- | Deutschland 2000 | 94 Minuten

Regie: Andrea Katzenberger

Ein 12-jähriges Mädchen, das mit seiner alleinerziehenden Mutter in Hamburg lebt, kämpft mit einem gleichaltrigen Freund einfalls- und intrigenreich für eine neue Familie. Ein turbulenter, ereignisreicher und ebenso unterhaltsamer wie hintersinniger Kinderfilm, der von zwei faszinierenden jungen Hauptdarstellern geprägt wird, die das kompakte Konzept zahlreicher thematischer Ansätze spielerisch und liebenswert vermitteln können. - Sehenswert ab 10.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2000
Produktionsfirma
Studio Hamburg/ZDF/Hamburger Filmwerkstatt
Regie
Andrea Katzenberger
Buch
Andrea Katzenberger
Kamera
Tore Vollan
Musik
Mario Schneider
Schnitt
Sylvia Genzmer
Darsteller
Ines Nieri (Pauline) · Louis Klamroth (Leon) · Ingo Naujoks (Pit) · Anna Loos (Anna, Paulines Mutter) · Peter Lohmeyer (Herr von Doornum, Leons Vater)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 10.
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Diskussion
Mistkerl, Sesselpupser, Nutellafresser – der 12-jährigen Pauline fällt noch manch handfestere Beschimpfung für Pit, den neuen Liebhaber ihrer Mutter Anna, ein. Diese schreibt sie dann schön ordentlich in ein Buch, das tabellarisch die Vorzüge und Nachteile des jeweils aktuellen Lovers auflistet, wobei sich für Pit einfach nichts auf der Habenseite finden lässt. Pit hasst Kinder und Hunde, und von Familie kriegt er Verstopfung. Dank dieser Erkenntnis scheitert denn auch die kurze, aber glückliche Beziehung zwischen Anna und Pit, und Pauline möchte gerne wieder zur Tagesordnung zurückkehren: der gewohnten Zweisamkeit mit ihrer Mutter in einer Hamburger Etagenwohnung sowie der ungetrübten Freundschaft mit dem gleichaltrigen Leon, der in einem wohlhabenden Elternhaus und einer intakten Familie aufwächst. Zuvor aber will Pauline ihre ganz eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit durchsetzen: Gleichsam als Lara Croft animiert sie Leon zu einem Rachefeldzug gegen den grantigen Pit, der urplötzlich nicht nur mit zerstochenen Füßen und zerschnittenen Jeans dasteht, sondern auch mit Cola im Benzintank seines Motorrads losbraust. Dass er unmittelbar danach einen schweren Unfall hat, lasten sich Pauline und Leon an. Etwa zur selben Zeit entdeckt Pauline doch etwas für Pits Habenseite in ihrem Tagebuch: Ihre Mutter liebt Pit wirklich. Und so setzt der nächste strategisch ausgeklügelte Plan ein, der die beiden nun doch wieder zusammenbringen soll. Es ist ein turbulenter, ereignisreicher, ebenso unterhaltsamer wie hintersinniger Kinderfilm, den Andrea Katzenberger als ihr Kinodebüt verfasst und inszeniert hat. Die Geschichte folgt einer episodischen Struktur mit kleinen, überschaubaren Spannungsbögen und führt gleichsam von Kapitel zu Kapitel, wobei jeweils ein genau dosierter Aspekt neu hinzugenommen wird, der das Thema erweitert und anders gewichtet. Da ist zunächst die Zweisamkeit von Pauline und ihrer Mutter Anna, innerhalb der sich Pauline nicht gleichberechtigt behandelt fühlt und heftigst auf deren Heimlichkeiten reagiert: „In einer richtigen Familie lügt man nicht!“ Dann muss das aufgeweckte Mädchen erkennen, dass das ihm zugebilligte Recht auf Ehrlichkeit und Offenheit durchaus auch Fallstricke in sich birgt und es den Respekt vor den Gefühlen und Bedürfnissen anderer erst noch lernen muss. So ist auch Paulines engagiert erkämpfte kleine Familie noch längst nicht das Ende der Geschichte, fällt es ihr sich doch unerwartet schwer, sich ins neue Dreiecksverhältnis einzuordnen; noch mehr Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl bekommt sie, als sich bei Pit und Anna Nachwuchs ankündigt. Geschickt wird gegen diese Alltagsprobleme die tiefe Freundschaft zwischen Pauline und Leon gesetzt, die spielerisch und gewitzt ihre eigene Sicht der Dinge durchspielen, als Detektive, Pfandfinder und Liebeskuppler durch Dick und Dünn gehen und schließlich sogar heimlich heiraten. Unschuldig, aber doch geleitet von aufrichtig empfundenen Gefühlen füreinander, leben sie ihre erste Verliebtheit aus, um nicht minder deutlich erkennen zu müssen, was (nicht nur in ihrem Alter) Versprechungen und Schwüre wirklich wert sind. Manchmal mag es fast schon zu viel der Themen sein, die die Regisseurin in die Handlung packt, um das ganze Spektrum jener Probleme und Nöte abzudecken, die Mädchen und Jungs in diesem Alter haben. Dass die Geschichte dennoch so reibungslos, fast schon mitreißend gut funktioniert, ist vor allem den beiden Kindern zu verdanken, die ihre Rollen mit unbändiger Spielfreude, immens viel Charme und überraschend vielen Facetten und Nuancen spielen. Dennoch deutet auch die Regisseurin immer wieder an, dass sie mit einem höheren Budget durchaus umzugehen gewusst hätte: Mit einem entsprechend größeren finanziellen Aufwand hätte ihr liebevoll, sehr präzis ausgestatteter Film das Zeug zu ganz großem Unterhaltungskino in der Tradition eines Erich-Kästner-Stoffes gehabt, während unter den gedrosselten Produktionszwängen eher ein formal solides Fernsehspiel entstand, dem man gelegentlich die dramaturgischen Zwänge anmerkt. Dennoch ist „Der Mistkerl“ ein seltener Glücksfall fürs deutsche Kinderkino: Endlich wieder einmal ein überzeugender Stoff mit glaubwürdigem Gegenwartsbezug, der bisweilen die gängigen Actionvorbilder der Kinder liebevoll parodiert und sich nicht gelackten „Zeitgeist“-Chiffren anbiedert, wie sie u.a. auch die Neuverfilmung von „Emil und die Detektive“ (fd 34 714) prägten.
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