© Asac – La Biennale di Venezia/Polaris Pict. (aus "Dead for a Dollar")

Venedig 2022: Wo das Kino ganz bei sich ist

Montag, 12.09.2022

„Außer Konkurrenz“ war bei der 79. „Mostra“ alles möglich: hehre Filmkunst, aktualistisches Handwerk, mit heißer Nadel gestrickte Propaganda oder geduldig über die Jahre hin als Vermächtnis geschaffene Avantgarde. Eine Begegnung an den Rändern.

Diskussion

Der Wettbewerb des 79. Filmfestivals in Venedig zeugte vom Bestreben der Veranstalter, im 90. Jahr nach Gründung des Festivals alles richtig zu machen. Das Ergebnis war eine monolithisch einseitige Auswahl. Als spannender, weil freigeistiger entpuppten sich die „Außer Konkurrenz“ gezeigten Filme. Wo das Kino niemandem etwas beweisen muss, ist es ganz bei sich und dem Publikum.


Das 90. Jubiläum der „Mostra internazionale del arte cinematografica“ wurde zwar nicht gesondert gefeiert. Dennoch scheint es die Entscheidungen des künstlerischen Leiters von Venedig, Alberto Barbera, stark beeinflusst zu haben, wenn man auf die Einseitigkeit und die Schwere des Wettbewerbs blickt. Nichts durfte schiefgehen im Jubeljahr! Der Wettbewerb sollte vor allem die Qualitätsmedien zufriedenstellen und für gute Presse sorgen; außerdem mussten auch alle wichtigen Personen und Instanzen der Filmindustrie berücksichtigen werden, damit sie auch in Zukunft ihre Weltpremieren am Lido laufen lassen.


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„Weltkino“ mit einseitigem Fokus

Damit verriet Venedig viel über den Zustand des aktuellen Kinos. Oder über das, was heute unter diesem Begriff subsummiert wird, etwa auch die Streamer, die noch massiver als sonst im Wettbewerb vertreten waren, beispielsweise mit Arbeiten wie „Blond“ von Andrew Dominik, die bald nach dem Festival (und einer kurzen Feigenblatt-Auswertung in den US-Kinos) ins Netz gehen.

Barberas Buhlen um Netflix (dessen Logo oft mit verhaltenen Buhs und Pfiffen kommentiert wurde) ruft Erinnerungen an die Berlinale während der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre wach, als sich Moritz de Hadeln sehr um Miramax bemühte und den Wettbewerb mit Miramax-Filmen vollpackte, in der Hoffnung, damit viele künftige „Oscar“-Filme zu zeigen, was sich ja immer gut macht. Diese Parallele kommt nicht von ungefähr. Venedig hat sich seit der Verschiebung der „Oscar“-Verleihung ähnlich exzessiv dem US-Kino verschrieben, wie es bis dahin die Berlinale getan hatte.

"Oscar"-Material von Netflix: "Blond" (© Netflix)
"Oscar"-Anwärter: "Blond" (© Netflix)

Das Programm der 79. „Mostra“ wirkte in diesem Jahr wie eine Bestätigung dieser Tendenz. Rund die Hälfte der Filme waren englischsprachig oder stammten von englischsprachigen Filmschaffenden; und bis auf „Un couple“ von Frederick Wiseman waren es allesamt Arbeiten, deren Titel sich in den „Oscar“-Nominierungslisten wiederfinden werden.

Überhaupt wirkte der Wettbewerb 2022 monolithisch-einseitiger denn je. Insgesamt kamen etwa drei Viertel der versammelten Arbeiten aus den USA, Großbritannien, Frankreich und dem Gastgeberland Italien; der Rest der Welt bestand aus einer mexikanischen Netflix-Produktion, einer argentinischen Amazon-Produktion, zwei iranischen Werken mit bundesdeutschen bzw. französischen Weltvertrieben, sowie einer Arbeit aus Japan mit französischem Weltvertrieb.

Man redet zwar viel über das Weltkino, doch wenn man für allseitige Zufriedenheit sorgen will, läuft das unter den gegenwärtigen Verhältnissen eben darauf hinaus. Was auch für die regional breiter aufgestellte Sektion Orizzonti gilt und augenfällig wird, wenn man sieht, wie oft dieselben Funds, Labs oder Campī in den Vorspännen und dieselben Projektentwicklungs-Mentoren in den Abspännen auftauchen.


Die Russenfrage

Wie sehr Alberto Barbera auf Sicherheit spielte, zeigt sich auch in der Abwesenheit russischer Filme. Was bemerkenswert ist, da Barbera zu den ersten Festivalchefs gehörte, die sich wortreich gegen einen Boykott russischer Filme ausgesprochen hatte, dann aber doch keinen leidenschaftlichen Protest ukrainischer Institutionen samt Twitter-Gewitter riskieren wollte. Locarno sagte Danke und zeigte Aleksander Sokurows Inkunabel „Skazka, wobei Barbera natürlich immer behaupten kann, dass der Film ihm nicht gefallen habe.

