Das Boot - Der Director's Cut

- | Deutschland 1981/1996 | 208 Minuten

Regie: Wolfgang Petersen

Die Langfassung von Wolfgang Petersens Klassiker "Das Boot" aus dem Jahr 1981, der um rund 60 Minuten erweitert und akustisch mit digitaler Tonmischung und Surround-Effekten auf die Höhe von Hollywood-Produktionen gebracht wurde. Bei aller technischen "Modernisierung" bleibt der Actionfilm zwiespältig, weil er inhaltlich weder die politische Situation des Zweiten Weltkriegs reflektiert noch auf Distanz zum Kriegshandwerk geht. Zudem offenbart die längere Fassung überraschende dramaturgische Schwächen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
1981/1996
Regie
Wolfgang Petersen
Buch
Wolfgang Petersen
Kamera
Jost Vacano
Musik
Klaus Doldinger
Schnitt
Hannes Nikel
Darsteller
Jürgen Prochnow (Der Alte) · Herbert Grönemeyer (Leutnant Werner) · Klaus Wennemann (LI) · Hubertus Bengsch (I WO) · Martin Semmelrogge (II WO)
Länge
208 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. einen Audiokommentar des Regisseurs und des Hauptdarstellers Jürgen Prochnow.

Verleih DVD
EuroVideo (16:9, 1.85:1, DD5.1 dt./engl.)
DVD kaufen
Diskussion
Der Weg auf den filmischen Olymp ist lang und steil. Wenn es einer wie Wolfgang Petersen nach etwas mehr als einem Jahrzehnt geschafft hat, in Hollywood bis zum begehrten "final cut" aufzusteigen, scheint zumindest in dieser Region der Gipfel erreicht. Es sei denn, es findet sich die Möglichkeit, noch einen "director's cut" draufzusatteln: ein altes Werk, das irgendein Produzent umgeschnitten, gekürzt oder sonstwie verstümmelt hat, und das nun endlich in seiner reinen Form erscheinen kann. Für die erste Kinofassung des Fernseh-Mehrteilers "Das Boot" (fd 23 144) aus dem Jahr 1981 trifft dies zwar in keiner Weise zu, weil Petersen aus dem sechsstündigen Kriegsepos eigenhändig eine 149minütige Version erstellte; auf ursprüngliche Absichten - "nach rein künstlerischen, nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten" - läßt sich jedoch immer rekurrieren, zumal der rasante Fortschritt im Bereich der Postproduktion zwischenzeitlich in neue Dimensionen vorgestoßen ist. Hier und nicht in der um eine Stunde angewachsenen Länge liegt auch der qualitative Unterschied. Dank digitalem Ton-Remastering und ausgeklügelten Surround-Effekten taucht die U 96 in ein akustisches Horrorszenario ab, bei dem den Zuschauern Bolzen und Wasserstoffbomben im wahren Sinne um die Ohren fliegen.

Zur Erinnerung: Im gleichnamigen Roman von Lothar-Günther Buchheim geht es im Herbst 1941 um die letzte Fahrt eines deutschen U-Bootes im Nordatlantik. Buchheim schildert darin seine eigenen Erlebnisse als Kriegsberichterstatter, deren Authentizität zu betonen er nicht müde wird. Von La Rochelle aus bricht die U 96 mit 43 Mann Besatzung unter dem Kommando des "Alten" zur Jagd auf englische Frachtschiffe auf. Mehrere Wochen vergehen bis zum ersten Feindkontakt, in denen die Stimmung auf den Nullpunkt sinkt. Tage später werden zwei Schiffe torpediert, die Angreifer entkommen mit knapper Not. Doch statt ins Trockendock wird das beschädigte U-Boot nach Gibraltar kommandiert, um die Blockade der Amerikaner zu durchbrechen. Ein Selbstmordkommando, das auf dem Meeresboden endet. In letzter Sekunde gelingen eine notdürftige Reparatur und die Flucht in einen italienischen Hafen, ehe Tiefflieger das Schicksal der Mission besiegeln. Petersen folgt Buchheim im Bemühen um eine detailgenaue historische Rekonstruktion der klaustrophobischen Kriegswelt unter Wasser. Bis auf wenige Außen- und Unterwasseraufnahmen konzentriert sich der Film auf die psychische Dynamik in der engen Stahlröhre, zeigt das Wechselbad zwischen Langeweile, Jagdfieber und Todesangst. Jost Vacanos suggestive Kamera, Petersens präziser Inszenierungsstil und eine damals noch weitgehend unbekannte deutsche Jungschauspieler-Riege schufen ein nervenaufreibendes Kammerspiel, dessen ästhetische Qualitäten gepriesen wurden, ohne daß die inhaltliche Leerstellen verborgen blieben: Dem vermeintlichen Antikriegsfilm mangelte jede ernsthafte Distanznahme vom blutigen Handwerk.

Daran hat sich auch 15 Jahre später nichts geändert. Obwohl ein Großteil der neu hinzugekommenen Szenen den persönlichen Hintergrund einzelner Besatzungsmitglieder stärker ausleuchtet und noch mehr Raum für den unvorstellbaren seelischen Druck unter der Mannschaft läßt, erwächst daraus weder der Hauch einer Kritik noch ein stimmiges Gesamtbild, das den Wahnsinn des gegenseitigen Mordens demaskieren würde. "Das Boot" ist ein politisch uninteressierter Kriegsfilm, der im Gewand des Zweiten Weltkriegs über weite Strecken die Qualen und Ängste einfacher Matrosen imaginiert und über seinen Action-Qualitäten die Fragwürdigkeit des Ganzen kaum streift. Hinzu kommt, daß Petersen sich mit der Neufassung keinen Dienst erwiesen hat, weil die Länge zum Problem wird. Eine gewisse Kenntnis des Plots vorausgesetzt, dehnen sich manche Szenen gewaltig in die Länge, und einige Nebenhandlungen offenbaren dramaturgische Schwächen, die in der alten Kinofassung verborgen, im Korsett eines Mehrteilers vielleicht sogar nötig waren. Auch hat das U-Boot-Genre seitdem eine Reihe weiterer Bearbeitungen erfahren, die den "director's cut" als seltsamen Zwitter erscheinen lassen: auf der Höhe von Blockbustern, was die akustische Gestaltung betrifft, bedächtig bis altmodisch in Stoffgestaltung und Design. Selbst der Soundtrack von Klaus Doldinger wirkt streckenweise überfordert. Was bleibt, sind rare Momente: ein Wiedersehen mit heute etablierten deutschen Schauspielern fern ihrer Manierismen, kleine Beobachtungen am Rande wie Jürgen Prochnows aufleuchtende Augen, wenn er "sein" U-Boot in Augenschein nimmt, oder die totenblassen, abgemagerten Gestalten, die beim Zwischenstop in Portugal aus der stählernen Tiefe emporsteigen, oder auch Petersens Kunst, auf engstem Raum immer neue Einstellungen zu finden.
Kommentar verfassen

Kommentieren