Autonomie und Anspruch

Sie war eine der einflussreichsten ­Regisseurinnen der DDR: Gitta Nickel. Immer wieder bezog sie in ihren ­zahlreichen Dokumentarfilmen mutig und engagiert Stellung. Womit sie oft genug aneckte: »Diesmal lassen wir sie noch fliegen«, hieß es einmal, »das nächste Mal fliegt sie.« Eine Würdigung ­anlässlich Gitta Nickels 80. Geburtstag. Zuletzt kam noch das Veto gegen die Ausstrahlung im Fernsehen – und damit war Gitta Nickels Dokumentarfilm »…und der Mensch lebt auf der Erde« für die Öffentlichkeit gestorben. Ihr Film über die horrenden Auswüchse der landwirtschaftlichen Industrialisierung im sächsischen Dorf Meltewitz löste 1983 einen heftigen Einspruch des Politbüros der SED aus. Das hatte zwar schon panisch begonnen, den agrarpolitischen Kurs zurückzunehmen, jede Kritik wurde aber als Anmaßung und Provokation verstanden. Bereits für ihre Filme »Jung sein – und was noch« (1977) und »Manchmal möchte man fliegen« (1981) hatte Gitta Nickel neben Ermutigungs- auch Unmutsbekräftigungen erfahren. Nun spitzten sich die Vorbehalte gegen ihren Umgang mit dem Alltag der DDR zu. Nach mehr als 30 Regiearbeiten für Kino und Fernsehen und mehreren Preisen musste sie erleben, wie ihr Film über eine DDR-Misswirtschaft faktisch verboten wurde. Nicht Belehrung, sondern Unmittelbarkeit Gitta Nickel kam als Außenstehende in diesen Alltag. Geboren am 28. Mai 1936 in Briensdorf, wuchs sie im bäuerlichen Ostpreußen auf. An der Berliner Universität studierte sie Germanistik und Pädagogik, suchte nach dem Staatsexamen aber nicht den Weg an die Schulen, sondern begann als Assistentin bei der DEFA. Auf dem Set von »Leute mit Flügeln« (1960) erlebte sie den Druck, der auf Regisseur Konrad Wolf lastete, dessen letzter Film »Sonnensucher« kurz vor dem Kinostart zurückgezogen worden war. Schließlich fand sie ihren Weg ins Studio für populärwissenschaftliche Filme und damit zu Regisseur Karl Gass. Der war Mentor einer jungen, halbwilden Generation von Dokumentarfilmregisseuren, die ab den 1960er-Jahren begannen, dieses Genre zu erneuern. Anders als Gitta Nickel waren die meisten ihrer Kollegen Absolventen der Deutschen Hochschule für Filmkunst in Babelsberg; ihre Lehrjahre hingegen waren die Assistenzen bei Gass, und ihr Zertifikat war das Diplom für das beste Regiedebüt, das sie 1965 für »Wir verstehen uns« auf dem Internationalen

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