SCHMERZLICHE ERINNERUNG - 32. SOLOTHURNER FILMTAGE

Die politische Debatte über den Umgang der Schweiz mit ihrer eigenen Geschichte während des Zweiten Weltkrieges wirft hohe Wellen. Längst geht es nicht mehr nur um nachrichtenlose Vermögen, sondern um die (Un-) Fähigkeit, für begangene Fehler einzustehen und Verantwortung zu übernehmen. Sowohl die Regierung als auch die Bankiersvereinigung haben durch ihr Verhalten gezeigt, daß sie zuerst einmal auf die Karte des Vergessens und der Abwehr setzen. Verweigerte Erinnerung ist schmerzlich und kostspielig.

Bei den Solothurner Filmtagen zeigte sich in mehreren herausragenden Dokumentarfilmen, wie vielschichtig demgegenüber die Kunst des Erinnerns sein kann. "Kaddisch" von Beatrice Michel und Hans Stürm widmet sich der Reise durch das Leben eines Shoa-Überlebenden. Der Vater Gyuri Ganzfried (Bács Ferenc) ist verstorben, und die Familie versammelt sich zur Schiwa, dem Zusammensitzen nach der Beerdigung. Hier finden die Verwandten Zeit, ihre Geschichten und Erinnerungen auszutauschen. In dieser lebendigen jüdischen Erzähltradition wird der Vater wieder präsent. Hannah, die Tochter (Serena Wey), hört die Geschichten und versucht, die Bruchstücke von Schicksalen mit der Biografie ihres Vaters zu verbinden. Aus der Schiwa - der Realzeitebene des Films - schweift Hannah immer wieder ab in die Erinnerung an Augenblicke mit ihrem Vater in Budapest. Gyuris Verwandte nehmen sie bei der Hand und versuchen zu erklären, was mit ihrem Vater im Albtraum des Jahrhunderts geschehen ist. Das Bild aus der Erinnerung nimmt langsam Gestalt an. Michel und Stürm erkunden das Gelände zwischen Fiktion und Dokument, indem sie die Hauptfiguren von Schauspielern verkörpern lassen, die übrigen aber als "reale" Personen zeigen. Ausgehend von dem Roman "Der Absender" von Daniel Ganzfried ist ein nachdenklicher und stiller Film entstanden, der durch seine monochromen, nach innen gekehrten Bilder beeindruckt. Ästhetische Schwächen zeigen sich dort, wo der Film in Farbsequenzen übergeht und dabei auch Schwächen in der Konstruktion der Geschichte offenlegt. "Kaddisch" ist ein altes jüdisches Gebet, das für die verstorbenen Eltern gesprochen wird. Michel/ Stürm haben un

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