Spy Game - Der finale Countdown

Spionagefilm | USA/Deutschland/Japan/Frankreich 2001 | 126 Minuten

Regie: Tony Scott

Ein verdienter CIA-Agent hat 24 Stunden Zeit, um das Leben seines ehemaligen Schützlings zu retten, den die chinesische Regierung hinrichten will. Ein im Jahr 1991 angesiedelter Agententhriller, der den bürokratischen Apparat des Geheimdienstes sowie dessen politisches Ränkespiel in den Mittelpunkt stellt. Die durch Rückblenden strukturierte Handlung zeigt die gemeinsamen Aktionen der beiden Protagonisten und beschreibt eine grundsätzliche Ambivalenz gegenüber Gut und Böse. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SPY GAME
Produktionsland
USA/Deutschland/Japan/Frankreich
Produktionsjahr
2001
Regie
Tony Scott
Buch
Michael Frost Beckner · David Arata
Kamera
Dan Mindel
Musik
Harry Gregson-Williams
Schnitt
Christian Wagner
Darsteller
Robert Redford (Nathan Muir) · Brad Pitt (Tom Bishop) · Catherine McCormack (Elizabeth Hadley) · Stephen Dillane (Charles Harker) · Larry Bryggman (Troy Folger)
Länge
126 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Spionagefilm

Heimkino

Die Special-Edition enthält u.a. einen dt. untertitelbaren Audiokommentar des Regisseurs sowie der Produzenten Marc Abraham und Douglas Wick. Des weiteren enthalten die Extras einen kommentierten Storyboard/Filmvergleich sowie ein kommentiertes, dt. untertitelbares Feature mit fünf nicht verwendeten, drei modifizierten Szenen und einem alternativen Filmende.

