© Disney (Plakatmotiv zu "Oben")

Die Welt mit anderen Augen sehen

Die Animationsfilme des Pixar-Studios verbinden technische Perfektion und erzählerische Meisterschaft mit philosophischer Tiefe

Aktualisiert am
03.11.2025 - 11:09:15
Diskussion

In den Animationsfilmen aus dem Pixar-Studio mischen sich bekannte Erzählmomente auf ungewöhnliche Weise mit philosophischer Tiefe. Trotz ihrer optimistisch-positiven Grundhaltung sind viele der Geschichten bittersüß, weil sie nicht zum erwartbaren Happy End führen. Die Figuren erreichen oft nicht, wovon sie träumen. Dafür aber beginnen sie, sich und die Welt mit anderen Augen zu sehen.

 

Gestalte ein paar nette, fantasievolle Figuren und gib ihnen Ziele. Verstricke sie in ein haarsträubendes Abenteuer. Baue Filmzitate und eine aberwitzige Actionszene ein. Führe alles zu einem guten Ende. Leider gibt es viel zu viele CGI-Animationsfilme, die kaum mehr als eine solche formelhafte Pflichterfüllung zu bieten haben. Im besten Fall sind dann zumindest die Animation und die technische Gestaltung spannend. Allzu oft bleibt von diesen Geschichten aber recht wenig zurück.

Dann aber gibt Zeichentrickfilme, die zwar ebenfalls bekannte Muster bedienen, aber irgendwann – manchmal ganz unverhofft und auch nicht einmal notwendigerweise im großen Finale – einen Punkt erreichen, an dem einem schlicht die Luft wegbleibt. Einen Augenblick, an dem sich die künstliche Welt aufzulösen scheint und die erzählte Geschichte plötzlich so echt, so berührend, so lebensklug wird, dass sie jegliche Formelhaftigkeit hinter sich lässt.

Das Logo der Pixar Animation Studios (Disney/Pixar)
Das Logo der Pixar Animation Studios (© Disney/Pixar)

 

Erstaunlich oft ist eine solche Meisterschaft des Geschichtenerzählens in Filmen von Pixar gelungen. Mit Momenten voller Lebensweisheit, die die technische Perfektion der Filme durch erzählerische Größe und philosophische Tiefe erweiterten. Momente, die im besten Sinne das sind, was der Titel eines berühmten Disney-Animationshandbuchs verspricht: eine „Imitation of Life“ – nur eben nicht handwerklich-technisch, sondern emotional.

 

Die Essenz des Lebens

In „Oben“ (2009) verlieben sich der ängstliche Carl und die flippige Ellie schon als Kinder ineinander. Nur etwa vier Minuten braucht Regisseur Pete Docter, um im Schnelldurchlauf das ganze Leben des Paares zu erzählen. In dieser phänomenal inszenierten Montagesequenz findet sich viel, was sonst nur selten in Familienfilmen erzählt wird: der Verlust eines Babys, tiefe Trauer, die Erfahrung des Altwerdens, das Scheitern von Lebensträumen, Abschied und Tod. Dazwischen aber gibt es immer wieder große Glücksmomente: Freude, Liebe, Verbundenheit, gemeinsame Träume. Meisterhaft spielt die „Married Life“-Sequenz in „Oben“ auf der Klaviatur der Gefühle; es ist ein stetiges Auf und Ab von Dur und Moll. Die sprechenden Hunde, die später im Film auftauchen, kann man getrost vergessen. Aber nicht diese herzzerreißend schöne und zugleich tieftraurige Sequenz, die zur Exposition von „Oben“ zählt und doch schon den emotionalen Höhepunkt des Films darstellt.

Ganz aufrichtig handelt sie von der Bedeutung des Träumens, aber auch vom Alltag, in dem diese Träume oft untergehen. Banale Ereignisse durchkreuzen immer wieder die Pläne der beiden, eine lange geplante Reise nach Südamerika anzutreten. Irgendwann muss sich Carl eingestehen, dass dies zu zweit nicht mehr möglich sein wird, weil Ellie gesundheitlich dazu nicht mehr in der Lage ist. Die lange Exposition zeigt nebenbei aber auch, dass der Alltag und die gemeinsam verbrachte Zeit eines Paars vielleicht schon das große Abenteuer eines Lebens ist. Vergänglichkeit und Glück sind die Pole, die hier verhandelt werden.

