© Oslo Pictures (aus "Der schlimmste Mensch der Welt")

Millennial Drifters

Donnerstag, 02.06.2022

Mit „Der schlimmste Mensch der Welt“ hat der norwegische Regisseur Joachim Trier eine Trilogie vollendet, die er 2006 mit „Reprise“ begann und 2011 mit „Oslo, 31. August“ fortgeführt hatte. Eine Würdigung.

Diskussion

Mit „Der schlimmste Mensch der Welt“ hat der norwegische Regisseur Joachim Trier eine Trilogie vollendet, die er 2006 mit „Reprise“ begann und 2011 mit „Oslo, 31. August“ fortgeführt hatte. Alle drei Filme kreisen einfühlsam und mit leisem Humor um Angehörige der Millennial-Generation auf der Suche nach Erfüllung: Kreativ und in vielem abgesichert, aber dennoch stets nah an der Melancholie, da finale Zufriedenheit nie erreicht wird.


In einem kurzen Moment metaphysischer Klarheit glaubt die Lebenskünstlerin Julie, die Zeit stünde still. Sie hat innerlich gerade beschlossen, ihren Freund Aksel zu verlassen, weil sie sich mehr von ihrem Leben erhofft, als nur die Freundin von jemandem zu sein. Kurz bevor sie diesen Entschluss ausspricht, mitten in der Küche der gemeinsamen Altbauwohnung, verlangsamt sich alles um sie herum und sie geht ihrem eigenen Willen nach: Sie rennt die Treppe hinunter, sprintet mit einem befreiten Lächeln durch die Osloer Innenstadt und betritt das hippe Café, in dem ihr Schwarm Eivind arbeitet. Nach einem Tag voller erster Verliebtheit und gemeinsam vertrödelter Zeit kehrt sie nach Hause und in genau diesen Ausgangsmoment zurück, stellt sich vor Aksel und eröffnet ihm den Entschluss.


      Das könnte Sie auch interessieren:


Rückblickend wird sie zugeben, dass niemand sie so gut kannte wie Aksel. Doch das Leben kann nur vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden, zumindest würden die heutigen Millennials die Existenzphilosophie von Søren Kierkegaard wohl so paraphrasieren. Dieses Daseinsdilemma steht im Zentrum von Der schlimmste Mensch der Welt des Norwegers Joachim Trier. Nach Auf Anfang [: reprise] (2006) und Oslo, 31. August (2011) ist dies der finale Teil seiner lose zusammenhängenden „Oslo-Trilogie“. Trier und sein Co-Autor Eskil Vogt erhielten für das Script eine „Oscar“-Nominierung für das beste Originaldrehbuch.


Lebensentscheidungen und das eigene Schicksal

In allen drei Filmen geht es für die Protagonisten um Lebensentscheidungen und wie sie das eigene Schicksal mitbestimmen. Allesamt kommen sie aus bürgerlichen Verhältnissen: Die Mittzwanziger Philip und Erik in Auf Anfang [: reprise] sind beide noch Muttersöhnchen, würden das aber natürlich niemals zugeben, Anders in Oslo, 31. August hat die Familienvilla für Drogen auf den Kopf gehauen und Julie kehrt mit ihren regelmäßig wechselnden Zukunfts- und Karrierevorstellungen in die vor Kunst und Musik strotzende Wohnung der Mutter zurück: Ärztin, Psychologin, Fotografin – Julie wechselt ihre Berufswünsche im selben Rhythmus wie ihre Haarfarbe. Alle vier streifen ziellos durch Oslo und ihr eigenes Leben.


