© IMAGO / Future Image

Die Chefin - Hannelore Hoger

Freitag, 19.08.2022

Eine Hommage an die Schauspielerin und Regisseurin Hannelore Hoger, die dieser Tage 80 Jahre alt werden soll

Diskussion

Hannelore Hoger hat weder Angst vor ihrem eigenen Innenleben noch vor herumschreienden Männern. So lässt es sich offenbar lange in der Theater-, Film- und Fernsehwelt aushalten. Als Ermittlerin „Bella Block“ brachte die Schauspielerin, Regisseurin und Hörspielsprecherin einem breiten Publikum einiges über die intellektuelle Sinnlichkeit einer Frau jenseits der 50 bei. Ob sie dieser Tage tatsächlich 80 Jahre alt wird, weiß niemand so genau. Ist aber auch egal.


In der ersten, als Einzelfilm gedachten Folge der bald schon legendären Krimireihe „Bella Block“, „Die Kommissarin“ (1993), begrüßt ein zwielichtiger Provinzprominenter die Titelheldin mit den Worten, er habe schon viel von ihr gehört: „Alle reden über Sie, aber keiner weiß, wer Sie sind“. Darauf Hannelore Hoger alias Bella Block trocken: „Tja, das haben Phantome so an sich“. Sie klingt, als sei sie gerade erst aufgestanden. Und als habe sie vor allem kein Problem damit.

Die leicht nasale Verächtlichkeit, mit der die Schauspielerin das Wort „Phantom“ ausspricht, deutet es schon an: Eine Frau wie sie ist vor allem für diejenigen schwer zu fassen, für die Kategorien wie Geschlecht, Alter, Beruf und Aussehen einen monotonen Blumenstrauß eindeutiger Eigenschaften mit sich zu bringen haben. Derselbe Mann kredenzt ihr später weitere Galanterien: Für das, was sie tags zuvor getrunken habe, oder dafür, dass sie in ihrem Urlaub so viel arbeite, sehe sie sehr gut aus. Ihm (und dem Publikum) nimmt sie die Lust an weiteren Komplimenten dieser Art durch ein seelenruhiges, im Bariton fallengelassenes: „Ich finde, ich sehe immer gut aus“.

      Das könnte Sie auch interessieren:


Gegen fremde Zuschreibungen

In solchen Momenten, und darin liegt sicherlich ein Grund für den Erfolg der bis 2018 ausgestrahlten „Bella Block“-Reihe, scheint auch ein Wesenszug ihrer Darstellerin Hannelore Hoger auf: Bei den vermeintlich großen Fragen - bin ich schön, was bedeutet das Alter, womit sollte ich ein Problem haben und welchen Sinn hat das alles - setzt sie ein wohlwollend ichbezogenes Schon-Immer gegen das Flüchtige fremder Zuschreibungen. Und zwar mit einer Lässigkeit, die sich nur diejenigen leisten können, diedie interessanteren Lebensdinge trotzdem vor allem im Kleinen und Vorübergehenden erkennen, mit heimlicher Vergnügtheit.

Deshalb weiß in der Öffentlichkeit auch niemand so genau, ob Hannelore Hoger am 20. August tatsächlich 80 Jahre alt wird. Oder 81. Oder 79. Vor einem Jahr erschienen mehrere Gratulationsporträts zu ihrem „vielleicht Achtzigsten“. Das dürfte sie amüsiert haben. Über das Alter zu reden, finde sie langweilig, erklärte sie einmal. Um den koketten Wunsch, sich jünger zu machen, geht es bei dieser Unschärfe in der biografischen Angabe wohl kaum. Eher ist es wieder so ein angeblich großes Thema, das Hoger nicht sonderlich interessiert.

Von der ersten „Bella“ zurück zu Hogers erstem Kinoauftritt als junge Frau ist es deshalb gar kein so großer Sprung. Schon in Alexander Kluges „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, der 1968 in Venedig den „Goldenen Löwen“ gewann, und in der halbstündigen Auskopplung „Die unbezähmbare Leni Peickert“ (1970) tritt sie wie ein Mensch auf, der bereits sehr genau weiß, dass er mehr ist als erstens jung und zweitens eine Frau. Und dass das, was im Moment noch begehrt und belohnt wird von der männlich dominierten Kreativszene, nur vorübergehende Behauptungen oder Zufälle sind. Nicht das Wesentliche.

"Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" (© IMAGO/ZUMA/Keystone)
"Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" (© IMAGO/ZUMA/Keystone)

Macherin und Denkerin

Allein, wie sie sich da als Zirkusdirektorin Leni Peickert eine Glastür öffnen lässt: ein rasches Herantreten, ein kurzes, ungeduldiges, aber nicht hilfloses Verharren, bis einer ihrer Männer hinter ihr aufrückt und ihr die Tür öffnet. Eine kleine Machtgeste, ohne jede vermeintlich damenhafte Selbstverkleinerung. Sie ist die Chefin, und das ist ihr Auftritt. Als Peickert wird Hoger vom Zirkus zum Fernsehen überlaufen und ihren Mitarbeiterstab mitnehmen. Sie ist eine, die ohne Grübelei, aber beherzt hinterfragt, was sie tut und ob sie es liebt und was unterwegs mit dem selbstgesteckten Niveau passiert. Kein Püppchen, dem man das Zeitkolorit allzu deutlich ansieht, sondern eine Macherin und Denkerin.

Mehrere Jahre waren sie und Alexander Kluge ein Paar; befreundet sind sie bis heute. Hogers Eltern hatten kein Geld, um sie wie ihre Geschwister auf die Oberschule zu schicken. Umso wichtiger war ihr später, sich mit Geistesmenschen zu umgeben. Hogers Vater Leo war Schauspieler und Inspizient am Ohnsorg-Theater, ihre Mutter arbeitete zu Hause als Näherin und Schneiderin.

Mit 14 Jahren, schreibt sie in ihrer 2017 erschienenen Autobiografie „Ohne Liebe trauern die Sterne“, habe sie gewusst, dass sie Schauspielerin werden wolle. Nach einer ersten Rolle am Theater ihres Vaters ging sie an die Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Seit 1961 führten sie Engagements auf die damals angesagtesten Bühnen; in Ulm arbeitete sie etwa mit dem „Menschenfänger“ Kurt Hübner.


„Ich lief unter Charakterfach“

Einige Regisseure, meint Hoger, hätten sie in ihren jungen Jahren unerotisch gefunden. Als sie als angehende Schauspielerin den Wunsch äußerte, die Julia aus „Romeo und Julia“ zu spielen, habe ihr Lehrer nur gesagt: „Schnubbelchen, guck mal in den Spiegel!“ Sie müsse „irgendwie etwas Gediegenes“ an sich gehabt haben, vermutet sie. Sie selbst fand sich „eigentlich ganz hübsch“, aber damals seien Schauspieler nun einmal in Fächer eingeteilt worden, Jugendliche Naive, Salondame, Jugendlicher Held, Komische Alte und so weiter. „Ich lief unter Charakterfach.“

Einer der frühen "Bella Block"-Auftritte in den 1990ern, mit Peter Lohmeyer (© IMAGO / United Archives)
Einer der frühen "Bella Block"-Auftritte, mit Peter Lohmeyer (© IMAGO / United Archives)

Auch und gerade nach heutigen Maßstäben war sie als junge Erscheinung ziemlich aufregend: unter starken, schwarz geschwungenen Liz-Taylor-Augenbrauen ein entwaffnend kritischer Blick, Kurzhaarschnitt, vorwitzige Knubbelnase und eine männlich schmale, breite Oberlippe mit weit geschwungenem Amorbogen, über dem ein dunkler Schatten zu liegen scheint wie die Möglichkeit queerer Fluidität.

Mit „Die Artisten in derZirkuskuppel: ratlos“ sei sie zunächst „die Kluge-Schauspielerin“ gewesen, was sie schon etwas eingeengt habe, heiß es in der Autobiografie. Ihr von Kluge beobachteter Blick in den Spiegel ist kritisch, aber akzeptierend, ihre Stimme leicht verschnupft, als sie sich in „Die unbezähmbare Leni Peickert“ wie einem ihrer Zirkuspferde heftig die Haare nach vorn bürstet und dabei zu sich selbst murmelt, dass sie jetzt eben auch nicht anders aussehen könne, als sie nun einmal aussehe. Jahrzehnte später wird man sie dafür feiern, dass sie zeigt, „dass und wie eine Frau auch älter höchst attraktiv sein kann, ohne sich allzu geschmeidig machen zu müssen“, wie in einem der Geburtstagsartikel stand. Sie blieb sich treu.


