Ein Traum von Demokratie

Seinen ersten Spielfilm drehte er mit 36 Jahren: „Ehe im Schatten“ (1947). Kurt Maetzig erinnerte darin an das Schicksal des Schauspielers Joachim Gottschalk, der sich im Dritten Reich mit seiner jüdischen Frau das Leben genommen hatte. Ein Film über die Illusion, als unpolitischer Mensch unbeschadet über die Zeiten zu kommen: „Es wird schon nicht so schlimm“, versucht sich das Paar zu trösten, bis es keinen Ausweg mehr sieht als den Selbstmord. Für Maetzig war der Film ein inneres Bedürfnis: Auch seine Mutter, aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie stammend, war 1944 so gestorben: „Sie sollte deportiert werden, flüchtete, versteckte sich bei Bekannten, fühlte sich aber schließlich in einer so ausweglosen Situation, dass sie in einer Berliner Wohnung, die ihr als vorübergehender Unterschlupf diente, Tabletten einnahm. Ich kam kurze Zeit danach in diese Wohnung und fand sie. Sie atmete noch. Auf ihrem Nachttisch lag eine aufgeschlagene Bibel, das Buch Hiob. Sie hatte einen Brief an mich geschrieben, und ihr letzter Wunsch war, sie wollte ein christliches Begräbnis. Das aber hatten die Nazis streng verboten, und nur einem mutigen Pfarrer in Stahnsdorf ist es zu verdanken, dass sie einen Sarg erhielt und illegal beerdigt wurde.“ „Ehe im Schatten“ macht diese tiefe persönliche Betroffenheit transparent. Es ist keine kühle, sachliche Annäherung an das Thema, sondern ein Melodram mit allen Ingredienzien des Genres: Liebe, Leid, Furcht, Verrat, Tränen, Tod. Der Film wollte Betroffenheit auslösen: „Ich drehte ihn aus einer aufklärerischen, vielleicht sogar etwas missionarischen Haltung, um die verhärteten Herzen aufzuschließen, sie emotionell ansprechbar zu machen für eine von Grund auf veränderte Sicht auf die Zeit des Faschismus.“ „Ehe im Schatten“ wurde in ganz Deutschland gezeigt; Kurt Maetzig, der sich als Debütant eine Reihe verlässlicher, erfahrener Mitarbeiter gesichert hatte ­ darunter den Kameramann Friedl Behn-Grund und den Regieassistenten Wolfgang Schleif ­ , erhielt dafür sogar einen der ersten „Bambis“. Aber es gab auch kritische Stimmen: Bertolt Brecht lehnte die geballte Sentimentalität des Films ab, und Siegfried Kracauer erkannte im fernen Amerika zwar ein „ernsthaftes Bemühen um Selbstprüfung“, fand in ihm aber auch „zuverlässige Hinweise auf den gegenwärtigen Zustand der deutschen Mentalität“, die ihn bedenklich stimmten. Der Faschismus, so Kracauer, sähe so aus, als sei er über die Deutschen gekommen wie eine fremde Invasion, aber nicht von innen, aus jahrhundertealten Denkgewohnheiten heraus; Maetzig entwickle keinerlei „wirkliche Bewusstheit“ für das Problem, Politik sei für die dargestellten Menschen nichts als eine verhasste Störung ihrer emotionalen und kulturellen Privatheit; zudem scheue sich der Film v

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