Arthur Aliiev in "Camouflage"
Arthur Aliiev in "Camouflage" (© Kalekone Films)

Filmfestival Venedig: „Camouflage“

In der Reihe „Giornate degli autori“ läuft beim Filmfestival Venedig das Drama „Camouflage“ von Mykyta Gibalenko, der seinen Debütfilm als Abschluss an der Hochschule für Fernsehen und Film München inszeniert hat

Veröffentlicht am
10.09.2026 - 11:45:59
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Zu den deutschen Beiträgen beim Filmfestival in Venedig gehört nicht nur der neue Dokumentarfilm „Zumthor“ von Wim Wenders, sondern auch das Werk eines Nachwuchsregisseurs. Der 1993 in der Ukraine geborene und 2013 nach Deutschland emigrierte Mykyta Gibalenko präsentiert seinen Film „Camouflage“ in der Sektion „Giornate degli autori“. Ein eindringliches Werk rund um eine Migrationserfahrung im Schatten der Zäsur durch die russische Invasion in der Ukraine.

 

 

Der Zungenbrecher „Zwischen zwei Zwetschgenzweigen sitzen zwei zwitschernde Schwalben“ ist für den Ukrainer Vitaly (Arthur Aliiev) eine echte Herausforderung. Aber er hat es nicht anders gewollt. Seiner Schwester Eugenia (Yelyzaveta Tsilyk) mag es weiterhin schleierhaft erscheinen, wie man sich ausgerechnet den deutschen Sprachraum als neue Heimat aussuchen kann, wo es doch so viele schönere europäische Sprachen gibt, doch Vitaly mag den kantigen Klang des Deutschen.

Das Langfilmdebüt Camouflage“ von Mykyta Gibalenko beginnt im Frühjahr 2021, mehr als ein Jahr vor der russischen Invasion in der Ukraine. Der Protagonist Vitaly verlässt sein Geburtsland nicht wegen der russischen Bedrohung, sondern weil es ihn schlicht in die Ferne zieht. Mit einem Studium in München will er einen Neuanfang wagen. Weil seine Mutter das nicht gutheißen würde, plant er den Aufbruch heimlich; nur Eugenia, mit der ihn ein inniges Geschwisterverhältnis verbindet, ist eingeweiht. Sie findet seine Emigration zwar nicht gut, legt ihm aber keine Steine in den Weg.

In München dauert es eine Weile, bis er Wurzeln schlägt, eine Bleibe und Anschluss findet. Doch der junge Ukrainer lebt sich in der deutschen Sprache und unter den Deutschen schnell ein, nicht zuletzt, weil er an eine Theatergruppe gerät und sich mit einer der Studentinnen (Klara Lange) anfreundet. Doch dann kommt der Februar 2022, die Zäsur, die für ihn und andere Ukrainer die Zeit in ein „Davor“ und ein „Danach“ unterteilt.

Berührungspunkt Theater: "Camouflage" von Mykyta Gibalenko
Berührungspunkt Theater: "Camouflage" von Mykyta Gibalenko (© Kalekone Films)

 

Drehbuchautor und Regisseur Mykyta Gibalenko, der 1993 in der Südukraine geboren wurde und in Kiew aufwuchs, verbindet einiges mit der Hauptfigur des Films. Auch er kam als 20-Jähriger nach München, studierte zunächst Maschinenbau und begann in der freien Theaterszene zu arbeiten. Damals war die Invasion von 2022 noch sehr fern, warf aber durch den 2014 beginnenden Konflikt in der Ostukraine bereits ihre Schatten voraus. In „Camouflage“ fließen diese persönlichen Erfahrungen mit ein, wie Gibalenko verriet, doch zugleich geht es nicht nur „um eine individuelle Entwicklung, da Migration und Krieg kollektive Erfahrungen sind“.

 

Quälende Widersprüche

Das schlägt sich vor allem darin nieder, wie sich Vitalys Geschichte mit der anderer Figuren verschränkt. Der Krieg bringt für ihn nicht zuletzt die Wiedervereinigung mit seiner Mutter und seiner Schwester mit sich. Die beiden fliehen vor den russischen Bombardements und kommen zu Vitaly nach München. Durch ihre Anwesenheit – die Mutter, eine von der Sowjetzeit geprägte, vom Schock wie paralysierte Lehrerin, Eugenia voller hilfloser Trauer und Wut – gerät Vitalys neue Identität in quälende Widersprüche: zwischen dem, der er früher war, und dem neuen Vito, zu dem er in München geworden ist. Zwischen Ukrainisch und Deutsch. Zwischen seiner deutschen Freundin Fiona und seinen Angehörigen, die in die WG der beiden einziehen. Sie bleiben Fremdkörper in Vitos deutschem Leben; Eugenia scheint Vitalys Entscheidung zur Emigration im Nachhinein sogar als Verrat an Familie und Vaterland anzusehen.

Faszinierend an „Camouflage“ ist nicht zuletzt, wie eindringlich Gibalenko beim filmischen Abtasten dieser Zerreißprobe mit Sprache arbeitet – und zwar sowohl mit der gesprochenen Sprache als auch mit Körpersprache und Gesten. Dabei geht es nie nur um Inhalte, sondern um Sprache in ihrer ganzen Sinnlichkeit, mit der man sich ausdrückt, die sich aber auch in einen eindrückt, ins Denken, Fühlen und Sein. Die Kameraarbeit und Montage sind ruhig und geben dem exzellenten Hauptdarsteller Arthur Aliiev und seinen Mitspielerinnen den nötigen Raum, um die vielen Nuancen, Schwierigkeiten und Schönheiten der Kommunikation ihrer Figuren miteinander und mit ihrer Umwelt zu entfalten.

Bruder und Schwester in "Camouflage"
Bruder und Schwester in "Camouflage" (© Kalekone Films)

 

Vögel als Leitmotiv

Als eine Art Leitmotiv fungieren Vögel. Nicht nur in den Vokabeln, mit denen Vitaly die deutsche Sprache lernt („Gans – Gänse“, „Schwalbe – Schwalben“), oder in dem Zungenbrecher, mit dem er die Aussprache trainiert. Vögel tauchen auch sonst immer wieder auf, etwa in einer Theaterperformance, an der Vitaly in München mitwirkt und die sich an Aristophanes’ „Die Vögel“ abzuarbeiten scheint. Als fliegende Kreaturen, die nicht an den Erdboden oder Grenzen gebunden sind, spiegeln sie Vitalys Sehnsucht nach Freiheit und Neuaufbruch, die ihn aus der Wohnung der Mutter fort und nach München getrieben hat. Aber auch das Verletzliche seiner Identität, die „zugvogelhaft“ zwischen zwei Welten ausgespannt ist und vom Krieg wie von einem scharfen Wind aus der Bahn geworfen zu werden droht, klingt in dem Motiv an. Ein erster filmischer Höhenflug ist Mykyta Gibalenko damit allemal gelungen.

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