Ganz so wie elf Jahre später in dem Film „Soul“ (2020). Auch darin geht es um Lebensträume. Joe Gardner ist ein gefrusteter Musiklehrer, der viel lieber ein Jazz-Musiker wäre. Als er endlich eine berühmte Jazz-Sängerin am Klavier begleiten soll, kann er sein Glück kaum fassen. Er entgeht gleich mehreren Katastrophen – um dann in einen Gulli-Schacht zu stürzen und ums Leben zu kommen. Joe landet in einer Zwischenwelt zwischen Leben und Tod, die erneut unterstreicht, wie einfallsreich bei Pixar fantasievolle Räume geschaffen werden können.

Joe Gardner unterwegs zum ersehnten Auftritt: ´"Soul" (2020 Disney/Pixar)
Joe Gardner unterwegs zum ersehnten Auftritt: ´"Soul" (© 2020 Disney/Pixar)

 

Doch die Weigerung von Joes Seele, den Weg ins Todesreich anzutreten, und seine Wiedergeburt im Körper einer Katze, während die namenlose Seele Nummer 22 in seinen erwachsenen Körper „fährt“, ist zunächst nur ein Ablenkungsmanöver. Die philosophische Essenz von „Soul“, der im Mittelteil nach den Mustern einer Body-Switch-Komödie funktioniert, entfaltet sich erst, als die Ordnung wiederhergestellt und jeder wieder im richtigen Körper ist.

Bevor sich Joe an sein Klavier setzt, kramt er ein paar Sachen aus seiner Hosentasche, die Nummer 22 dort hinterlassen hat: den Nasenzwicker eines Ahorns, einen Lutscher, ein Stück Faden. Und auf einmal wecken genau diese Gegenstände in ihm eine Vielzahl an Erinnerungen. Auf einmal sieht er Bilder von sich und seiner Mutter, wie sie gemeinsam barfuß im Meer stehen, oder wie er mit seinem Vater eine Schallplatte hört, und auf einmal wird das Nebensächliche zum Tor für seine Seele. Die ganze Zeit über war Joe auf der Suche nach dem Besonderen und nach einem Sinn. Das Alltägliche, Unauffällige war ihm nichts wert. Doch jetzt erkennt er, dass die von Selbstzweifeln geplagte Nummer 22 alles richtig gemacht hat, weil sie das Leben selbst mit Sinn gefüllt und im Moment gelebt hat und nicht immer nur für eine unbestimmte Zukunft, eine abstrakte Vorstellung oder einen Traum.

 

Nicht das erwartete Happy End

Für eine Geschichte aus dem Herzen der Traumfabrik in Hollywood ist das eine überraschend kritische Sicht. Nachträglich erscheint dann auch der Fotorealismus der New-York-Szenen und der Blick für Details und Nebensächlichkeiten in „Soul“ in anderem Licht. Von Anfang war all das schon vorhanden: die Finger auf dem Klavier, die haptische Textur der Kleidung, der Ahorn-Nasenzwicker, der ziellos und unvorhersehbar von einem Baum gleitet und dabei wundersam schön aussieht.

Insofern sind viele Pixar-Geschichten durchaus auch bittersüß, weil sie nicht zu einem erwartbaren Happy End führen. Die Figuren erreichen nicht das, wovon sie geträumt haben. Sie beginnen, sich selbst und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Diese Erkenntnis führt zwar auch zu einem guten Ende, das aber weit berührender ist.

Alles steht Kopf“ verwandelt die personifizierten Gefühle Freude, Kummer, Wut, Ekel und Angst in zentrale Figuren, die im Kopf eines Mädchens miteinander ringen, das nach dem Umzug in eine neue Stadt sehr niedergeschlagen ist. Freude ist dabei zweifellos die Heldin, die mit ihrer bestechenden Sorglosigkeit und ihrem Optimismus den Film trägt. Ihre Begleiterin Kummer, mit der sie sich auf den Weg durch die Gedanken- und Gefühlswelt des Mädchens macht, wirkt eher wie ein Sidekick.

"Alles steht Kopf" (Disney)
Ein anderes Happy End: "Alles steht Kopf" (© Disney)

 

Bis am Ende von „Alles steht Kopf“ auf einmal deutlich wird, dass auch das Traurigsein ein wichtiges Gefühl ist und dass Freude und Kummer vielleicht mehr miteinander zu tun haben, als man oft denkt. Wo andere Filme auf das große Glück zusteuern und nur in diesem ein gutes Ende sehen, beginnt „Alles steht Kopf“ plötzlich, dieses Konzept von Glück zu hinterfragen.

 

Eine Art universelle Sinnsuche

Überhaupt scheint es so, als ob die Pixar-Filme eine Art universeller Sinnsuche betreiben würden, wobei sie sich durch eine allumfassende positive Grundhaltung auszeichnen. Das betrifft auch den Umgang mit dem Thema Abschied, was vor allem im dritten und vierten Teil der „Toy Story“-Reihe eine große Rolle spielt. Die Filmreihe besticht durch ihren Perspektivwechsel, mit dem sie das Verhältnis von Kindern zu ihren Spielzeugen aus der Sicht der Figuren und Geräte spiegelt.

