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Menschliche Komödie - Sönke Wortmann & sein Debütroman

Donnerstag, 08.12.2022 14:41

Über "Es gilt das gesprochene Wort“, mit dem sich Sönke Wortmann als Autor versucht

Diskussion

Ende September 2022 ist „Es gilt das gesprochene Wort“, der Debütroman von Sönke Wortmann, als Taschenbuch erschienen. Wie in vielen seiner Filme spielen das Sprechen und die Sprache darin eine wichtige Rolle. Eine schöne Erweiterung eines Erzähluniversums, das von der Filmkritik oft als seichte Unterhaltung abgestempelt wird, tatsächlich aber ein spannendes Panorama deutscher Befindlichkeiten entfaltet.


Sönke Wortmann hat ein Buch geschrieben: Kein Filmbuch, kein Buch über oder zu einem seiner Filme, sondern einen ganz seriösen, eigenständigen und ernsthaften Roman aus der Welt der Diplomatie: „Es gilt das gesprochene Wort“. Im Zentrum stehen der Redenschreiber eines deutschen Außenministers, ein zwielichtiger deutscher Botschafter und eine junge Frau namens Maria, deren spezielle Eigenart als im Zweifel schweigende Muse noch eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt. Der Roman ist als Hardcover Ende 2021 weitgehend unbeachtet erschienen, taucht nun als Taschenbuch in ein neues Licht der Aufmerksamkeit und ist nicht nur das überraschend originelle literarische Debüt eines der wichtigsten deutschen Filmregisseure, sondern auch voller ausgesprochen politischer Standpunkte. Schon der Aufgalopp der Charaktere macht Lust auf eine weitere Beschäftigung mit den Themen, die in diesem Roman angerissen werden, wie etwa zum Beispiel mit der Frage eines Rücknahmeabkommens für illegale Flüchtlinge oder mit dem Abdriften einer Figur in eine krude Verschwörungserzählung.


Starke Dialogpassagen geben den Takt vor

Das alles ist gut recherchiert und erzählt, und nicht allein die Liste der Danksagungen an echte Redenschreiber und Diplomaten zeugt von entsprechendem Sachverstand des Homo Politicus Sönke Wortmann , der als Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und von diesen vorgeschlagen auch schon Teil der Bundesversammlung war. Doch wie ordnet sich der Roman in das filmische Werk Wortmanns ein? Von der ersten Zeile an spürt man: hier ist einer am Werk, der seine Geschichte szenisch auflöst, wie es sonst Drehbuchautoren machen. Starke Dialogpassagen geben den Takt vor und werfen die entscheidenden Schlaglichter auf die Figuren. Es geht um die Innenwelten der Politik. Es geht um die Authentizität von Liebe oder um die Qual von deren Abwesenheit. Und es geht in vielen Variationen immer direkt um Sprache und ihre Funktion: Wie findet der Redenschreiber seine zentralen Formulierungen, wie hadert er damit, und wie wahrt er dabei außerdem auch die diplomatisch notwendigen Auslassungen? Was ist überhaupt Wahrheit und wie weit darf oder muss sie gehen?

Sönke Wortmanns erster Roman (© Ullstein)
Sönke Wortmanns erster Roman (© Ullstein)

So gesehen ist der „selektive Mutismus“ der Figur Maria eine radikale Herausforderung für den Autor. In Gesellschaft von Menschen verstummt sie und kämpft doch um ihren Platz im Leben und damit auch ums Wort. Das machen eher wortreich und gelegentlich mit grundlegendem Lob der Rede eigentlich alle Figuren, so leicht und unterhaltsam der Autor vor allem Redenschreiber Klenke auch davonkommen lässt. Und so fühlt man sich manchmal so, als sei man urplötzlich in einen Wortmann-Film geworfen, etwa wenn als PR-Idee Klenkes ein rotes „Rednerpult des Volkes“ durchs Land geistert. Das verschafft ihm übrigens gerade seinen Job. Genau so könnte doch ein Film anfangen. Doch tatsächlich beginnt der Roman beim Friseur in Prag. Auch ein schöner Anfang. Das Ganze ist ein eindrucksvolles literarisches Debüt unverkennbar nach der Art des Sönke Wortmann, so wie auch die Filme unverwechselbar seine Handschrift tragen.


