© Eternal Daughter Productions Limited/BBC (Tilda Swinton)

Venedig 2022 - Horror und Heilige

Montag, 29.08.2022

Bei der 79. "Mostra" in Venedig tummeln sich Geister, Kannibalen & Co. auf der Leinwand; der Horror wird großgeschrieben

Diskussion

Geister, Kannibalen & Co. werden sich bei der 79. „Mostra internazionale dell’arte cinematografica“ auf der Leinwand tummeln: Der Horror wird beim diesjährigen Filmfestival in Venedig großgeschrieben. Im Wettbewerb konkurrieren aber auch ein Historienfilm um die Heilige Klara oder „The Whale“ von Darren Aronofsky sowie die Don-DeLillo-Verfilmung „White Noise“ von Noah Baumbach, mit der das Festival am 31. August eröffnet.


Jack Gladney fürchtet sich vor dem Tod. Und plötzlich kommt er ihm erschreckend nah: Das gut situierte Dasein des Wissenschaftlers und Patchwork-Familienvaters, der an einem College im mittleren Westen der USA Hitler-Studien betreibt, wird aus heiterem Himmel von einer tödlichen Gefahr überschattet, als ein Chemieunfall die Evakuierung seiner Stadt notwendig macht und Jack mit der dubiosen Substanz in Berührung kommt. Don DeLillos Roman „White Noise“ aus dem Jahr 1985 kreist ums „weiße Rauschen“ der Todesfurcht, ums Leben mit dem Wissen um das eigene Ende. Jetzt eröffnet die Verfilmung von Noah Baumbach mit Adam Driver in der Hauptrolle am 31. August 2022 die 79. Filmfestspiele von Venedig.


Schön schauerlich

Erschreckendes wie DeLillos „Airborne Toxic Event“ wird nicht nur zum Auftakt der 79. „Mostra“ großgeschrieben. Die Filmauswahl des von Ukrainekrieg und vielen anderen Krisen überschatteten Jahrs 2022, in dem das 1932 gegründete Festival seinen 90. Geburtstag feiert, hat einen gewissen Drall Richtung Horror. Wobei die Schrecken der Sujets durch die wohligen Schauer konterkariert werden, die den Kinofans die Namen der Regie-Größen über den Rücken jagen, die das Programm bestücken. Nachdem sich Luca Guadagnino schon in seinem „Suspiria“-Remake dem Horror hingegeben hatte, kehrt er mit einem weiteren makabren Stoff in den Wettbewerb am Lido zurück: „Bones and All“ kreist um ein Teenager-Mädchen, das in den 1980er-Jahren quer durch die USA reist, um seine Herkunft zu ergründen und einen makabren kannibalischen Trieb zu verstehen, mit dem es sich herumschlägt. Neben der Hauptdarstellerin Taylor Russell sind darin Timothée Chalamet und Mark Rylance zu sehen.

"Riget Exodus", das Ende des Königs heißt die dritte Stafflel von Lars von Triers Miniserie "The Kingdom" (La Biennale di Venezia)
"Riget Exodus" heißt die dritte Stafflel von Lars von Triers "The Kingdom" (© La Biennale di Venezia)

Außer Konkurrenz präsentiert Lars von Trier mit „Riget Exodus“ eine dritte Staffel seiner in den 1990er-Jahren entstandenen Miniserie „The Kingdom - Hospital der Geister“, die um die seltsamen, ins Übersinnliche spielenden Erlebnisse von Patienten und Belegschaft im Reichskrankenhaus von Kopenhagen kreist. Ebenfalls außer Konkurrenz ergründen Regisseur Ti West und Schauspielerin und Co-Autorin Mia Goth in „Pearl“ die Hintergründe einer der beiden Figuren, die Goth im blutig-makabren Slasher-Film „X“ verkörperte. Es geht um die Vorgeschichte der abgründigen alten Frau, die in "X" zur Nemesis einer Filmcrew wird, die in den 1970er-Jahren auf ihrer Farm einen Porno drehen will.