In der Geschichte der Beziehung von Cowboy Woody und Astronaut Buzz Lightyear geht es viel um Freundschaft und Eifersucht. Doch auch hier schlägt das Ende des dritten Teils einen anderen Tonfall ein. Andy, der Besitzer von Woody und Buzz, ist mittlerweile zum jungen Mann herangewachsen, dessen Abreise ans College bevorsteht. Er mag Woody und Buzz immer noch sehr gerne, weil sie ein Teil seiner Kindheit sind, aber er behält sie nicht, sondern verschenkt sie an die kleine Tochter von Bekannten. Aus der witzigen Grundidee der lebendigen Spielzeuge wird plötzlich etwas anderes: eine Geschichte über Erinnerungen, den Abschied von der Kindheit und das Älterwerden.

Pixar-Filmen gelingt es immerzu, negativ konnotierte Erfahrungen und Zustände zu relativieren oder in einem anderen Licht darzustellen. Die Konfrontation mit Tod, Abschied, Verlust, Scheitern, Trauer, Konflikten, Veränderungen oder Angst macht die Figuren stärker, sobald sie sich damit auseinandersetzen und begreifen, dass diese Dinge Teil des Lebens und damit auch „wertvoll“ sind. Leben bedeutet demnach nicht stures Festhalten am Status quo, sondern stetige Veränderung. Der Erinnerung kommt dabei allerdings ein besonderer Stellenwert zu.

 

Auge in Auge mit der Vergänglichkeit

Nicht nur die „Toy Story“-Filme blicken melancholisch auf die Vergangenheit zurück, sondern auch „Alles steht Kopf“, wenn sich in einer Szene der liebenswerte imaginäre Freund des Mädchens, Bingbong, dem Vergessenwerden aussetzt, um Freuden bei ihrer Mission zu helfen. In „Coco“ ist es ein Lied, mit dem ein zwölfjähriger Junge für seine demente Ur-Großmutter, die ihre Umwelt nur noch durch einen dichten Schleier wahrzunehmen scheint und nahezu reglos in einem Rollstuhl sitzt, eine Tür in deren Vergangenheit öffnet und sie damit an ihren eigenen Vater erinnert.

Das Wechselspiel von Veränderung und Abschied wird auch in „Rot“ behandelt, der metaphorisch vom Erwachsenwerden eines Mädchens erzählt. Grafisch ist das aberwitzig, weil dieser Prozess dadurch visualisiert wird, dass sich die 13-jährige Mei urplötzlich in einen Roten Panda verwandelt; emotional ist es aber doch sehr geerdet, da die Mutter schließlich akzeptieren muss, dass ihre Tochter nicht länger ein kleines Kind ist, sondern ihre eigenen Wege gehen will.

Eigene Wege gehen: "Rot" (2022 Disney/Pixar)
Die Nöte der Pupertät: "Rot" (© 2022 Disney/Pixar)

 

Regisseurin Domee Shi erzählt dies so, dass diese Szene in einem imaginären Bambuswald stattfindet, in dem die Figuren durch ein Tor voneinander getrennt werden, aber weiterhin Respekt und Liebe füreinander empfinden.

 

Pixar in Reinform

Dieser kurze Augenblick zwischen Mutter und Tochter ist Pixar in Reinform: die Figuren verlieren etwas, gewinnen aber gleichzeitig auch etwas hinzu. Die besten Pixar-Filme zeichnet eine solche Ambivalenz und Vielschichtigkeit aus, weshalb andere Filme des Studios, die zu einfache Lösungen präsentieren, von der Kritik geradezu abgestraft werden. Denn Pixar hat sich schon früh gerade dadurch einen Namen gemacht, dass es in seinen Filmen eine Tiefe gab, die anderen populären Animationsfilmen fehlte.

Wenn in einer Zusammenschau aller bisherigen Pixar-Filme die beeindruckendsten Szenen zusammengetragen würden, dann stäche dabei vor allem eine Person heraus: Pete Docter, der als Regisseur und (Co-)Drehbuchautor die treibende Kraft hinter „Oben“, „Alles steht Kopf“ und „Soul“ war; seit dem Weggang von John Lasseter im Jahr 2018 steht er als Chief Creative Officer an der kreativen Spitze des Studios. Vielleicht muss man gar nicht von einem „Pixar-Touch“ sprechen, sondern viel eher von Pete Docter, der dem Studio und dem Publikum immer wieder diese großen Momente der Menschlichkeit geschenkt und Pixar durch diese Filme beflügelt hat.

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