Ein Draht zum Publikum

Sönke Wortmanns Filme sind extrem erfolgreich. Oft finden sie im Kino ein Millionenpublikum. Seitdem er vor 30 Jahren in der leicht autobiografisch angehauchten Komödie „Kleine Haie“ Jürgen Vogel, Armin Rohde und Meret Becker in die Welt der Stars katapultierte, gilt Wortmann als ausgesprochener Unterhaltungsregisseur. Ein Fußballspieler war er auch immer, was seine besondere Sensibilität für Filme wie „Das Wunder von Bern“ oder „Deutschland. Ein Sommermärchen“ begründete. Mit „Der bewegte Mann“ läutete er 1994 vor sechseinhalb Millionen Zuschauern mit Til Schweiger als Objekt der schwulen Liebe von Joachim Król eine Wende im Zeitgeist ein. Auch für diese beiden Schauspieler bedeutete das einen beträchtlichen Karriereschub.

Wortmanns Hang zum Schauspielerkollektiv bestimmte auch „Eingeschlossene Gesellschaft“ und die Komödien „Der Vorname“ und „Der Nachname“. Mittlerweile besitzen seine Filme fast eine Art Zuschauergarantie. Die professionelle Filmkritik hingegen wetteifert um die größtmögliche Abwertung von Wortmanns Arbeiten zwischen „seichter Unterhaltung“ und „verlässlich konsumierbarer Dutzendware“.

"Eingeschlossene Gesellschaft" (© Bantry Bay Productions GmbH/Deutsche Columbia Pictures Filmproduktion GmbH/Degeto Film GmbH - Wolfgang Ennenbach)
"Eingeschlossene Gesellschaft" (© Bantry Bay Productions GmbH/Deutsche Columbia Pictures Filmproduktion GmbH/Degeto Film GmbH - Wolfgang Ennenbach)

Nun könnte man die Kritik bei ihrer kritischen Selbstvergewisserung allein lassen. Denn Wortmann hat seinen Publikumsdraht selbst bei schwierigen Themen wie „Frau Müller muss weg“ oder „Contra“ unter Beweis gestellt. Doch die Kritikerschelte verstellt den Blick auf einen der ganz großen deutschen Regisseure unserer Zeit. Die kritische Haltung gegen Wortmanns Werk resultiert wohl auch daher, dass er sich weniger auf die großen Kinobilder als vielmehr auf die Sprache und das Gespräch, auch die Kultur des Streitgesprächs, kapriziert. Seine Filme wirken näher beim Alltag der Menschen, egal ob es sich um eine familiäre Gruppierung beim Streit um einen tabuisierten Vornamen handelt oder gleich um ein ganzes Lehrerzimmer, das in einem Feuerwerk bitterböser Pointen, schmerzhafter Sottisen und grandioser Enthüllungen entbrennt.


Querschnitte durch die Seelenlandschaften der Zeitgenossen

Stets ist Wortmann, der selbst Sohn eines Bergmanns ist, auf der Höhe der Zeit und schreckt auch nicht vor politischen Pointen zurück. Er stellt sich auf die Seite der Schwachen, was ihn aber nicht daran hindert, sehr genau hinzuschauen bei seinen Querschnitten durch die Seelenlandschaften der Zeitgenossen. In der Zusammenschau seiner mittlerweile zwei Dutzend Filme, Fernseharbeiten und Serienfolgen entfaltet sich eine „menschliche Komödie“, an der Wortmann fortwährend weiterarbeitet.