„Pearl“ wurde vom US-Studio A24 mitproduziert, dessen Name sich in den letzten Jahren zu einer Art Gütesiegel für aufregendes Kino und Qualitäts-Serien gemausert hat. Die Talentschmiede ist auch noch mit zwei anderen Produktionen bei der „Mostra“ 2022 vertreten: Darren Aronofskys Theaterverfilmung „The Whale“ mit Brendan Fraser als schwer adipöser Mann, der sich in seiner Wohnung langsam zu Tode isst, bis er einen Kontakt zu seiner entfremdeten Teenager-Tochter (Sadie Sink) sucht. Und Joanna HoggsThe Eternal Daughter“, der als „Geistergeschichte“ ebenfalls ins Horror- bzw. Mystery-Genre spielt und für den sich Hogg einmal mehr mit Tilda Swinton zusammengetan hat. Es geht um eine ältere Frau und ihre erwachsene Tochter, die in ihren einstigen Familiensitz zurückkehren, der von den Schatten der Vergangenheit heimgesucht wird. Beide Filme konkurrieren um den „Goldenen Löwen“.


Nur wenige Regisseurinnen im Wettbewerb

Hogg ist 2022 eine von lediglich fünf Regisseurinnen, die neben namhaften Kollegen wie Martin McDonagh („The Banshees of Inisherin“) und Florian Zeller (der mit „The Son“ an „The Father“ anschließt) Eingang in den aus 23 Filmen bestehenden Wettbewerb gefunden haben. Neben Hogg ist die Italienerin Susanna Nicchiarelli mit dabei und präsentiert nach „Nico, 1988“ und „Miss Marx“ einen weiteren Film, der sich an der Biografie einer Frau abarbeitet: „Chiara“ über die Heilige Klara von Assisi, die inspiriert von den Predigten des Franz von Assisi im frühen 13. Jahrhundert ihr adliges Elternhaus verlässt, wie Franziskus ein Leben in radikaler Armut und der Nachfolge Christi wählt und später zur Gründerin des Klarissenordens wird.

Eine Medea-Variante: "Saint Omer" von Matji Diop (SRAB Films/Arte France Cinéma)
Eine Medea-Variante: "Saint Omer" von Alice Diop (© SRAB Films/Arte France Cinéma)

Die französische Filmemacherin Alice Diop, bisher als Dokumentaristin bekannt, präsentiert mit „Saint Omer“ ihren ersten Spielfilm. Es geht um eine Schriftstellerin, die einem Prozess gegen eine junge Frau und potenzielle Kindsmörderin beiwohnt, weil sie den Fall als Stoff für eine Neuinterpretation des Medea-Mythos nutzen will. Von Rebecca Zlotowski stammt mit "Les enfants des autres" ein Drama mit Virginie Efira als kinderlose Frau, die eine besondere Beziehung zur Tochter eines Freundes aufbaut.

Zu den Regisseurinnen im Wettbewerb gehört schließlich auch die Dokumentaristin Laura Poitras. In „All the Beauty and the Bloodshed“ porträtiert sie die Fotografin Nan Goldin (geb. 1953) und deren Kampf gegen das an der Opioid-Krise mitschuldige Unternehmen Purdue Pharma der Familie Sackler. Ansonsten ist Dokumentarisches im Wettbewerb einmal mehr klar im Hintertreffen gegenüber dem Fiktionalen. Dafür läuft außer Konkurrenz der neue Film von Italiens prominentestem Dokumentarfilm-Regisseur Gianfranco Rosi, der in früheren Jahren einen „Goldenen Löwen“ für „Das andere Rom“ und einem „Goldenen Bären“ für „Seefeuer“ gewann. In „In viaggo“ widmet er sich den Reisen von Papst Franziskus. „37 Reisen in 59 Länder“ hätte das amtierende Oberhaupt der katholischen Kirche in neun Jahren Amtszeit unternommen; Rosi spürt diesen Reisen mittels Archiv- und selbstgedrehtem Material nach und will dabei eine Art „Via Crucis“ nachzeichnen.


Künstler:innen-Figuren

Interessant zu werden versprechen eine Reihe von Filmen, die sich mit Künstler:innen-Figuren auseinandersetzen. Dazu gehört „Tar“ von Todd Field, in dem Cate Blanchett eine Komponistin spielt, die als erste Frau zur Chefdirigentin eines großen deutschen Orchesters berufen wird. Die Filmmusik steuert die isländische Komponistin Hildur Guðnadóttir bei, die am Lido bereits 2019 mit ihrer furiosen Musik für „Joker“ begeisterte. Die Dreharbeiten fanden vorwiegend in Berlin statt, wo der Film spielt; außerdem wurde in Dresden mit der Dresdner Philharmonie gedreht. „Was passiert, wenn Menschen in einer schöpferischen Position dem Epizentrum der Macht und Autorität nahekommen?“, umschrieb Blanchett in einem Interview die Geschichte.