Als schlauer Festivalchef hatte Barbera dafür aber einen ukrainischen Film in der Orizzonti-Reihe geparkt und mit „Freedom on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom“ von Evgenij Afineevskij außerdem als „Außer Konkurrenz“ ein Agit-Prop-Stück für die Opferseite vom Stapel gelassen. Filme aus anderen Teilen des einstigen Sowjetimperiums sorgten dafür, dass die russische Abwesenheit nicht gleich auffiel. Den wenigsten fiel außerdem auf, dass mit der Pro-Atom-Werbemaßnahme „Nuclear einer der international renommiertesten Putin-Versteher, der US-amerikanische Regisseur Oliver Stone, Russland als führende Atomenergiemacht feierte und das Land als Partner anpries.


Außer Konkurrenz ist alles möglich!

Auch wenn es etwas verschroben klingen mag: Die Gegenwart von aggressiven Aktualitätenhandwerk wie „Nuclear“ oder „Freedom on Fire: Ukraine’s Fight for Freedom“ unterstreicht die Stärke der einzigen filmkulturell bedeutenden, weil freigeistigsten Venedig-Sektion: die „Außer Konkurrenz“. Sie hat sich mittlerweile zu so etwas wie einem utopischen Gegenentwurf zu Wettbewerb und Orizzonti entwickelt. Lange Zeit war „Außer Konkurrenz“ die Sektion, wo Minderrelevantes mit großem Staraufkommen gezeigt wurde oder wo die italienischen Filme eine Bühne bekamen. Mittlerweile ist das in Venedig (aber auch Berlin) anders: Jetzt laufen hier vor allem die Filme, welche nicht in die Kompromisswelt der offiziellen Sektionen passen; Werke, die sich der schnellen Arthouse-Verwertbarkeit verweigern, mal stolz multiplextauglich sind, mal nur in den Underground-Kinos ihren Platz finden.

"In viaggio" (© Archivio Vatican Media)
"In viaggio" (© Archivio Vatican Media)

Außer Konkurrenz ist alles möglich! Da gibt es Filme, bei denen man sich fragt, warum sie eigentlich nicht im Wettbewerb laufen, in diesem Jahr in Venedig etwa Lav Diaz’ neuester Versuch in Dostojewski’schem Existentialismus, „Kapag Wala Nang Mga Alon“, oder Gianfranco Rosis ironische Meditation über den Kampf von Papst Franziskus gegen die irdischen Missverhältnisse, „In viaggio“. Und es gibt „Best“-Konfektion wie der herrlich traditionsbewusste und genau deshalb sich immer frisch und farbig anfühlende Western „Dead for a Dollar“ vom Altmeister Walter Hill, oder die streng-sehnige Jo-Nesbø-Adaption „The Hanging Sun“ von Francesco Carrozzini, beides Beispiele für die singuläre Schönheit des Genrekinos.

Und schließlich gab es Einzelstücke, Ausnahmeerscheinungen wie „Gliultimi giorni dell’humanità“ von Enrico Ghezzi und Alessandro Gagliardo, eine frei fließende, über drei Stunden lange Montage von Familienfilmen Ghezzis mit Szenen von Filmklassikern, die er in seiner RAI-Programmschiene „Fuori orario“ über Dekaden kultiviert hatte, inklusive Luca Ronconis titelgebender Fernsehadaption einer legendären Karl-Kraus-Produktion für das Turiner Teatro Stabile. Sogar das größte aller A-Festival-Tabus wurde gebrochen: Mit „Living“ von Oliver Hermanus, einer eher todes- denn lebenslustigen Verpflanzung von Kurosawa Akiras „Ikiru“ (1952) ins Nachkriegsengland, lief in Venedig ein Film, der seine Uraufführung mehr als ein halbes Jahr zuvor auf einem anderen Festival hatte – in Sundance, dort allerdings nur als Stream.


Ein Kino, das sich nicht beweisen muss

Sich durch die „Außer Konkurrenz“-Auswahl zu schauen, fühlte sich ein wenig so an, als würde man das Kino noch einmal wiederentdecken. War der Wettbewerb voller Filme, die wie Ich-AGs dauernd ihre eigene „Bedeutung“ und „Originalität“ zur Schau stellen und ihre „Relevanz“ behaupten mussten, die sich also zum „Ereignis“ stilisierten, wirkte „Außer Konkurrenz“ als Ganzes wie ein Kosmos, der sich niemandem beweisen muss und wo die mit der heißen Nadel gestrickte Propaganda ähnlich bescheiden daherkam wie die geduldig über die Jahre als Vermächtnis geschaffene Avantgarde. Das Kino war bei sich und mit dem Publikum. Kaum einer der Filme hätte im Wettbewerb große Chancen auf offizielle Anerkennung gehabt; dafür aber wird man viele von ihnen in den kommenden Dekaden immer mal wieder, Generation nach Generation sehen. Hoffentlich.

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