Die Geschichte der Qiu Ju

Komödie | VR China/Hongkong 1992 | 100 Minuten

Regie: Zhang Yimou

Eine junge, hochschwangere Bäuerin, deren Mann bei einem Streit mit dem Dorfvorsteher verletzt wurde, versucht, eine Entschuldigung einzuklagen, und muß erkennen, daß Recht und Gerechtigkeit zwei verschiedene Dinge sind. Ein in seiner Wirklichkeitsnähe fast dokumentarisch wirkender Spielfilm, der das Leben im ländlichen China mit großer Wärme, Anteilnahme und Leidenschaft schildert. Behutsam entwickelt, verbindet er tragische und komische Elemente und wird von der großen Zuneigung getragen, die er seinen Personen entgegenbringt. (Kinotipp der katholischen Filmkritik) - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
QIU JU DA GUANSI | THE STORY OF QIU JU
Produktionsland
VR China/Hongkong
Produktionsjahr
1992
Produktionsfirma
Sil Metropole Organisation/Beijing Film Academy/Youth Film Studio/China Films Co-Production Corporation
Regie
Zhang Yimou
Buch
Liu Heng
Kamera
Chi Xiao Ning · Yu Xiao Qun
Musik
Zhao Jiping
Schnitt
Du Yuan
Darsteller
Gong Li (Qiu Ju) · Lei Lao Sheng (Wang Shantang) · Zhi Jun (Li Ge) · Liu Pei Qi (Wang Qinglai) · Liu Chun (Meizi Yang)
Länge
100 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Komödie | Drama | Literaturverfilmung
Externe Links
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Diskussion
Eine städtische Straßenszene in der nordchinesischen Provinz Shanxi: Aus der Ferne beobachtet die Kamera die Menschen, die die Straße bevölkern, Fußgänger, Händler, zahllose Radfahrer, die sich ihren Weg bahnen. Die Kamera läßt sich Zeit, die Szenerie abzubilden und wirken zu lassen, und fast wartet man schon darauf, daß etwas geschieht, mit dem die Geschichte beginnen wird, etwas Inszeniertes, "Komponiertes". Doch nichts dergleichen tritt ein; und so nimmt man erst allmählich im Zentrum der Einstellung unter den vielen Passanten eine junge schwangere Frau in leuchtend roter Jacke wahr, die, in Begleitung eines Mädchens, eine Art Karren schiebt, auf dem ein Mann liegt. Sie wirkt "folkloristischer" als die anderen, bäuerlicher und in dieser Umgebung sogar etwas exotisch, was aber nur ein vager erster Eindruck ist. Denn die Kamera verharrt weiter in dokumentarischer Distanz, verweigert jedes dramatisierende Herausstellen der Frau. Daß sie es ist, um die sich von nun an alles drehen wird, wird eigentlich erst nach dem ersten Schnitt richtig klar: im nächsten Bild hebt sie nämlich ihren verletzten Mann vom Karren und hilft ihm gemeinsam mit ihrer jungen Schwägerin ins Haus eines Arztes.

Nach Zhang Yimous bisherigen Filmen -"Rotes Kornfeld" (fd 27 622), "Judou" (fd 29 142), "Rote Laterne" (fd 29 732), allesamt bildkompositorisch ausgefeilte Allegorien -, ist ein solch dokumentarischer Ansatz ungewöhnlich und ebenso überraschend wie die Tatsache, daß Zhang mit "Die Geschichte der Qiuju" erstmals einen Film in der chinesischen Gegenwart ansiedelt. 90 Prozent der beteiligten Schauspieler sind Laien, und mehr als die Hälfte aller Einstellungen wurde mit versteckter Kamera aufgenommen, so daß sich die Darstellerinnen und Darsteller ihrer Anwesenheit nicht vergewissern konnten. Zhang: "Ich war sehr um Realitätsnähe bemüht, weil ich das Gefühl hatte, daß dies die beste Art sei, die Lebensweise und die Schlichtheit des ländlichen Lebens in China zu zeigen. Die Landbevölkerung ist für mich das eigentliche Herz und die eigentliche Seele Chinas." Daß bei aller Realitätsnähe, die auch den hiesigen Betrachter fesselt und fasziniert, dennoch keine trockene Dokumentation entstand, sondern eine anrührende und vitale, sehr unterhaltsame und bei aller Schlichtheit stets spannende Geschichte, das ist das Eindrucksvollste an Zhangs Film, der virtuos mit dem Wechselspiel von Distanz und Nähe jongliert.

