Opferlämmer im Kreuzfeuer

In Bildern von geradezu magischer Anziehungskraft erzählt Martin Scorsese in „Kundun“ (1997) die Geschichte des tibetischen Bauernjungen, der als 14. Dalai Lama zum geistigen Oberhaupt des Buddhismus wird. Einmal fordert sein Lehrer Ling Rinpoche Kundun auf, die vier edlen Wahrheiten des Buddha zu erläutern. Der Disput kreist um das Leiden, seine Ursachen und seine mögliche Überwindung. Kundun horcht in sich hinein und sagt dann, mit großer Gewissheit und Gelassenheit: Jeder muss lernen, dass er sein Leiden meist selbst ganz unnötigerweise hervorruft. Er muss in seinem Leben nach den Gründen hierfür suchen und darauf vertrauen, sein Leiden zu beenden und sein wahres Selbst zu erkennen. In diesem Moment erscheint Erlösung möglich. Von je her sehnen sich die Filmhelden bei Martin Scorsese nach Erlösung – doch kein Weg scheint zu ihr zu führen. Sie leiden daran, Ursache dafür sind ihre eigenen negativen Emotionen. Wer sich selbst verzeiht, der kann auch im Einklang mit allen anderen Frieden finden. Vergebung erfolgt nicht von Gott, sie kann nur aus einem selbst kommen. Genau hier aber liegt das Problem. Schon Charly, Martin Scorseses Alter Ego im Film „Hexenkessel“ (1973), der von Harvey Keitel gespielt wird, hadert mit Gott. In einem Zwiegespräch in der St. Patricks Old Cathedral in Little Italy wirft er Gott vor, die zehn Ave Maria, die ihm der Priester als Buße auftrug, seien nicht als leere Worte. Was zählt, sei das Leben, das man führt. Der Heilige Franz von Assisi ist Charlies Vorbild; nicht Worte, sondern Taten sollen ihn vor Gott a

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