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Serie: Meine geniale Freundin - Staffel 3

Mittwoch, 15.06.2022

In der dritten Staffel der filmischen Adaption der erfolgreichen Roman-Tetralogie um zwei aus ärmlichen Verhältnissen stammende neapolitanische Freundinnen sind Elena und Lila erwachsen geworden.

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Es war eine eindrückliche Szene in der zweiten Staffel von „Meine geniale Freundin“, als die frisch vermählte Lila mit einem blauen Auge aus den Flitterwochen zurückkam – was der Rest der Familie in stiller Übereinkunft ignorierte. Die in einer dunklen Wohnung angesiedelte Sequenz erzählte zugleich von der Fremdheit zwischen Lila und ihrer Umgebung. Eine Entsprechung dazu findet sich nun in der dritten Staffel, nur dass diesmal Lilas Freundin Elena im Zentrum des Geschehens steht: Elenas Freund Pietro hält in den düsteren Räumen ihrer Eltern um ihre Hand an, während die Mutter sie auf ihre etwas grobe Art von hinten mit den Händen umschlingt. Aus dieser Konstellation wird in einer Albtraum-Sequenz, die Elenas Wahrnehmung der Situation widerspiegelt, eine Quasi-Vergewaltigung, bei der Elena mit roher Gewalt der Verlobungsring angesteckt wird. Hier wie dort geht es also um die gesellschaftlichen Zwänge im Süditalien der 1960er-Jahre, die nicht nur, aber insbesondere die Frauen betreffen. Und erst recht jene, die wie Lila und Elena aus ärmlichen Verhältnissen kommen.

Die Grenzen der eigenen Identität

Zugleich erzählen die beiden Szenen davon, wie sich die Schicksale von Lila und Elena über- und ineinanderschieben, wie diese engsten Freundinnen und größten Rivalinnen eine Art Alter Ego der jeweils anderen zu bilden scheinen. Und sie erzählen von den unentrinnbaren Gemeinsamkeiten ihrer Herkunft, bei aller Unterschiedlichkeit der eingeschlagenen Lebensläufe. Während Lila, die so brillante wie freigeistige Tochter des Schusters, ihr Glück zunächst in einer reichen, aber unglücklichen Ehe suchte, schaffte es die weniger scharfsinnige, aber fleißige Elena mithilfe von Schulbildung raus aus dem von Armut, Enge und Gewalt geprägten neapolitanischen Stadtviertel, dem „Rione“.

Um Grenzen geht es in „Meine geniale Freundin“: Die, die man (vielleicht) überwindet. Die, an die man dann doch irgendwann stößt, trotz aller Mühen. Aber auch die Grenzen der eigenen Identität, des eigenen Körpers, verschwimmende Konturen – Lila ist besessen von der Angst, sich aufzulösen, zu verschwinden.

Von Zweifeln geplagt

Zu Beginn der dritten Staffel, die auf dem dritten Band der gleichnamigen Romantetralogie von Elena Ferrante beruht, hat es die mittlerweile erwachsene Elena, genannt Lenù, vermeintlich geschafft. Sie hat ihren ersten Roman veröffentlicht, ist umgeben von belesenen Menschen und steht kurz vor der Heirat mit dem etwas langweiligen, aber gebildeten und aus guter Familie stammenden „Professore“ Pietro, mit dem sie in Florenz leben wird. Glücklich ist sie dennoch nicht, was ihr besonders bewusst wird, als sie zu Beginn der ersten Folge zufällig auf ihren alten Schwarm Nino Sarratore trifft. Sie fühlt sich noch immer hingezogen zu dem selbstgefälligen jungen Mann, dem wie ihr selbst mithilfe von Bildung der Absprung aus dem Rione gelang. Auch in ihrer Rolle als Schriftstellerin ist sie nicht angekommen, zweifelt an sich und ihrem Talent. Der einzige Mensch, dessen Urteil über ihr Buch sie wirklich interessiert, ist Lila.

