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Arnaud Desplechin: Eine Filmreihe

Freitag, 27.05.2022

Mehrere Spielfilme & eine Masterclass des französischen Autorenfilmers - bis 31.8. in der arte-Mediathek

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Die Filme des 1960 geborenen französischen Filmemachers Arnaud Desplechin haben es selten auf die deutschen Kinospielpläne geschafft; in Frankreich ist er dagegen eine feste Größe im Autorenkino (als Regisseur und - in den letzten Jahren oft im Gespann mit Julie Peyr - als Drehbuchautor) und gern gesehener Gast bei den europäischen A-Festivals, vor allem beim Filmfestival in Cannes, wo er aktuell gerade seinen jüngsten Film „Brother and Sister“ vorstellt. Passend dazu präsentiert die arte-Mediathek einige ältere Werke des Filmemachers. Mit dabei: „Das Leben ist seltsam“ aus dem Jahr 2004, der in zwei parallelen Handlungssträngen von zwei Menschen erzählt, die sich einmal liebten – ein Film, der, wie öfters in Desplechins Schaffen, mit autobiografisch beeinflussten Stellvertreterfiguren spielt, was dem Regisseur in diesem Fall prompt eine Kontroverse mit Schauspielerin Marianne Denicourt einbrachte, mit der Desplechin eine Weile liiert war und drei Filme drehte: Sie fühlte sich durch die Film-Story bloßgestellt.

Außerdem präsentiert die arte-Reihe, ganz konträr zur Jahreszeit, Desplechins Ausflug ins Weihnachtsfilm-Genre: „Ein Weihnachtsmärchen“ (2008) kreist um eine Familie, die zum weihnachtlichen Feiern zusammenkommt, dabei aber mit zwei Schicksalsschlägen zu ringen hat. Der frühe Krebstod eines Sohns der Familie ist noch nicht so lange her, und nun hat sich herausgestellt, dass auch die Mutter an Krebs leidet und eine Knochenmarkspende benötigt. Ein intensiver Ausflug in ein Familienuniversum, in dem eine ebenso skurrile wie poetische, melancholische, alberne, bedrohliche und liebenswerte Atmosphäre herrscht. Ein wichtige Rolle in dem Film – wie auch in „Das Leben ist seltsam“ – spielt der französische Star Mathieu Amalric, Desplechins bevorzugter Hauptdarsteller und immer wieder eine Art Stellvertreter-Figur des Regisseurs. Er spielt auch den zentralen Part in „Meine goldenen Tage“ (2014), der ebenfalls in der arte-Reihe zu sehen ist, und zwar einen Anthropologen, der nach Jahren im Ausland nach Frankreich zurückkehren will, es bei der Einreise aber mit dem Geheimdienst zu tun bekommt, weil es einen Doppelgänger von ihm zu geben scheint, und über dieses Erlebnis an seine Jugendzeit erinnert wird.

Der älteste Spielfilm der Reihe ist schließlich ein englischsprachiges Werk des Regisseurs, „Esther Kahn“ aus dem Jahr 2000: Es geht um eine jüdische Familie, die Ende des 19. Jahrhunderts in London lebt und deren Tochter Esther verblüffend gefühlskalt zu sein scheint – bis die junge Dame, gespielt von Summer Phoenix, zum ersten Mal ins Theater geht und eine ganz neue (Gefühls-)Welt für sich und in sich entdeckt.

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