Der Wind wird uns tragen

- | Frankreich/Iran 1999 | 118 Minuten

Regie: Abbas Kiarostami

Ein Reporter-Team aus Teheran will in einem abgelegenen Bergdorf kurdische Sterbe-Riten dokumentieren, muss sich allerdings auf ein Spiel auf Zeit einlassen, da sich das auserkorene Zielobjekt, eine alte Frau, mit dem Sterben ausgesprochen viel Zeit lässt. Ein kontemplativer Film über den Wert der Langsamkeit, der den Alltag gegen die Sensation abwägt und an eine Rückbesinnung auf die wahren Bedürfnisse gemahnt. Voller kluger und humorvoller Einfälle, offenbaren sich hier die Qualitäten eines zeitlosen Kinos, das den Zuschauer nicht "domestiziert", sondern ihm die Zeit zur Rückbesinnung bietet. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
BAD MA RA KHAHAD BORD | LE VENT NOUS EMPORTERA
Produktionsland
Frankreich/Iran
Produktionsjahr
1999
Regie
Abbas Kiarostami
Buch
Abbas Kiarostami
Kamera
Mahmoud Kalari
Musik
Peyman Yazdanian
Schnitt
Abbas Kiarostami
Darsteller
Behzad Dourani
Länge
118 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.

Diskussion
Ein kleines kurdisches Bergdorf im Iran ist Anziehungspunkt für drei Männer - und da geht das Problem eigentlich schon los; denn zu sehen bekommt man nur einen Mann, die beiden anderen sind so subjektiv, dass auch die subjektive Kamera sie nicht wahr nimmt. Sie sind Teil der Geräuschkulisse aus dem Off, irgendwie die lebende Verbindung zur Zivilisation, die Behzad, der Fotoreporter aus Teheran braucht, um an diesem unwirklichen Ort und an seiner Aufgabe nicht irre zu werden. Seine Aufgabe: das Sterben einer alten Frau und die damit verbundenen traditionellen Zeremonien zu dokumentieren. Die Probandin ist rasch ausgemacht, das Quartier noch rascher bezogen, doch plötzlich zieht sich alles hin: Das „Opfer“ will nicht sterben. Die Tage werden lang und länger, die Kollegen immer mundfauler und lustloser, bald entdecken sie die Erdbeerfelder der Umgebung und müssen einen recht intensiven Kontakt mit dem Bauern pflegen, denn im Gegensatz zu Behzad wissen die Landleute stets, was die Beiden so treiben. Immerhin hat der die Bekanntschaft von Farzad gemacht, seinem Informanten vor Ort. Doch ein etwa zehnjähriger Junge, der vollauf mit Schule und Lernen beschäftigt ist, ist vielleicht doch nicht der beste Ratgeber, zumal ihm die ständige Frage „Und?“, die sein „großer Freund“ in Hinblick auf den Gesundheitszustand seines Zielobjektes stellt, bald nervt und ihm ziemlich kindisch vorkommt.

Es ist dies keine besonders einfache Situation für Behzad, zumal seine Auftraggeberin ihn ständig übers Handy zu erreichen versucht. Der Empfang im Ort ist jedoch so schlecht, dass nur eine waghalsige Autofahrt zum höher gelegenen Dorffriedhof die Kommunikation per Funktelefon aufrecht gehalten kann; eine Kommunikation allerdings, die zwar Worte beinhaltet, kaum aber Informationen. Und so haben die Friedhofsbesuche immerhin den Vorteil, dass der Journalist den Totengräber kennen lernt. Wobei „kennen lernen“ auch wieder nicht das richtige Wort ist, er spricht mit ihm, während dieser an einem Kanal arbeitet, tief unter der Erde. Immerhin kann er dem Grabenden das Leben retten, als dieser verschüttet wird, und immerhin kommt er so in den Besitz eines menschlichen Oberschenkelknochens. Irgendwann aber haben die Gefährten vollends das Weite gesucht. Die Warterei wird unerträglich, und der Tag der Abreise naht. Wen interessiert es da schon, dass die alte Frau tatsächlich stirbt und dass auch das brüchige Vertrauensverhältnis zu Farzad nur mühselig gekittet werden kann. Am Ende fliegt ein Knochen durch die Luft - einfach weg und mit gar nicht so viel Schaden.

Einmal mehr bietet Abbas Kiarostami in seinem neuesten Film herzlich wenig an herkömmlicher Geschichte. Salopp gesagt: Wie man sieht, sieht man nichts, oder fast nichts. Denn der geduldige Zuschauer sieht lediglich das Verrinnen der Zeit, und doch ist das eigentlich eine ganze Menge. Und er wird sich unterschiedlicher Blickrichtungen bewusst. Was für den einen die Sensation ist, ist für den anderen der Alltag; was für eine wie immer definierte Nachwelt medial erhalten bleiben soll, bleibt den Menschen, die es betrifft, ohnehin erhalten. Was zum Leben gehört, braucht nicht konserviert zu werden. Kiarostami findet hierfür ausgesprochen witzige Bildeinfälle, etwa wenn sich das klapprige Auto der Städter mehr und mehr abmühen muss, jene Höhen zu erklimmen, die für den Kontakt per Handy notwendig sind; pausenlos fährt es über staubige Landstraßen in einer unwirtlichen Gegend, während der eigentliche Kontakt in den Häusern, auf den Feldern, in den Stuben zu finden ist. Kiarostamis Film ist eine Reflexion über einen intellektuellen Anspruch, der dem Menschen den Zugang verstellt und er nicht mehr das Ziel sieht, vielmehr schon seine Idee vom Ergebnis in alle Ereignisse projiziert. Das „globale Dorf“ sucht seine Bestätigung und wird vom Leben herbe enttäuscht, denn dieses ist - gottlob - noch mit dem Leben selbst beschäftigt. Ein kluger und in seiner reduzierten Art überzeugender Film, der zwar manchmal mit seiner Schlichtheit kokettiert, gewiss aber nicht die bewahrende Kraft des Kinos leugnet und dabei das sympathische Credo des iranischen Filmemachers unterstreicht: „... auf dem Kinosessel sind wir auf unseren eigenen inneren Ratgeber angewiesen.“ Und wer lockt uns heutzutage noch ins Kino, um uns Zeit für uns selbst zu geben, um Ruhe und warme Erde zu spüren, Erdbeeren zu riechen und dem Tod bei der Arbeit zuzusehen, ohne ein Spektakel daraus zu machen?
Kommentar verfassen

Kommentieren