© NFG/Johannes Hoss ("Breaking the Ice")

Inseln und Identitäten: Das 44. Filmfestival Max Ophüls Preis

Mittwoch, 25.01.2023 16:58

Vorbericht zum 44. Filmfestival Max Ophüls Preis (23.–29.1.2023)

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Heute startet das 44. Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken, das bis zum 29. Januar in seinen vier Wettbewerbssektionen insgesamt 56 Arbeiten junger Regisseur:innen präsentiert. Eröffnet wird das Festival mit dem Debütfilm „Aus meiner Haut“ von Alex Schaad. In der Reihe „MOP Watchlist“ ist überdies eine Auswahl der besten deutschen Nachwuchsfilme aus dem letzten Produktionsjahr zu sehen.


In Saarbrücken, der Geburtsstadt des Filmregisseurs Max Ophüls, geht es in den kommenden Tagen um den Nachwuchs des deutschsprachigen Films. Beim 44. Filmfestival Max Ophüls Preis (23.-29.1.2023) werden 56 Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in den vier Wettbewerbsprogrammen gezeigt. Eröffnet wird das Festival mit dem Spielfilm „Aus meiner Haut“ von Alex Schaad. Er erzählt eine ebenso gefühlsbetonte wie schaurige Mär über den Tausch von Körpern, der Liebe und der Freude am Leben. Ein junges Paar, er introvertiert, sie depressiv, kommt auf eine geheimnisvolle Ostseeinsel, wo ein alternder Hirnforscher Rituale und Techniken für Seelenwanderungen anbietet. Die beiden lassen sich darauf ein, ihre Körper mit denen eines anderen Paares zu tauschen, obwohl schon von Beginn allen klar ist, dass die Erwartungen höchst unterschiedlich sind.

Spannender Eröffnungsfilm: "Aus meiner Haut" (Walker/Worm)
Spannender Eröffnungsfilm: "Aus meiner Haut" (© Walker/Worm)

Der Plot erinnert an die H.G.-Wells-Verfilmung „Die Insel des Doktor Moreau“, doch „Aus meiner Haut“ ist weder ein Science-Fiction-Film noch ein Horrorfilm, sondern ein märchenhaftes Wechselspiel um Identität und Liebe, Körper, Seele und sexuelle Zugehörigkeit. Schaad knüpft im Plot und in der Bildgestaltung an die Schauerromantik des 19. Jahrhundert an, mit Anleihen bei E.T.A. Hoffmann und Mary Shelley. Auch wahrnehmungspsychologisch ist der Film höchst interessant, weil der Wechsel der Protagonisten aus der eigenen Haut heraus nicht nur für die Schauspieler eine hohe Anforderung darstellt, sondern auch für die Vorstellungskraft der Zuschauer.


Das neue Frauentrio

Nach zwei Covid-Jahren soll 2023 in Saarbrücken alles wieder „normal“ verlaufen. Doch fast wäre das Festival buchstäblich ins Wasser gefallen. Denn nur wenige Tage vor Beginn wurde das CineStar-Kino mit seinen elf Sälen, der Hauptspielort des Festivals, wegen eines massiven Wasserschadens gesperrt; die Wiedereröffnung des Kinos war zunächst fraglich. Doch der Schaden konnte dann doch schneller behoben werden. Sichtlich erleichtert erklärte die Festivalleiterin Svenja Böttger, dass „dem Festival nun nichts mehr im Wege steht.

Die 35-jährige Böttger leitet seit März 2016 das Festival. Nicht mehr dabei ist Oliver Baumgarten, der 2021 das Filmfest verließ. Das erfolgreiche Duo Böttger/Baumgarten wird nun durch ein Frauen-Trio abgelöst. Der Festivalleiterin steht künftig die Produzentin Theresa Winkler zur Seite. Sie teilt sich die Verantwortung für die Programmgestaltung mit der Kuratorin Carolin Weidner. Die neue Doppelspitze hofft auf die Synergieeffekte ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte und Vorlieben.

Thematisch geht es beim diesjährigen Spielfilmwettbewerb um Familie, Identität und die eigenen Wurzeln. So handelt „Eismayer“ von David Wagner von homosexueller Liebe im österreichischen Bundesheer, in „Breaking the Ice“ von Clara Stern geht es um die Liebe der Kapitänin eines Eishockeyteams zu einer Mitspielerin, und „Semret“ von Caterina Mona erzählt von der schmerzhaften Vergangenheit einer afrikanischen Immigrantin in Zürich.

Differenziertes Migrantendrama: "Semret" (Pascal Mora)
Differenziertes Migrantendrama: "Semret" (© Pascal Mora)

Oft kreisen die Filme um Bindungen und Befreiungsschläge innerhalb der Familie oder um die Aufarbeitung einer gemeinsamen Vergangenheit. In „Sprich mit mir“ von Janin Halisch eskalieren die unterschwelligen Konflikte zwischen einer Mutter und einer Tochter bei einem Kurzurlaub auf der Insel Rügen. Streitpunkte sind der verlorene Vater, Männer und Bindungen schlechthin. Alina Stiegler beeindruckt als Tochter durch ein Wechselspiel aus fast schüchterner Zurückhaltung und Entschlossenheit. „Sprich mit mir“ ist ein psychologisch feinfühliges Drama um die Beziehung und den Austausch zwischen den Generationen.


Brennpunkte & drängende Zeitfragen

Während es im Spielfilmwettbewerb meist um Menschliches und allzu Menschliches geht und die Krisen der Gegenwart in persönlichen Geschichten aufscheinen, fokussieren die Dokumentarfilme mehr auf politische Brennpunkte und drängende Zeitfragen. So beobachtet „Rukla – Momentan keine Feindsicht“ eine deutsche NATO-Soldatin, die in Litauen stationiert ist. Steven Vit begleitet seinen eigenen Vater in „Für immer Sonntag“ drei Jahre lang beim Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand. Und Julian Vogel begleitet in „Einzeltäter – Teil 2: Halle“ den Vater des Attentäters von Halle, der dort 2021 vergeblich die Synagoge zu stürmen versuchte.

Im Doku-Wettbewerb: "Rukla - Momentan keine Feindsicht" (Tobias Büchner)
Im Doku-Wettbewerb: "Rukla - Momentan keine Feindsicht" (© Alexander Gheorghiu)

Den Spagat zwischen persönlicher Entwicklungsgeschichte und weltpolitischen Fragen, zwischen teilnehmender Beobachtung und Essay, probiert der Theaterregisseur Felix Meyer-Christian in „Independence“. Im Mittelpunkt steht die Schauspielerin Helen Wendt, die Tochter einer deutschen Mutter und eines mosambikanischen Vaters ist. Der Film begleitet sie auf einer Reise nach Mosambik, auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, bei Gesprächen mit Familienangehörigen. Es geht um schwarze und weiße Identität, um rassistische Vorurteile und um individuelle und kollektive Unabhängigkeit. Als Zwischenspiele sieht man die Protagonistin mit eigenen Performances. Der Film schlägt aber auch den Bogen zu Unabhängigkeitsbewegungen weltweit. In Interviews und Bildern aus dem Südsudan, Katalonien, der Brexit-Bewegung und Bayern erörtert „Independence“ Themen wie Nationalismus versus Patriotismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, aber auch Identität und Identifikation.

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