Im Schneideraum von "Babylon Berlin"

Ein Gespräch mit den Editoren der Serie „Babylon Berlin“ Alexander Berner, Claus Wehlisch und Antje Zynga

Diskussion

An den aufregenden Abenteuern von Geron Rath und Charlotte Ritter haben nicht nur drei Regisseure, sondern auch drei Schnittmeister intensiv gearbeitet. Im Gespräch skizzieren die drei Editoren Alexander Berner, Claus Wehlisch und Antje Zynga die besonderen Herausforderungen diese Mammutprojekts, gemeinsam eine Struktur und einen Rhythmus zu finden


Wie fand die Zusammenarbeit zwischen Ihnen statt? Es war ja wohl nicht so, dass jeder für eine einzelne Episode zuständig war.

Antje Zynga: Nein, das hat sich überkreuzt. Wir haben nach dem Bäumchen-Wechsel-Dich-Prinzip gearbeitet; keiner hat eine komplette Episode geschnitten. Es ging ständig von Hand zu Hand.

Claus Wehlisch: Es war ein buntes Miteinander; jeder Editor hat mit jedem der drei Regisseure zusammengearbeitet.

Zynga: Wichtig war insbesondere, dass wir die Folgen zusammen diskutiert und unsere Arbeit beurteilt haben. Die Episoden wurden am Ende gemeinsam fertiggestellt.

Alexander Berner: Das Besondere an dieser Arbeitsweise ist, dass man als kreative Persönlichkeit sehr offen und wahnsinnig kompromissbereit sein muss, und dass man auch ständig zuhören muss, um verstehen, was die anderen empfinden.


Welches Konzept steckt hinter dieser Methode? Wollten Sie damit einen bestimmten Stil oder Rhythmus erreichen?

Wehlisch: Es ging nicht darum, dass wir in diesem Dreiergespann besonders prägend auf die Serie einwirken, sondern dass wir gemeinsam aus der Geschichte den Rhythmus und den Erzählstil herausfiltern.


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Hatten Sie den Eindruck, dass die Regisseure unterschiedliche Stile haben, die Ihre Arbeit erschweren oder eher besonders reizvoll machen?
Berner:
Die Handschriften der drei Regisseur waren für uns besonders reizvoll. Das sind ja sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, und dementsprechend unterschiedlich ist ihre Arbeitsweise. Das sieht man dem Film auch an.

Peter Kurth als zwielichtiger Kriminalbeamter Bruno Wolter
Peter Kurth als zwielichtiger Kriminalbeamter Bruno Wolter

Frau Zynga, Sie haben einige Krimis der Serien „Polizeiruf 110“ und „Tatort“ geschnitten. Was unterscheidet diese Arbeit von „Babylon Berlin“?

Zynga: Es war mehr wie ein Kinofilm, auch wegen des historischen Stoffs. Und es ist eine ganz andere Art des Erzählens, ein horizontales Erzählen mit vielen Handlungssträngen.


Für „Babylon Berlin“ war es wichtig, das alte Berlin wiederzubeleben. Das ist nicht so einfach, wenn man auf dem heutigen Alexanderplatz dreht. Wie war das im Schnitt? War da häufiger etwas im Bild zu sehen, was da nicht hineinsollte?

Wehlisch: Wirklich schlimm war nicht das Visuelle, sondern der Ton. Das Visuelle konnte ich abstrahieren; das bekommt man mit den Effekten schon bearbeitet. Beim Ton war das viel schwieriger. Ich konnte im Hintergrund immer alles Mögliche aus unserer Zeit hören: Autos, Straßenbahnen, Geschrei...


Wie sind Sie damit umgegangen?

Wehlisch: Wir haben sehr viel Ton neu aufgenommen. Dafür wurde in der Mauerstraße ein eigenes Aufnahmestudio eingerichtet. Die Hauptdarsteller waren oft dort.

Berner: Das war insbesondere der Verdienst unserer Schnittassistenten, die sehr viel Energie in die Tonnachbearbeitung gesteckt haben.

1. Mai-Unruhen in "Babylon Berlin"
1. Mai-Unruhen in "Babylon Berlin"

Was war die größte Herausforderung beim Schneiden?

Wehlisch: Die Gewichtung der verschiedenen Stränge, sowohl insgesamt als auch in den Mikrostrukturen jeder Episode. Doch das ist ja unsere Berufung als Editoren. Wir müssen ständig überprüfen, ob der Erzählfaden jetzt richtig ist und dahin führt, wohin er führen soll. Das war hier eine enorme Herausforderung.

Zynga: Es ergaben sich viele Umstellungen über die Episoden hinweg. Wir haben Szenen zwischen den Episoden getauscht, was die ganze Struktur verändert hat. Das war sehr umfangreich. Vor allem in der ersten Staffel.

Berner: Für mich war die sechste Episode der ersten Staffel die größte Herausforderung. Der Sonntag. Viele Szenen daraus können auf unterschiedliche Weise interpretiert werden. Auch die Regisseure hatten dazu unterschiedliche Interpretationen anzubieten. So gab es viele grundverschiedene Fassungen, und wir mussten uns immer wieder neu motivieren, noch einmal daranzugehen und etwas komplett Neues auszuprobieren. Man kann ja auf unterschiedliche Höhepunkte und Aussagen hin schneiden. Das ist alles möglich. Schließlich aber haben wir den Kern dann doch gefunden.

Zynga: Für mich war es die Episode am Wannsee und Episode 12. Die haben eine etwas andere Tonalität und Thematik. Hier herrscht ein etwas ruhigerer Rhythmus als im der Großteil der Serie, was eine Herausforderung im Schnitt darstellt. Sie haben aber gerade dadurch ihre Berechtigung, da sie der Serie eine andere Farbe geben. Sie zeigen einen anderen Aspekt dieses Kosmos und bereichern ihn.


An welcher Szene oder Sequenz haben Sie am liebsten gearbeitet?
Wehlisch:
Am Auftritt im legendären „Moka Efti“ am Ende der zweiten Episode. Und an der Szene danach – dem so genannten bösen Zwilling –, die mit dem Massaker an der kommunistischen Untergrundbewegung unterschnitten ist. Ich mochte auch die Musik gern. Sie nimmt einen immer wieder mit.

Zynga: Mir fällt es schwer, etwas herauszugreifen.

Berner: Ich mochte die Actionsequenzen. Die Aufmärsche, weil das so feurige Bilder sind. Und die Schießereien...


Fotos © ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier

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