Regisseur Joachim Trier (© Koch Films)
Regisseur Joachim Trier (© Koch Films)

Für Erik und Philip ist die Stadt zu Beginn von Auf Anfang [: reprise] noch eine Welt voller Möglichkeiten. Die beiden haben sich in den Kopf gesetzt, Schriftsteller zu werden – der fiktive Autor Sten Egil Dahl ist ihr großes Vorbild. Am Anfang von „Reprise“ machen die beiden ein regelrechtes Ritual daraus, gemeinsam ihr jeweils erstes Manuskript in den Briefkasten zu werfen und damit ihr Schicksal in die Hände eines Verlagshauses zu geben. In einer stakkatoartigen Sequenz spielt Trier verschiedene Möglichkeiten durch, wie dieses Unterfangen für sie ausgehen kann. Buchveröffentlichung, Medienecho, Rivalitäten, Skandale, Umzug nach Paris, Schaffenskrise, Neuanfang – all das spielt sich innerhalb weniger Sekunden vor dem inneren Auge der beiden und zugleich auf der Leinwand ab, in jugendlicher Überheblichkeit getränktes Wunschdenken und Zukunftsangst sind hier kaum voneinander zu unterscheiden.


Inspiration und mentale Blockade

Diese rauschhafte Reiz- und Zukunftsflut nimmt dann auch formal Philips Schicksal vorweg: Sein Roman wird ein Erfolg, Erik bleibt in seinem Schatten zurück. Doch kann Philip diesen nicht genießen, sondern erleidet eine psychische Krise und muss immer wieder in die Psychiatrie. Während Erik darauf hofft, dass der Freund bald wieder schreiben kann und ihn damit zu eigenen Höchstleistungen inspiriert, ist Philip desillusioniert vom Kunstbetrieb und will nicht mehr zurück. Der gemeinsame Literaturrausch hat bei ihm einen langfristigen Kater verursacht: Ein Detail der Möglichkeitswelten aus der Anfangssequenz hat sich hier bewahrheitet, wenn man Philips Zusammenbruch als chronisches Stendhal-Syndrom liest – ein psychosomatisches Leiden, verursacht durch kulturelle und künstlerische Reizüberflutung. Benannt nach dem französischen Schriftsteller Stendhal, beschrieb dieser das Phänomen in seinen Reiseskizzen nach einem Besuch in Florenz. Für Philip hat sich der gemeinsame Dauerrausch mit Erik zu einer Depression verfestigt und ist von Inspiration in mentale Blockade umgeschlagen.


"Auf Anfang [: reprise]" (© MFA)
"Auf Anfang [: reprise]" (© MFA)

Joachim Trier und sein langjähriger Drehbuchpartner Eskil Vogt mögen hier ihr gemeinsames Schreiben überspitzt reflektieren, treffen jedoch das Dilemma künstlerischen Schaffens sehr genau: Die Balance zwischen Inspiration von außen, ökonomischem Schaffensdruck und gedanklicher Beweglichkeit ist fragil und kann durch kleinste Störungen wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen. Zwar bleiben dann im besten Fall noch Talent und handwerkliches Können, doch die Leichtigkeit ist dahin. Eriks und Philips Unterfangen ist also von Anfang zum Scheitern verurteilt, wobei Trier und Vogt es sich nicht nehmen lassen, deren Ernsthaftigkeit aufs Korn zu nehmen, denn Philips und Eriks großes Vorbild Sten (Egil) Dahl nimmt in seinem Namen bereits das Stendhal-Syndrom vorweg.


Melancholie ist cooler als Nostalgie

Stadt-Geografie ist in Joachim Triers Filmen auch immer eine psychologische Landkarte seiner Figuren. Die Anfangssequenz in Oslo, 31. August beginnt daher auch mit einer Collage historischer Film- und Fotoaufnahmen der Stadt. Im Voiceover erzählen junge Bewohner, was die Stadt für sie ausmacht, welche Rolle Traditionen und Neuerungen für sie spielen. Immer wieder sind es die Menschen und ihre Geschichten, die eine wichtige Rolle für ihre Identität spielen und gespielt haben. „Ich bestand darauf, dass Melancholie cooler war als Nostalgie“, sagt eine Stimme und greift den Gemütszustand des Protagonisten Anders auf: Der Endzwanziger ist im Begriff, eine Suchttherapie zu beenden und hat zum ersten Mal Freigang. Triers Film ist eine lose Neuadaption von Louis Malles Das Irrlicht(1963), entwickelt jedoch dessen existenzialistisches Porträt des Rebellen Alain Leroy, der an der bürgerlichen Mittelmäßigkeit scheitert, zu einem intimen Psychogramm eines an der Gesellschaft Verzweifelnden weiter.