Zu den italienischen Beiträgen im Wettbewerb gehört „Il signore delle formiche“ von Gianni Amelio, mit dem der Regisseur seinem Künstler-Landsmann Aldo Braibanti (1922-2014) ein Denkmal setzt. Der Schriftsteller, Theatermann und Filmemacher wurde in den 1960er-Jahren als Linksintellektueller und Homosexueller in einen absurden, skandalumwitterten Gerichtsprozess verwickelt, der von fern an den Prozess gegen Oscar Wilde erinnert und trotz großer öffentlicher Aufmerksamkeit mit einer Haftstrafe für Braibanti endete.

Tolstoi und die Frauen: "Un couple" von Frederick Wiseman (La Biennale di Venezia)
Tolstoi und die Frauen: "Un couple" von Frederick Wiseman (© La Biennale di Venezia)

Spannend zu werden verspricht außerdem ein neues Werk von Altmeister Frederick Wiseman, in dem es um den russischen Schriftsteller Leo Tolstoi und seine Frau Sophia geht. „Un couple“ beleuchtet die Ehe des legendären Autors mit Hilfe von Monologen aus der Perspektive der Frau, die lose auf dem Briefwechsel der beiden beruhen.


Netflix mit neuen Löwen-Anwärtern

Andrew Dominik, der sich zuletzt in zwei Dokumentarfilmen mit dem Musiker Nick Cave befasste, liefert mit „Blond“ einen auf Joyce Carol Oates gleichnamigem Roman beruhenden Film über Marilyn Monroe (Ana de Armas), wobei Fakten und Fiktion verschwimmen und es um die Spannung zwischen der öffentlichen und der privaten Person geht.

„Blond“ ist einer jener Beiträge, mit denen der Streamingdienst Netflix sein gutes Standing bei der „Mostra“ fortsetzt. Auch der Eröffnungsfilm „White Noise“ wird von Netflix präsentiert, ebenso wie „Athena“ von Romain Gavras über soziale Unruhen und Gewalt in den Banlieues und Alejandro González IñárritusBardo“. Zudem renommiert der Streamingdienst außer Konkurrenz mit einem vielerwarteten Serienprojekt: „Copenhagen Cowboy“ von Nicolas Winding Refn verspricht einmal mehr ein Neon-gesättigter Noir-Stoff zu werden, festgemacht an einer jungen weiblichen Hauptfigur.

Darüber hinaus reicht das Spektrum der außer Konkurrenz gezeigten Werke von einem neuen Film von Walter Hill mit Christoph Waltz als Kopfgeldjäger („Dead for a Dollar“) über das letzte Werk des 2020 an Corona verstorbenen koreanischen Regisseurs KimKi-duk („Call of God“) bis zu einer neuen Regiearbeit der Schauspielerin Olivia Wilde („Don’t Worry, Darling“). Ebenfalls außer Konkurrenz läuft „Master Gardener“ von Paul Schrader, ein Thriller um den Gärtner eines noblen Anwesens (Joel Edgerton), der von der reichen Besitzerin (Sigourney Weaver) angewiesen wird, ihre Großnichte (Quintessa Swindell) als Lehrling anzunehmen, was Ereignisse triggert, die die dunkle Vergangenheit des Mannes an die Oberfläche holen. Paul Schrader ging, wie er in einem Interview berichtete, beim Drehbuchschreiben zuerst vom männlichen Protagonisten aus, doch dann traten die zwei Frauenfiguren mehr und mehr in den Vordergrund.

Lav Diaz, der 2016 mit „The Woman Who Left“ einen „Goldenen Löwen“ gewann, präsentiert mit „When the Waves Are Gone“ nun ein Art Pendant dazu. Es geht um einen Mann, der nach 29 Jahren aus dem Gefängnis kommt und in seine Heimat zurückkehrt, um sich das zurückzuholen, was ihm einst von einem falschen Freund genommen wurde.