Auf Augenhöhe

Nebenbei war sie alleinerziehende Mutter: 1961 kam ihre Tochter Nina zur Welt. Zu jener Zeit eine moralische wie praktische Unmöglichkeit: unehelich, und noch dazu ohne staatliche Betreuungsmöglichkeiten und voll im Berufsleben stehend, ein Kind großzuziehen. Eltern und Geschwister sprangen ein. „Ich hatte keine spießigen Eltern.“ Bis heute ist Nina Hoger, die ebenfalls Schauspielerin wurde, ihre engste Vertraute.

Ihre Schwierigkeiten und Chancen innerhalb des damals nicht offen so genannten, oftmals toxischen Klimas im Film- und Theaterzirkus dürften damit zu tun haben, dass Hoger vor schreienden Männern nie Angst hatte, wie sie schreibt. Erst recht habe sie niemals „unter“ diesem oder jenem Regisseur gearbeitet oder gar „gedient“, betont sie im Gespräch mit Alexander Kluge. Ihre Zusammenarbeit mit Peter Zadek, mit dem sie 1972 auch ans Schauspielhaus Bochum ging, war wohl auch deshalb nicht einfach, weil sie sich als Ebenbürtige sah. „Wenn er manchmal den Arm um mich legte und mich ,Liebling‘ oder ,Honigkuchen‘ nannte (was er natürlich nicht nur zu mir sagte), fand ich das auch umgekehrt passend“. Er besetzte sie in seiner 1975 zum Berliner Theatertreffen eingeladenen „König Lear“-Inszenierung an der Seite von Ulrich Wildgruber in der Rolle des Narren. Zwar gehörte Zadek nicht zu jenen, die herumschrieen, aber er habe schon mal die Menschen gegeneinander ausgespielt. Mit ihr funktionierte das nicht - sie ging. Mehr als zwei Jahrzehnte später arbeiteten sie wieder miteinander, offenbar hatte Zadek das mit der Augenhöhe inzwischen verstanden.

Mit Mitte Vierzig distanzierte sie sich endgültig vom Theater, sie spricht - bei aller Liebe - von einem „Bruch“. Abgesehen von gelegentlichen Bühnenarbeiten startete sie vollends in Film und Fernsehen durch. Sie drehte mit Volker Schlöndorff und Rainer Kaufmann, man sah sie in „Die zweite Heimat“ von Edgar Reitz und „Rossini“ von Helmut Dietl, es regnete Preise und Auszeichnungen für ihr Lebenswerk. Ihre Bandbreite reicht dabei vom Flamboyanten bis zum Vulgären, vom Geerdeten bis zum Unnahbaren und allen feinen Abstufungen und komischen Kombinationen dazwischen. Ihre eigenen Theaterregiearbeiten etwa in Bochum oder Darmstadt wertet sie in ihrer nüchtern-wohlwollenden Selbstbetrachtung als „sehr anständige“ Erfolge, wobei sie findet, Fehler im Umgang mit den Schauspielern gemacht zu haben: zu streng.

Neugierig bleibt sie auf den anspruchsvollen Kinonachwuchs: So stand sie für den dffb-Abschlussfilm „Ichwill mich nicht künstlich aufregen“ (2014) von Max Linz vor der Kamera, in einer Szene mit Joachim Gauck, einer Replik auf eine Szene von Alexander Kluge, in der Hannelore Hoger Willy Brandt bei einem SPD-Parteitag ansprach.