Bei den Vorbildern für die Leichtigkeit seiner Inszenierungen kommt man eher auf Helmut Käutner und Curt Goetz als auf Billy Wilder. Dessen „Das Appartement“ könnte man sich allerdings auch von Sönke Wortmann inszeniert vorstellen – wobei gelungene Gesellschaftskomödien nicht gerade eine deutsche Spezialität sind. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass sich Wortmann im Falle von „Der Vorname“ und „Contra“ auf französische Vorbilder beruft. Wortmann bedient nie das Krimi-, Horror- oder Katastrophengenre; ihm genügen in der Regel möglichst genau beobachtete Alltagsdramen. Selbst sein einziger Ausflug ins Genre des historischen Großfilms mit „Die Päpstin“ hat seine stärksten Szenen als schlichte, fast zeitgenössisch wirkende Emanzipationsgeschichte.

"Contra" (© Constantin Film Verleih GmbH)
"Contra" (© Constantin Film Verleih GmbH)

Ein filmisches Universum der Diesseitsbeschreibung

Wahrscheinlich ist es etwas hoch gegriffen, wenn man in diesem Zusammenhang an Honoré de Balzac denkt, der die „La Comédie humaine“ der Vielfalt menschlicher Eitelkeiten im Unterschied zu Dantes Jenseitsreise in der „Göttlichen Komödie“ ganz im Diesseits – und in 137 Romanen und Erzählungen – entfalten wollte; am Ende waren es immerhin 91 Werke. Mit seinen zwei Dutzend Filmen ist auch Wortmann auf dem besten Weg, ein originäres filmisches Universum der Diesseitsbeschreibung zu entfalten, das prall mit Figuren gefüllt ist, aus denen sich unsere Lebenswelt rekonstruieren ließe, wenn all die Psychopathen und die Superhelden des Kinos längst vergessen sind. In dieser Perspektive gleicht Wortmanns „Projekt“ durchaus dem von Balzac, egal ob sein nächster Film nun „Der Spitzname“ oder „Der Deckname“ heißen wird. Beide Ideen hat er bei einem Auftritt jüngst nicht von sich gewiesen, sondern eher charmant belächelt.

Regisseur Sönke Wortmann bei der Premiere von "Der Nachname" (2022) im Cinedom Kino in Köln ( IMAGO/Panama Pictures/Christoph Hardt)
Sönke Wortmann bei der Premiere von "Der Nachname" (2022) im Cinedom Kino in Köln (© IMAGO/Panama Pictures/Christoph Hart)

Vielleicht kommt es bei der Art von Filmen, die Wortmann liebt, auch gar nicht so sehr auf die Titel an. Das zeigt sich auch beim ersten Roman aus seiner Feder, der – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film von Ilker Çatak mit Anne Ratte-Polle als Pilotin mit Scheinehe – „Es gilt das gesprochene Wort“ heißt. Auch dieses Wortwerk ist ein weiterer Baustein zu Wortmanns „menschlicher Komödie“, in dem es ganz um Sprache und Sprachlosigkeit und deren Einfluss auf das Leben geht. In einem denkwürdigen „Prolog“ würdigt Wortmann den „Westfälischen Frieden“ 1648 als Blaupause einer diplomatischen Meisterleistung. Fast eine Geschichte für sich.

Auch wenn es vielleicht nie eine filmische Umsetzung von Wortmanns Es gilt das gesprochene Wort geben wird, würde man sie sich doch sehr wünschen. Sönke Wortmann wünscht sich selbst, ein anderer Filmemacher würde seinen Roman verfilmen, so wie ihm das mit vielen Stoffen anderer Autoren gelungen ist. Und schließlich darf man sowieso gespannt sein auf die weiteren Elemente von Wortmanns filmischem Großprojekt einer „menschlichen Komödie“ in bewegten Bildern.


Literaturhinweis:

Sönke Wortmann: Es gilt das gesprochene Wort. Ullstein Verlag, Berlin 2022. 237 S., 12,99 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

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