Rückkehr ins Leben: "When the Waves are gone" von Lav Diaz (La Biennale di Venezia)
Rückkehr ins Leben: "When the Waves are Gone" von Lav Diaz (© La Biennale di Venezia)

Unter den Beiträgen der „Orizzonti“-Reihe befindet sich unter anderem eine Arbeit der mazedonischen Filmemacherin Teona Strugar Mitevska, die 2019 mit „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“ bei der Berlinale glänzte. Ihr neuer Film „The Happiest Man in the World“ erzählt von einer Single-Frau um die 40 in Sarajewo, die bei einem Dating einen Mann kennenlernt, der in den 1990er-Jahren zu den Belagerern der Stadt gehörte und bei ihr nun nach Vergebung für ein Verbrechen von damals sucht.


Deutsche Beiträge

Und deutsche Beiträge? Sie glänzen am Lido weitgehend mit Abwesenheit, abgesehen von einem deutschen Film in der Kritikerwoche „Settimana della critica“: Mit „Aus meiner Haut“ läuft dort das Langfilm-Debüt von Alex Schaad; es geht um zwei junge Liebende (Jonas Dassler, Mala Emde), deren Identitäten beim Aufenthalt auf einer Insel mit Hilfe eines mysteriösen Verfahrens ins Fließen geraten, was ihre Dynamik als Paar vor ungeahnte Herausforderungen stellt.

In der Kritikerwoche: "Aus meiner Haut" mit Mala Emde und Jonas Dassler (© Walker + Worm)
In der Kritikerwoche: "Aus meiner Haut" mit Mala Emde und Jonas Dassler (© Walker + Worm)

Außerdem laufen einige deutsche Co-Produktionen. Produzentin Bettina Brokemper steuert mit dem französischen Film „La syndicaliste“ von Jean-Paul Salomé einen der vielversprechendsten Beiträge der „Orrizonti“-Reihe bei: Isabelle Huppert schlüpft in dem Politthriller nach realen Ereignissen in die Rolle der in Frankreich lebenden Irin Maureen Kearney, die als Gewerkschafterin und Generalsekretärin der europäischen Arbeitnehmervertretung des französischen Atomgiganten Areva dubiose Machenschaften aufdeckt und Opfer eines perfiden Überfalls wird.

Außerdem mit deutscher Beteiligung entstanden ist ein Film, der in der Sektion „Giornate Degli Autori“ Premiere feiert: In „Padre Pio“ setzt sich kein geringerer als Abel Ferrara mit dem in seiner Wahlheimat Italien äußerst populären gleichnamigen Volksheiligen (1887-1968) auseinander, der schon zu Lebzeiten als Träger sogenannter „Stigmata“ verehrt und 2002 heiliggesprochen wurde. Wobei man von Ferrara, der die Rolle des vielgeliebten, aber auch höchst umstrittenen Kapuzinermönchs mit Shia LaBeouf besetzt hat, alles andere als eine erbaulich-fromme Beweihräucherung erwarten darf.


Der Wettbewerb der 79. „Mostra“


White Noise“ von Noah Baumbach (Eröffnungsfilm)

Il signore delle formiche“ von Gianni Amelio

The Whale“ von Darren Aronofsky

L'Immensità“ von Emanuele Crialese

Saint Omer“ von Alice Diop

Blond“ von Andrew Dominik

Tár“ von Todd Field

Love Life“ von Kôji Fukada

Bardo“ von Alejandro González Iñárritu

Athena“ von Romain Gavras

Bones & All“ von Luca Guadagnino

The Eternal Daughter“ von Joanna Hogg

Beyond the Wall“ von Vahid Jalilvand

The Banshees of Inisherin“ von Martin McDonagh

Argentina, 1985“ von Santiago Mitre

Chiara“ von Susanna Nicchiarelli

Monica“ von Andrea Pallaoro

No Bears“ von Jafar Panahi

All the Beauty and the Bloodshed“ von Laura Poitras

A Couple“ von Frederick Wiseman

The Son“ von Florian Zeller

Our Ties“ von Roschdy Zem

Other People’s Children“ von Rebecca Zlotowski




Hinweise

Das 79. Filmfestival in Venedig findet vom 31.8. bis zum 10.9.2022 statt. Julianne Moore ist Präsidentin der Internationalen Jury, in der sie zusammen mit Mariano Cohn (Regisseur), Leonardo di Costanzo (Regisseur), Audrey Diwan (Regisseurin), Leila Hatami (Schauspielerin), Kazuo Ishiguro (Autor) und Rodrigo Sorogoyen (Regisseur) über die Preise entscheidet.

Weitere Infos rund um das Festival finden sich auf der Website der Mostra.

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