Hannelore Hoger pfeift auf Lieblichkeiten

Ihre mal leise, mal laute Selbstironie untergräbt niemals ihre Autorität, im Gegenteil. Hoger pfeift auf Lieblichkeiten. Ihre Gesten sind klar gezogen wie der rote Lippenstift, ihre ganze Haltung nimmt sich das Recht auf Genuss und gelebte Faulheit, eine ihrer wesentlichen Eigenschaften, wie sie in ihrer Autobiografie freimütig schreibt. „Solange ich am Boden liegen kann, ohne mich festzuhalten, bin ich nicht betrunken“, zitiert Bella einmal in der Waagerechten den Kollegen Dean Martin. Dass die Kommissarin am Schluss nicht mehr rauchen und nicht mehr trinken durfte, befremdete sie, „den Mann wollte man mir auch noch wegnehmen, obwohl das ursprünglich von der Autorin anders angelegt war“. Sie ging zwar im Guten, aber doch auch mit der Enttäuschung über eine zunehmende Lustfeindlichkeit.

Mit der "Bella Block"-Crew, Anna Fischer, Devid Striesow & Hansjürgen Hürrig, 2012 (© IMAGO/APress)
Mit der "Bella Block"-Crew, Anna Fischer, Devid Striesow & Hansjürgen Hürrig (© IMAGO/APress)

Dabei war die Lust, die sie ausstrahlt, immer schon mehr als bloß unterhaltsames Beiwerk. Kaum eine andere Schauspielerin ihrer Generation verkörpert diese Selbstverständlichkeit, sich sonst fast nur Männern Zugeschriebenes zuzugestehen. Ihre Fernsehpartner waren oft jünger als sie, hatten feingeistige Berufe und trugen weiche Züge, wie Peter Lohmeyer oder Rudolf Kowalski. Trotzdem, und das macht es spannend, bestand sie auch auf eigene Weichheit und Bedürftigkeit. Regisseur Max Färberböck, sagte sie dem „Spiegel“, habe ihr einmal beschieden, man müsse sie als Bella Block „hart fotografieren“. Sie habe das sehr geärgert, „weil das bei einer selbstbewussten Person wie Bella eine Verdopplung ist. Sie ist tough, und jetzt muss sie auch noch vierschrötig sein und richtig schlecht ausgeleuchtet werden, mit möglichst harten Falten. Was soll das?“


Freiheit liegt nur im eigenen Inneren

Mit dem Etikett „starke Frau“ braucht man ihr gar nicht erst zu kommen, für sie ist das nur „eine Art Freibrief für Zumutungen aller Art“, wie sie dem „Spiegel“ erklärte: „,Du hast ein breites Kreuz, du kannst das doch locker wegstecken’, wurde mir immer vorgehalten - privat, aber auch beim Theater und beim Drehen“. Frauen würden mit diesem Etikett auch enterotisiert. Letztlich sei „eine starke Frau“ eine Projektion von Männern. Sie jedenfalls wollte nie abhängig werden, weder psychisch noch finanziell. „Ich glaube, das ist mir gelungen“.

Freiheit, so könnte man ihre Autobiografie zusammenfassen, liegt nur im eigenen Inneren. Und von dort strahlt sie ab. Im Entführungstrauma-Aufbereitungsdrama „Zurück ans Meer“ stand sie 2021 zusammen mit ihrer Tochter Nina vor der Fernsehkamera. Was Interviewer dazu bewegte, sie zu eigenen Traumata zu befragen. „Ich bin ganz heil“, erklärte sie. Doch keine Angst vor dem eigenen Innenleben zu haben, findet sie trotzdem ganz praktisch, denn dann fällt es leichter, eine Therapie zu machen, falls doch einmal etwas unerwartet Schwieriges aufploppt.

Wie an jenem Drehtag vor ein paar Jahren, als sie in einem Notarztwagen mitfuhr und dort ein tiefes, gleichmäßiges Atmen zu hören war. Da habe ihr Unterbewusstsein irgendeine Erinnerung freigelegt, die einen „kleinen Zusammenbruch“ nach sich zog. In der Therapie verstand sie es: Als Baby habe sie wegen einer Pockenimpfung etwa ein Jahr lang im Krankenhaus verbracht. Hoger beschreibt das wie jemand, der etwas entdeckt hat. Etwas klar Umrissenes, das man genau ansehen kann. Kein Phantom.

Kommentar verfassen

Kommentieren