Im Versuch, wieder mit engen Freunden und der Familie anzuknüpfen, wird er auf sein jahrelanges Fehlverhalten zurückgeworfen. Seine Exfreundin Iselin geht nicht ans Telefon, seine Schwester will ihn nicht sehen und die Eltern sagen zwar, sie hätten sein Elternhaus ohnehin verkaufen wollen, aber so richtig überzeugen können sie damit niemanden: Anders weiß selbst, dass er alle emotional und finanziell ausgenutzt hat und ist nicht sicher, ob und wie er dies wiedergutmachen kann.


"Oslo, 31. August" (© absolutMEDIEN)
"Oslo, 31. August" (© absolutMEDIEN)

Er schwankt zwischen Melancholie und Selbstmitleid und lässt sich daher dazu hinreißen, auf die Party eines alten Kumpels zu gehen. Alle früheren Bekannten freuen sich, ihn zu sehen, erinnern sich jedoch auch nur an Geschichten gemeinsamer Exzesse, die Anders eigentlich hinter sich lassen will. Nostalgie ist für ihn kein in die Vergangenheit gerichtetes Gefühl, sondern vielmehr eine Sehnsucht nach einem Leben, das er sich bisher selbst verwehrt hat. Wie das aussehen soll? Selbst das ist nicht klar, denn immer wieder holt ihn seine Vergangenheit ein.


Anders Danielsen Lie als Fixpunkt der Trilogie

Geduldig und beinahe dokumentarisch begleitet Trier Anders durch diesen Schwebezustand, ohne ihn zu romantisieren oder zu verurteilen. Doch die ständige Nähe zu seinem Protagonisten lässt genau dessen innere Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit erfahrbar werden. Anders Danielsen Lie wird spätestens hier zum Fixpunkt der Trilogie. Zwar spielt er in allen drei Filmen eigenständige Figuren, doch diese drei sind Brüder im Geiste und lassen eine gewisse erzählerische Entwicklung ablesen: Von Philips künstlerischer Sinnkrise rutscht er als Anders weiter ab und ist in Der schlimmste Mensch der Welt schließlich zur Nebenfigur Aksel geworden.


Anders Danielsen Lie in "Oslo, 31. August" (© absolutMEDIEN)
Anders Danielsen Lie in "Oslo, 31. August" (© absolutMEDIEN)

Triers Protagonisten sind also allesamt Zeitreisende zwischen vermeintlichen Möglichkeitswelten, und er ihr Kartograph, immer im Versuch begriffen, diese psychologischen Landkarten, Atmosphären und Stimmungen in das reale Oslo zu übersetzen: Das Hier und Jetzt überlagert sich mit dem Dort und Dann. Sie alle bewegen sich zwischen den bürgerlichen Vierteln, in denen sie aufgewachsen sind, und den hippen Geschäfts- und Künstlerquartieren, in die sie sich einfinden wollen oder sollen. Ihre mittelständische Herkunft hat ihnen schier unendliche Möglichkeiten eröffnet, die jedoch eine maximale Überforderung und Orientierungslosigkeit in ihnen verursacht hat – das Dilemma der Millennials, Trier erörtert es ernsthaft und doch kritisch, bisweilen sogar ironisch. Wo Erik und Philip nur punktuell in Parks und am Meer herumhängen und vom Leben als Schriftsteller träumen, irrt Anders durch die Straßen, ohne diese zu Verbindungslinien zu machen zwischen den Orten und Zeiten, von denen er kommt, hin zu jenen, die er ansteuert. Nur Julie gelingt es, aus diesem Streunen einen Weg zu machen und Oslo als Stadt wahrzunehmen.