Verleih DVD
Universal (16:9, 2.35:1, DD5.1 engl./dt., DTS dt.)
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Diskussion
Mittlerweile kennt man das Lamento. Sobald Hollywood sich der neuen Unübersichtlichkeit nach Ende des Kalten Krieges annimmt, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit in irgend einer Szene angestimmt. Ob die Filme wie „Three Kings“ (fd 34 098) oder „Im Fadenkreuz“ (fd 35 266) vor dem Hintergrund realer Militäreinsätze angesiedelt sind oder die „Rules of Engagement“ wie William Friedkins gleichnamiger Film (fd 34 490) im fiktiven Kontext zur Debatte stellen – irgendwann sinnieren Amerikaner, die in staatlichem Auftrag in die weite Welt entsandt wurden, in Grossaufnahme darüber, dass sie den Überblick darüber, was da draußen eigentlich vor sich gehe, völlig verloren hätten. Und so ist es denn auch in „Spy Game – Der Finale Countdown“ irgendwann soweit, wenn der junge CIA-Agent Tom Bishop gedankenverloren seinen Vorgesetzten Nathan Muir fragt, ob er sich noch an jene Zeit erinnere, „als wir die Guten und die Bösen auseinander halten konnten?“ Das Interessanteste an Tony Scotts Film ist indes, dass die Sache mit den Guten und den Bösen eigentlich zu keiner Zeit so trennscharf geschieden wird. Ob beabsichtigt oder nicht – dieser technisch perfekte, auf Hochglanz gestylte Geheimdienstthriller wirft so viele Widersprüche auf, dass es letzten Endes dem Publikum überlassen bleibt, eine moralische Wertung vorzunehmen. Den Ausschlag darüber könnte geben, wie weit man dem Charisma der beiden Hauptdarsteller, Robert Redford und dem als dessen Double agierenden Brad Pitt, erliegt. Mit seinem letzten Film „Staatsfeind Nr. 1“ (fd 33 445) verbreitete Scott im Gewand bester Hollywood-Unterhaltung eine an das Kino der Watergate-Ära erinnernde Paranoia, die sich sogar als subversiv deuten ließ, war sie doch auf den real existierenden Geheimdienst NSA und das mittlerweile ebenso reale Potential einer umfassenden Überwachung öffentlicher Räume gemünzt. Knüpfte die Besetzung Gene Hackmans an dessen frühe Rolle in Coppolas „Der Dialog“ (fd 19 008) an, so ruft Robert Redford in „Spy Game“ einen weiteren Film aus jener Zeit in Erinnerung, als Hollywood die amerikanischen Geheimdienste tendenziell der Seite des Bösen zurechnete. In Sidney Pollacks „Die drei Tage des Condors“ (fd 19 592) unterstrich Redfords „Golden Boy“-Charme noch die Unschuld eines harmlosen CIA-Beamten, der in die Schusslinie seines Arbeitgebers geraten war. In „Spy Game“ hängt von dieser Star Power nun vor allem ab, ob man die unverhohlene Skrupellosigkeit seiner Figur für Zynismus oder für Realismus hält und seiner Behauptung glaubt, dass sie einem ungenannten höheren Gut diene. Dass Muir sich an seinem letzten, im Jahre 1991 angesiedelten Arbeitstag vor der Pensionierung noch einmal gefordert sieht, entspricht einem seit „Zwölf Uhr Mittags“ bekannten Muster des Genrekinos. Unüblich ist dagegen, dass der zentrale Handlungsstrang eines Agententhrillers fast ausschließlich in den Büros und Fluren der CIA-Zentrale in Langley spielt. Muir verbleiben 24 Stunden an Konferenztisch und Telefon, um zu verhindern, dass Bishop von der chinesischen Regierung hingerichtet wird. Da sein ehemaliger Schützling nicht im CIA-Auftrag handelte, als er nahe Shanghai Gefangene zu befreien versuchte, und da zudem bald eine China-Visite des US-Präsidenten ansteht, ist die „Agency“ geneigt, ihren Ex-Bediensteten seinem Schicksal zu überlassen. Bei nüchterner Betrachtung lässt sich gegen diese realpolitische Neigung auch kaum ein Vorwurf erheben, zumal sie sich bestens mit der vom Protagonisten bekundeten Zweckethik deckt. Entscheidend ist allerdings, dass sie gegen das erste Gebot des amerikanischen Actionkinos verstößt, das da lautet: Du sollst deine Leute nicht im Stich lassen. Die CIA des Jahres 1991 stellt sich in „Spy Game“ als bürokratischer Apparat dar, in dem selbst politisches Ränkespiel durch behäbige Beamtenmentalität behindert wird. Davon hebt sich Muir als Mann der alten Schule ab, der seine Praxistauglichkeit in gemeinsamen Einsätzen mit Bishop bewiesen hat, die nun nach und nach rekapituliert werden. An das gewohnte Katz-und-Maus-Spiel eines 007 erinnert dabei allenfalls die Rückblende ins geteilte Berlin; nebelverhangen und mit dekorativen Dampfschwaden, die aus der Kanalisation aufsteigen, ist die Hauptstadt der DDR der mittleren 70er-Jahre kaum wieder zu erkennen. Beirut gleicht 1985 dagegen einem Abenteuerspielplatz, auf dem die beiden Agenten für ein Essen im besten mexikanischen Restaurant am Platze den Weg durchs Schussfeld der Bürgerkriegsparteien in Kauf nehmen. Umso brutaler ist der Einbruch der Realität, als die CIA, und sei es nur widerwillig, zur Vergeltung des Attentats auf eine US-Botschaft mit Terroristen paktiert. Im Lichte des aktuellen Terrordiskurses gewinnen die Bilder eines mit Sprengstoff gefüllten LKW, der mit CIA-Billigung in ein Haus gesteuert wird und 74 Opfer fordert, zusätzliche Bedeutung – umso mehr, als sie es sind, die den beklagten Verlust der Trennschärfe von Gut und Böse markieren. Zimperlich war der CIA indes auch in früheren Zeiten nicht. Den ersten Auftrag für die „Agency“ erteilt Muir seinem Schützling in Vietnam, und damit erst gar keine Missverständnisse aufkommen, informiert ein Dialog, dass die Ermordung eines laotischen Offiziers selbstverständlich gegen US-Gesetze verstieß. Angesichts solcher Unverblümtheit ist es umso irritierender, dass die Rückblende den Vietnamkrieg durch einen Sepia Filter sehen lässt. Handelt es sich dabei etwa um den verklärenden Schimmer der Nostalgie? Oder sollte es ausgerechnet die Zeit des Vietnamkrieges gewesen sein, in der beide Helden die Unterscheidbarkeit von Gut und Böse noch garantiert sahen?

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