Sie liebt ihn - Sie liebt ihn nicht

Liebesfilm | Großbritannien/USA 1997 | 98 Minuten

Regie: Peter Howitt

Eine junge Managerin wird entlassen und kehrt schon am Vormittag nach Hause zurück. Weil sie die U-Bahn verpaßt, entdeckt sie nicht die Geliebte im Bett des Freundes. In einer zweiten Variante erreicht sie den Zug, und eine völlig andere Geschichte setzt sich in Gang. Der vorzüglich inszenierte Film verschachtelt beide Varianten ineinander und gewinnt diesem souverän gehandhabten Spiel mit dem Prinzip Zufall eine Fülle an komischen und grotesken Details ab. Dabei ist er in jedem Detail glaubhaft, sozial und psychologisch motiviert und erinnert an die schönsten Arbeiten der amerikanischen Screwball-Comedies. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SLIDING DOORS
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
1997
Regie
Peter Howitt
Buch
Peter Howitt
Kamera
Remi Adefarasin
Musik
David Hirschfelder
Schnitt
John Smith
Darsteller
Gwyneth Paltrow (Helen Quilley) · John Hannah (James) · John Lynch (Gerry) · Jeanne Tripplehorn (Lydia) · Zara Turner (Anna)
Länge
98 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Liebesfilm

Heimkino

Verleih DVD
Highlight Video (FF, DD5.1 dt.)
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Diskussion
Das Kino liebt den Zufall, und manchmal werden daraus respektable Ehen. Dazu bedarf es nicht einmal unbedingt eines Meisters wie Alain Resnais, der in „Smoking“/„No Smoking“ (fd 31 016) mit heiter-philosophischer Gelassenheit zeigte, wie ein ganzes Leben davon abhängen kann, ob man nach einer Zigarette fragt oder eben nicht. Selbst einem zweitklassigen Regisseur wie Harold Ramis gelang es, das Prinzip des „Was wäre, wenn“ für eine ansehnliche moralistische Komödie wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ (fd 30 169) zu nutzen. Und auch Tom Tykwer hat das Spiel mit der existentiellen Abhängigkeit eines Menschen vom Zufall zur Grundlage seines cineastischen Kraftaktes „Lola rennt“ (fd 33 256) gemacht. Nun folgt „Sie liebt ihn – Sie liebt ihn nicht“, und weil der Film in den deutschen Kinos zeitlich so nahe an „Lola rennt“ plaziert ist, fordert dies zum Vergleich geradezu heraus. Tykwer, dessen handwerkliches Können unbestritten bleibt, schneidet dabei freilich eher mäßig ab. Während er sich vor allem für die filmischen Mittel, aber nur bedingt für seine Figuren interessiert, ist bei Peter Howitt eine faszinierende Korrespondenz beider Ingredienzen zu beobachten: Die Helden sind nicht auf die Objekt-Funktion von Stichwortgebern für rasante Kamerafahrten und Schnitte reduziert, sondern stimmige Subjekte einer in ihren Details glaubhaften, sozial und psychologisch motivierten Geschichte. „Sie liebt ihn – Sie liebt ihn nicht“ favorisiert den dargestellten Menschen vor den filmsprachlichen Mitteln, wobei diese Mittel durchaus perfekt gehandhabt werden. Polemisch zugespitzt könnte der Vergleich lauten: „Lola rennt“ ist ein technizistischer, „Sie liebt ihn – Sie liebt ihn nicht“ ein humanistischer Film.

Es geht um Helen, eine junge Marketing-Agentin, die eines Morgens fristlos entlassen wird. Auf dem Weg zurück zur U-Bahn stößt sie mit einem Kind zusammen und verpaßt den Zug. In der zweiten, sich gleich anschließenden Variante desselben Augenblicks reißt die Mutter ihr Kind zurück, und Helen erreicht die Bahn. Beide Varianten setzen unterschiedliche Geschichten in Gang: Weil Helen den Zug verpaßt hat, erwischt sie in der ersten ihren Freund auch nicht mit seiner Geliebten. Nichtsahnend bleibt sie bei ihm, und weil er an seinem Romandebüt schreibt und kein Geld hat, verdingt sie sich als Kellnerin und Sandwich-Lieferantin, schuftet Tag und Nacht, bis sie endlich entdeckt, wie schmählich sie betrogen wurde. Die zweite Variante, in der Helen schnurstracks nach Hause kommt, beginnt mit der sofortigen Trennung von ihrem untreuen Geliebten. Eine Tür ist für sie ins Schloß gefallen, aber viele andere öffnen sich: Sie lernt einen Mann kennen, der sie wahrhaftig liebt und der ihr die Kraft gibt, eine eigene Firma zu gründen. Beide Varianten werden zu ähnlichen Höhepunkten getrieben: Während Helen in der ersten erfährt, daß ihr Lebensgefährte sie betrügt, muß sie in der zweiten feststellen, daß ihr neuer Geliebter verheiratet ist. In beiden Fällen trifft sie der Schicksalsschlag mitten in der Schwangerschaft, und jedesmal werden dadurch Katastrophen ausgelöst. Einmal stürzt Helen von der Treppe, das andere Mal kommt sie unter ein Auto. Einmal überlebt sie, das andere Mal stirbt sie.

Das Faszinierende des Films ist, daß beide Geschichten nicht nacheinander erzählt werden, sondern ineinander verflochten sind. Helens unterschiedliche Wege berühren sich im Lauf der Handlung indirekt und direkt, die Figuren beider Varianten sind sich in manchen Szenen zum Greifen nah. Aus diesem dramaturgischen Konstrukt filtert Howitt eine Fülle von komischen und grotesken Details; die jeweiligen Wechsel von einer Story in die andere ist dabei je nach Stimmungslage der Figuren geschmeidig oder mit harten Trennungsstrichen angelegt. In jedem Moment aber läßt Howitt seine Geschichten auf einem Gefühlsteppich schweben, stets jene Handbreit über dem Boden, die Kunst eben ausmacht. „Sie liebt ihn – Sie liebt ihn nicht“ – ein modernes Märchen – strahlt eine angenehme Zuversicht aus. Es ist reinstes, antidepressives Tony-Blair-Kino und ein Film, auf den das scheinbar altmodische Wörtchen Lebenshilfe zutrifft. Selbst der Tod, der eigentlich immer einen Schlußpunkt setzt, ist in dieser Art Kino zum Scheitern verurteilt. Die Dramaturgie will es so, daß wenigstens eine Helen überlebt und an den richtigen Mann gerät, den die andere Helen schon für sich erobert hatte – denjenigen, der ihr von einem imaginären, aber wohlwollenden Schicksal bestimmt wurde. Kein Wunder, daß sich die Darsteller in einem solch intelligenten, spielerischen, souveränen Entwurf wohl fühlen: allen voran Gwyneth Paltrow als Helen, die alle Seelenregungen ihrer Doppelfigur meistert – mal bodenständig, mal abgehoben. Daß die 26jährige mit der jungen Katharine Hepburn verglichen wird, ist nicht zu weit hergeholt. „Sie liebt ihn – Sie liebt ihn nicht“ kann nämlich auch als eine Hommage an die legendären Screwball-Comedies interpretiert werden: Die schönsten Filme von George Cukor, Frank Capra oder Howard Hawks kommen in Erinnerung.
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