Auch sie driftet zunächst ziellos durchs Leben, probiert sich in immer neuen Studiengängen, Jobs und Lifestyles selbst aus, ohne einen zu finden, auf den sie sich festlegen kann und will. Doch wo Trier Philip sich der Melancholie der eigenen Unsicherheit hingeben und Anders mit handfestem Fatalismus auf die Katastrophe zusteuern ließ, gibt er Julie mit der Zeit eine heilsame Akzeptanz mit. Sie lässt das männliche Drama mit Aksel hinter sich – natürlich muss Anders Danielsen Lie ihn als arrivierten, mittlerweile mittelalten Comicautor spielen, quasi das erfolgreiche Alter Ego seiner früheren Figuren. Der schlimmste Mensch der Welt ist also in dieser Film-Trias in gewisser Weise eine Zeiten- und Realitätswende – weg vom bisweilen selbstmitleidigen männlichen Drama der Möglichkeiten, hin zum selbstwirksamen Arrangieren mit dem Umstand, dass es nie einen finalen Zustand der Zufriedenheit geben kann, sondern das Hier und Jetzt gut genug sein muss.


Renate Reinsve mit Anders Danielsen Lie in "Der schlimmste Mensch der Welt" (© Oslo Pictures)
Renate Reinsve mit Anders Danielsen Lie in "Der schlimmste Mensch der Welt" (© Oslo Pictures)

Aus Träumerei wird Realität

Deshalb bleibt die in allen drei Filmen obligatorische Gedankenstrom-Collage für Julie letztlich nicht nur eine Möglichkeitswelt, sondern sie verwirklicht sie selbstwirksam – aus Träumerei wird Realität, nicht durch Schicksalsergebenheit, sondern durch eigenes Handeln. Julie lernt, sich mit der eigenen Unbedeutsamkeit und der einzigen Gewissheit zu arrangieren, die das Leben bereithält: dass es sie in den unachtsamsten Momenten immer wieder überraschen und überrumpeln wird, egal wie selbstoptimiert oder vermeintlich regelkonform sie sich verhält. Ganz nebenbei spöttelt Trier in diesen Momenten der sozialen Entgleisung über die urban-hippe Mittelklasse, die sich hin- und hergerissen zwischen Gleichberechtigung, Familiengründung, Diversität, Sozialgewissen und Klimakatastrophe doch nur in der Selbstverwirklichung verzettelt und im Kreis dreht.

Trier versteht sowohl die großen Gefühle, die überschwappende Euphorie des Daseins, aber auch die banalen, vergessenswerten Momente und setzt sie zueinander in Beziehung. Da wird dann Kierkegaards Existenzphilosophie im besten Sinne zu popkultureller Selbsterkenntnis, und man glaubt beinahe, John Lennon singen zu hören: „Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“ Der Weg zu dieser Einsicht mag nicht der direkteste sein, doch hat er bei Trier auch in den melancholischsten Momenten Leichtigkeit und sehr oft auch erfrischenden Humor.


Renate Reinsve (© Oslo Pictures)
Renate Reinsve (© Oslo Pictures)

Dieser entsteht vor allem in Der schlimmste Mensch der Weltimmer wieder, weil der Film Julies Identitätssuche ernster nimmt als sie sich selbst und sich diese Diskrepanz in Komik entlädt. Renate Reinsve spielt Julie gleichermaßen selbstironisch und nachvollziehbar und setzt ein Gegengewicht zu Anders Danielsen Lies passiven Männerfiguren. Wie Julie sich eines Abends von einer langweiligen Veranstaltung mit Aksel allein wegstiehlt, ziellos durch Oslos Straßen streift, sich auf eine fremde Feier schleicht, als Ärztin ausgibt und kurz ihr Ich ablegt, ist unverfroren und charmant zugleich – und lässt zumindest für einen kurzen Moment all die anderen Identitäten gänzlich unmelancholisch möglich erscheinen, die sie zugunsten ihrer eigenen ablegt.


Die „Oslo“-Trilogie sehen

Auf Anfang [: reprise]“ ist als Stream via Amazon Prime (kostenpflichtig) und bei Netflix & MUBI (in der Flatrate) zu sehen; außerdem ist der Film auf DVD verfügbar.

Oslo, 31. Augustist als Stream bei MUBI (Flatrate) zu sehen; als DVD ist der Film beim Label absolutMEDIEN verfügbar.

Der schlimmste Mensch der Weltläuft seit 2.6. deutschlandweit in den Kinos; eine Heimkinoveröffentlichung auf DVD/BD ist für 25.8.2022 geplant.

Kommentar verfassen

Kommentieren