Suspense und Surprise – Hitchcocks Dramaturgie des Unvorhersehbaren

Die Tür geht auf, eine Frau taumelt auf die Kamera zu, am Bildrand unten liegt der Held und schläft. Sie stürzt über ihn, er wacht auf, aus ihrem Rücken, der jetzt erst sichtbar wird, ragt ein Dolch („Die 39 Stufen“). Diese Situation wiederholt sich in etlichen Filmen Hitchcocks: Ein Mensch wankt auf die Hauptfigur zu, der er vielleicht noch eine letzte Botschaft anvertrauen will, und bricht zusammen. Dann erst erkennt man den Grund der „Persönlichkeitsveränderung“: Im Rücken steckt ein Messer. Manchmal kann es auch eine Schere sein. Man könnte beinahe von einer Urszene der hitchcockschen Schockästhetik sprechen. Der, der eben noch gelebt hat, stirbt „plötzlich und unerwartet“ durch das vergleichsweise archaische Mordinstrument der Klinge, das nicht gleich wahrgenommen wird – das verlängert den Moment der Ungläubigkeit, bevor es zum Anblick des unzweideutigen Schreckens kommt –, ein letztes Wort oder ein letztes Stöhnen, der Entsetzensblick der (meist) männlichen Protagonisten, der Zeugen, die nicht selten als Mörder verdächtigt werden und fliehen. Die Täter bleiben auch dem Publikum bisweilen unkenntlich. Meist plaziert Hitchcock diese Szenen zu Beginn der Handlung: eindeutiges Zeichen dafür, daß die zuvor friedlichen Verhältnisse in ihr Gegenteil umgekippt sind. Der Thrill beginnt.

Der Einbruch des Mordes in eine scheinbar geordnete oder friedfertige Welt, die plötzlich ein neues Gesicht, eine bedrohliche Physiognomie enthüllt: Dieser Gestaltwandel der Umwelt nach dem Prinzip des plötzlichen Überfalls trifft die Figuren, mit denen sich das Publikum identifizieren soll, unvorbereitet, weil sie nichts zuvor getan haben, das all die Plagen rechtfertigen würde, denen sie nun ausgesetzt sind. Durch die gewohnte Welt der „unschuldigen“ Hauptfiguren geht unversehens ein Riß. Eine junge Frau schläft im Eisenbahnabteil ein („Eine Dame verschwindet“), scheinbar umgeben von lauter netten Personen. Sie wacht wieder auf – und die ältere Dame, die ihr auf so liebenswürdige Weise Gesellschaft geleistet hat, fehlt plötzlich. Die Personen im Abteil indes behaupten steif und fest, diese Dame habe es nie gegeben. Die Heldin scheint in eine Art Albtraum oder Wahnsystem hineingestolpert zu sein, ihr Erwachen kommt einer radikalen und abrupten Entfremdung der zuvor als verläßlich geltenden Welt gleich. Ist sie verrückt geworden oder Opfer einer bösen Verschwörung, die sich hinter biedermännischer Allüre verbirgt? Ein Fotograf, der wegen seines Gipsbeins ans Haus gefesselt ist, betrachtet die erleuchteten Fenster der Nachbaretablissements und deren Bewohner, den Komponisten, die Tänzerin, das „einsame Herz“, das alte Ehepaar, das streitende Ehepaar usw. („Das Fenster zum Hof“). Doch auch hier trügt der Schein des Normalen: Plötzlich ist die Frau des streitenden Ehepaars verschwunden, der Mann hat, so sieht es aus, geschäftlich viel zu tun und packt unablässig Koffer. Eine Wohnung im Vorderhaus wird plötzlich zur heißen Zone, in der alles anders ist als von Rechts wegen üblich.

Schockerfahrungen

Figuren der Handlung können das Publikum und ihre Mitspieler täuschen: Hinter der bürgerlichen Maske tarnen sich Spione, skrupellose Mörder, besessene Triebtäter oder kaltblütige Intriganten. Da zeigt der vertrauenswürdige Anstaltschef am Schluß sein wahres Gesicht: das eines berechnenden Ehrgeizigen, der mit der Pistole in der Hand zum äußersten entschlossen scheint („Spellbound“/„Ich kämpfe um Dich“). Da wird der nette, etwas nervöse junge Mann hinter der Rezeption am Ende als mehrfacher Mörder enttarnt, der gnadenlos ein langes Messer schwingt, um es ohne Erbarmen in den weichen

Filmdienst Plus

Ich habe noch kein Benutzerkonto