Der Auslöser der Ereignisse ist vergleichsweise unbedeutend: die schwangere Bäuerin Qiuju muß ihren Mann im nächstgrößeren Ort ärztlich behandeln lassen, weil er bei einem handfesten Streit vom Dorfvorsteher verletzt wurde. Dessen Tritt in den Unterleib ihres Mannes ist für Qiuju ein direkter Angriff auf seine Zeugungsfähigkeit und hätte gar die Zukunft der kleinen Familie gefährden können. So zieht sie zum Dorfvorsteher, um eine offizielle Entschuldigung zu verlangen, und da er diese verweigert, schaltet sie den lokalen Polizeioffizier ein, der zu vermitteln versucht. Mit einer finanziellen Entschädigung gibt sich Qiuju freilich nicht zufrieden, denn die materielle Zuwendung ist für sie kein Zeichen für moralische Gerechtigkeit. Da sie Gerechtigkeit und Recht gleichsetzt, zieht sie immer wieder los, um vor der jeweils nächsthöheren polizeilichen und richterlichen Instanz zu intervenieren; und so zieht sie vom Amt für Öffentliche Sicherheit des Distrikts zum Gerichtshof des Distriks und von da zum Appellationsgericht in Peking, sich stets auf beharrliche, aber ganz unspektakuläre Weise auflehnend gegen die eingeschworene Solidarität unter den Mächtigen, die nicht ihr und ihrem Mann Recht geben, sondern ihrem eigenen Vertreter. Da sie für ihre Reisen in die Städte stets Teile der Peperoni-Ernte veräußern muß und somit auch die wirtschaftliche Existenz ihrer Familie gefährdet, kommt es gar zum Konflikt mit ihrem Mann. Noch dramaäscher wird es, als während ihrer Niederkunft ihr Leben bedroht ist und ausgerechnet der Dorfvorsteher die nötige Hilfe zusammentrommelt und sie in die Stadt schafft. Solch uneigennützige Hilfe, erwachsen aus dem ungebrochenen Gefühl der dörflichen Solidargemeinschaft, führt dazu, daß man sich während eines großen Festes versöhnen will. Doch während alle das Eintreffen des Vorstehers erwarten, erreicht Qiuju die katastrophale Nachricht: der Dorfvorsteher wurde verhaftet und zu zwei Wochen Gefängnisstrafe verurteilt, denn das höchste Gericht hatte in dem "Fall" inzwischen wegen Körperverletzung ermittelt.

So steht Qiuju am Ende erschüttert da und blickt in die Ferne: sie hat etwas erreicht, was sie eigentlich gar nicht erreichen wollte. "Der Fall erscheint dir größer als Himmel und Erde; für sie (die Behörden) ist er klein wie ein Sesamkorn", erklärt man ihr einmal die Verhältnisse. Und doch kann das Korn aufgehen und sich entfalten. Basierend auf der äußerst präzisen Erfassung der Lebensverhältnisse im dörflichen China funktioniert der Film als Wechselspiel antagonistischer Kräfte, die sich in einem vielfältigen Themenkanon bündeln und allmählich eine eigene Motorik entwickeln: die kleine Ursache steht der großen (vor allem falschen) Wirkung in der Auseinandersetzung mit dem zähen Verwaltungsapparat gegenüber, damit verbunden sind Gegensätze wie Recht und Gerechtigkeit, Anpassung und "Rebellion", die Harmonie des ländlichen Lebens und die hektische Betriebsamkeit der Stadt, schließlich auch auf einer abstrakteren Ebene Fragen nach Fremde und Entfremdung, nicht zuletzt nach dem Gegensatz von Mann und Frau. Zhang Yimou durfte ganz offiziell diesen chinesischen "Heimatfilm" drehen - mit Finanzmitteln einer Firma in Hongkong, die freilich vom kommunistischen "Mutterland" kontrolliert wird -, nicht zuletzt weil er acht Monate mit seinem kleinen Team auf dem Land lebte und arbeitete und damit die mißtrauischen kommunistischen Machthaber für sich einnahm; und dennoch ist es aus hiesiger Sicht verwunderlich, daß der Film - als erster von Zhangs Filmen überhaupt - erfolgreich in chinesischen Kinos gezeigt werden konnte. Denn die behutsam, aber beständig aufgezeigten Mängel einer mißbräuchlich verwendeten und letztlich gegen das einfache Volk gerichteten Rechtsprechung sind offensichtlich. Vielleicht ist es die vorgebliche "Harmlosigkeit" des Sujets, die den Film tolerabel erscheinen ließ, vielleicht die virtuose Verquickung tragischer und komischer Elemente, bei denen man keine politische Kritik vermutet. In jedem Fall aber ist der Film ein Glücksfall, weil er bei aller "fremden" Konkretheit von universeller Schönheit ist. Faszinierend ist er vor allem auch, weil er in jedem Filmmeter Wärme, Leidenschaft und große Zuneigung zu den Menschen ausstrahlt, wie man sie in den meisten westlichen Produktionen vermißt.
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