© Criterion Collection (Henri Nannen in "Olympia" von Leni Riefenstahl)

Leders Journal (VI): Der Mann mit den Mikrofonen

Freitag, 01.07.2022

Leders Journal (VI): Der Publizist Henri Nannen wurde als junger Mitarbeiter der NS-Propagandakompanie von Leni Riefenstahl protegiert und revanchierte sich später, indem er ihre und seine Selbstlügen hoffähig machte

Diskussion

Die beiden „Olympia“-Filme von Leni Riefenstahl sind in Deutschland nur in einer nach dem Krieg bereinigten Fassung bekannt; die Rekonstruktion innerhalb der Criterion-Collection kommt der NS-Fassung wesentlich näher. Eine prominente Rolle im Film spielt überdies Henri Nannen, der als einer von vier Erzählern nachträglich in die Bilder hinein montiert wurde. Der Stern-Chefredakteur revanchierte sich später vielfach und verhalf seinen und Riefenstahls Selbstlügen zu einem langen medialen Leben.


Der junge Mann blickt (aus der Sicht der Zuschauer) konzentriert nach rechts, wo er außerhalb des Filmbildes etwas sehr genau zu beobachten scheint. Hinter ihm sind unscharf Menschen zu erkennen, die in eine ähnliche Richtung blicken. Seine rechte Hand umfasst knapp oberhalb der Hüfte eines der beiden Mikrophone, die vor ihm stehen. Die linke Hand hält ein Fernglas, dessen Bänder um seinem Hals liegen. Es scheint, als habe er gerade noch das Glas vor den Augen gehalten. Kurz bevor er im Bild erscheint, war im Ton zu hören, was er sagt: „Die Olympischen Spiele haben begonnen.“ Er setzt im Bild fort: „Die Besten der Welt sind in Berlin angetreten. Und 51 Nationen kämpfen um den Sieg“. Während er das sagt, dreht er den Kopf ein wenig, als wollte er noch etwas anderes ins Auge fassen, und beim Wort „kämpfen“ nickt er leicht, als wolle er seine Bedeutung unterstreichen.

Diese kurze Szene stammt aus der 24. Minute des ersten „Olympia“-Films von Leni Riefenstahl, der den Titel „Fest der Völker“ trägt. Dieser Film über die Olympischen Sommerspiele 1936 wurde zu Hitlers Geburtstag im Jahr 1938 uraufgeführt. Der hier verwendete Timecode stammt allerdings von einer Fassung des Films, die in Deutschland seit Mitte der 1950er-Jahre im Kino, im Fernsehen und auf DVD öffentlich wurde und immer noch präsent ist.


Eine Erfindung von Leni Riefenstahl

Wenn der junge Mann im Ton zu hören und dann im Bild zu sehen ist, ist die Einleitung des Films beendet, die vom Mythos der Olympische Idee und jenem Fackellauf handelt, der erstmalig 1936 und seitdem jeden Olympischen Spielen vorangeht; von da an dreht sich alles um den Sport. Der junge Mann sowie drei weitere Kollegen fungieren im Film als Stadionansager. Sie kündigen die Entscheidungen der Leichtathletik-Wettbewerbe an, die im Berliner Olympiastadion stattfinden und die den ersten der beiden Filme bestimmten. (Der zweite Film „Fest der Schönheit“ widmet sich den anderen Sportarten, die bei diesen Sommerspiel betrieben wurden.) 

Leni Riefenstahl bei den Dreharbeiten zu "Olympia" (imago/United Archives)
Leni Riefenstahl bei den Dreharbeiten zu "Olympia" (imago/United Archives)

Doch so, wie die Ansager im Film erscheinen, gehen sie auf eine Erfindung der Regisseurin zurück. Bei genauerem Hinsehen ist zu erkennen, dass der bestens ausgeleuchtete junge Mann nicht im Stadion steht, sondern in einem Filmstudio, und dass die Zuschauerinnen und Zuschauer im Hintergrund durch eine Rückprojektion in das Bild gebracht wurden. Die Aufnahmen der Ansager wurden erst nach Ende des Schnitts aufgenommen; die Texte, die sie sprechen, passen perfekt zu dem, was der Film wie und in welchem Rhythmus zeigt. Die vier Ansager sind damit die Erzähler des Films, schaffen Übergänge, wecken Erwartungen und bilanzieren die Ergebnisse.

Unter diesen Ansagern befindet sich mit Paul Laven ein Reporter, der im Radio live von den Leichtathletikwettbewerben in Berlin berichtet hatte. Er benutzt im Film stellenweise dieselben Formulierungen, die er im Radio verwandte, was den inszenierten Ansage-Passagen eine gewisse Glaubwürdigkeit verlieh. Anders als Laven aber war der junge Mann, der als erster Ansager im Film zu hören und zu sehen ist, 1938, als der Olympia-Film in die Kinos kam, vollkommen unbekannt. Die Regisseurin hatte ihn zufällig entdeckt und als „sehr fotogen“ empfunden, wie sie in ihren Erinnerungen schreibt.


