in den Corona-Wirren mit 79 Jahren ist ein trauriger Grund, sich wieder mit dem Titan zu beschäftigen. Reinzuhören in die großartigen Werke, die er geschaffen hat. Auch „1492 - Die Eroberung des Paradieses“ sollte man wieder herauskramen und „Conquest of Paradise“ im richtigen Kontext hören. Ohne „Einmarsch“ erkennt man den tragischen Unterton einer Musik, die auch von der blutigen Unterjochung einer Kultur erzählt. Da ist nicht viel von Heldentum, aber viel von geheimnisvoller Schönheit. Man sollte gleich auf „Twenty Eighth Parallel“ springen, zuhören und seufzen!

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