Lila hingegen ist aus ihrer Ehe geflohen und lebt nun mit ihrem kleinen Sohn Gennaro und dem platonischen Freund Enzo in San Giovanni a Teduccio, einem Viertel im Osten Neapels. Die junge Frau muss harte körperliche Arbeit verrichten, um sich und Gennaro durchzubringen, arbeitet lange Schichten in der Wurstfabrik Soccavo. Das bereitet ihr gesundheitliche Probleme und setzt sie zudem sexuellen Übergriffen durch Vorgesetzte und Kollegen aus. Als sie, vermittelt durch ihren alten Freund Pasquale, bei einem Treffen des lokalen kommunistischen Gewerkschaftskomitees von ihren Erfahrungen spricht, wird diese Rede für ein aufrührerisches Flugblatt benutzt – was ihr weiteren Ärger mit ihrem Chef Bruno einbringt. Den Boden unter den Füßen weg zieht ihr schließlich der Moment, als Michele Solara wieder in ihr Leben tritt: Denn auch Bruno Soccavo steht bei der im Rione tonangebenden, bei Lila verhassten Camorrista-Familie in der Kreide.

Die Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln

Die Erkenntnis, dass sich die Vergangenheit nicht abschütteln lässt, lässt Lila zusammenbrechen. Sie fiebert, wird abermals von ihrer alten Angst vor Auflösung und Verschwinden gepeinigt. Der einzige Mensch, den sie in diesem Moment der Not zu sehen wünscht, ist Lenù.

Für Beständigkeit in Sachen Tonfall und Atmosphäre ist gesorgt: Das stimmige Drehbuch zu den acht Folgen hat erneut Elena Ferrante selbst zusammen mit Francesco Piccolo, Laura Paolucci sowie Saverio Costanzo geschrieben. Auch der britisch-deutsche Komponist Max Richter steuert wieder seinen melancholischen und sehr stimmungsvollen Soundtrack aus reduzierten Streichertönen bei. Anders als in den ersten beiden Staffeln zeichnet allerdings nicht mehr Saverio Costanzo für die Regie von „Meine geniale Freundin“ verantwortlich (zudem hatte Alice Rohrwacher zwei Folgen aus der zweiten Staffel inszeniert). Souverän übernommen hat Daniele Lucchetti, den man vor allem seit „Mein Bruder ist ein Einzelkind“ kennt. Zudem wechselte die Kamera, Ivan Casalgrandi ist nun verantwortlich für die Bilder, deren Look sich jedoch erkennbar und überzeugend um Kontinuität bemüht. Hervorzuheben sei zudem der atmosphärisch starke Vorspann, der in körnigen Bildern einen schönen Einblick in Stimmung und Thema gibt.

All dies aber wäre nichts ohne die nach wie vor hervorragend spielenden Hauptdarstellerinnen, Gaia Girace und Margherita Mazzucco – eine perfekt gewählte Besetzung. Auch der Rest des Ensembles überzeugt, die Leistung der dafür zuständigen Casterinnen, Sara Casani, Laura Muccino und Florinda Martucciello, ist bemerkenswert. Ebenso ist Alba Rohrwacher als Erzählerin aus dem Off wieder dabei, sie leiht der aus der Rückschau erzählenden Autorin Elena Greco ihre eindringliche Stimme.

Am meisten bei sich in den Neapel-Passagen

Nicht nur Rohrwacher ist ein Argument dafür, sich die Serie möglichst im Original mit Untertiteln anzusehen. Es ist insbesondere der unmöglich zu übersetzende neapolitanische Dialekt, der wesentlich zum hier kreierten Lokalkolorit beiträgt. Sowie im starken Gegensatz dazu das Hochitalienisch, das in Elenas Universitätskreisen gesprochen wird.

Tatsächlich scheint auch die Serie selbst vor allem dann bei sich zu sein, wenn sie nach Neapel und zu Lila zurückkehrt – das fällt in den ersten beiden Folgen der neuen Staffel auf, von denen die erste in Mailand und rund um Elena, die zweite in Neapel und rund um Lila angesiedelt ist. Es ist Elenas ewiges Schicksal (um das sie, klug und selbstreflektiert, wie sie ist, auch weiß), dass ihre Freundin seit Kindheitstagen die aufregendere Figur von beiden ist. Auch als Zuschauer ist man nicht frei von dieser Prioritätensetzung. Man vermisst in der – trotz ihres Settings im aufrührerischen Klima der Studentenproteste der ausklingenden 1960er-Jahre – eher bedächtigen Auftaktfolge das Wilde, Unberechenbare, Faszinierende der süditalienischen Stadt, aber auch Lilas Temperament, das nicht zufällig ganz ähnlich gestrickt ist. Was beim Lesen des Romans aber übrigens nicht anders war: Nicht nur insofern ist der von HBO und RAI Fiction produzierten Serie auch in ihrem dritten Teil eine stimmige Adaption der literarischen Vorlage gelungen. Die vierte und letzte Staffel ist bereits in Auftrag gegeben.

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