Lange ein Tabus: das Trommeln für die Nazis

Nach dem Krieg wurde der nicht mehr ganz so junge Mann sehr bekannt. Es ist Henri Nannen, der die Illustrierte „Stern“ gründete und zu großem Erfolg führte. Viele Jahre galt Nannen als einer der großen liberalen Publizisten in Deutschland. Nach seinem Tod 1996 wurde die bis dahin als Egon-Erwin-Kisch-Preis bekannte Auszeichnung für die besten deutschsprachigen Reportagen eines Jahres nach ihm umbenannt. Doch schon damals war es nicht unbekannt, dass Nannen in der Nazizeit Mitglied der Propagandakompanie gewesen war und fleißig die Reklametrommel für die Verbrechen und den Angriffskrieg der Nazis gerührt hatte. Dass dies keine großen Folgen hatte, mag auch daran liegen, dass Nannen nicht der einzige Publizist der Bundesrepublik war, dem man so etwas nachsagen konnte; viele Chefredakteure oder Intendanten waren wie Nannen in den Propagandakompanien tätig gewesen. Lange Zeit galt dies aber als Branchentabu, das nur gelegentlich durchbrochen wurde.

Jesse Owens beim 100-Meter-Lauf in "Olympia" (imago/Kharbine-Tapabor)
Jesse Owens beim 100-Meter-Lauf in "Olympia" (imago/Kharbine-Tapabor)

Dieser Tage wurden durch das öffentlich-rechtliche Rechercheformat „STRG_F“ von NDR und funk erneut rassistische, antisemitische und den deutschen Angriffskrieg verherrlichende Publikationen bekannt, die Nannen verfasst hat oder die er verantwortete. Das blieb dann nicht ohne Konsequenzen. Der Reportage-Preis erhielt einen anderen Namen, und der Stern veröffentlichte so etwas wie eine erste Recherche auf den Spuren der ehemaligen NS-Propagandisten.

Nach dem Krieg dankte Henri Nannen seiner „Entdeckerin“ Leni Riefenstahl für sein Mitwirken am Olympia-Film beispielsweise dadurch, dass der Stern Riefenstahls Selbstbild einer unpolitischen Regisseurin übernahm und 1969 ihre Fotografien des Stammes der Nuba im Sudan als Titelgeschichte publizierte. Nannen bot ihr nach Riefenstahls Aussage 1977 auch ein „sagenhaftes“ Honorar für ihre Erinnerungen an, die sie zehn Jahre später dann aber anderswo publizierte. In dieser Autobiografie stellt sich Leni Riefenstahl erneut als unpolitische Künstlerin dar, die nur per Zufall an die Rolle der NS-Propagandistin geriet, die sie seit dem Parteitagsfilm „Triumph des Willens“ (1935) einnahm. Vor allem der Olympia-Film galt lange Zeit als bester Beleg dafür, dass sie die Propagandalügen der Nazis nicht übernommen habe.


„Olympia“ in der „Critierion Collection“

Riefenstahl konnte das aber nur deshalb behaupten, weil man den Olympia-Film, dessen Rechte sie sich in der Bundesrepublik vor Gericht erstritten hatte, nur in einer Fassung kannte, die um viele Propagandaelemente bereinigt war. Seit einigen Jahren hat die US-Firma Criterion, die für die gewissenhafte DVD-Publikation von Filmen bekannt ist, im Rahmen einer Edition aller Olympiafilme eine Version von „Olympia“ veröffentlicht, die derjenigen, die zu Hitlers Geburtstag und zu dessen Wohlgefallen im Jahr 1938 uraufgeführt worden war, am nächsten kommt. Und siehe da: In dieser Fassung sind viel mehr Szenen mit Hitler zu sehen als in der, die erstmalig Mitte der 1950er-Jahre erschien.

Nannen und Riefenstahl verbindet, dass sie ihre Propagandatätigkeit für die Nazis nicht nur systematisch verschleierten, sondern dass sie ihre Selbstlügen irgendwann auch selbst geglaubt haben. Ihr Selbstbildnis war so echt wie das Filmbild des Olympia-Ansagers Nannen, der seine Tätigkeit erst nach den sportlichen Wettkämpfen und im künstlichen Licht des Filmstudios aufnahm.


Hinweis

Der Autor Dietrich Leder hat zu diesem Thema ausführlicher in dem Buch „Die Entstehung des Mediensport. Zur Geschichte des Sportdokumentarfilms“ geäußert, das er zusammen mit Daniela Schaaf und Jörg-Uwe Nieland herausgegeben hat.

In der Criterion-Collection sind die beiden Riefenstahl-Filme „Olympia, Teil 1: Fest der Nationen“ und „Olympia, Teil 2: Fest der Schönheit“ innerhalb einer 32 Blu-rays umfassenden Box zu „100 Years of Olympic Films 1912-2012“ erschienen. Bezug: In jeder Buchhandlung, bei allen einschlägigen Internet-Anbietern oder hier.

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