Das Verlangen (2002)

Drama | Deutschland 2002 | 94 Minuten

Regie: Iain Dilthey

Die Geschichte einer vereinsamten, um ihr Leben betrogenen Frau, die an der Seite ihres Mannes, eines evangelischen Dorfpfarrers in der schwäbisch-fränkischen Provinz, um ihr Recht auf Liebe, Zärtlichkeit und eine eigene Stimme zu ringen beginnt und eine Katastrophe herbei führt. Das Kammerspiel bezieht seine Intensität mehr aus Gesten, Haltungen und Blicken statt aus Worten. Dabei hinterlassen die oft zu bloßen Stichwortgebern der Protagonistin reduzierten Figuren zunehmend den Eindruck, einem kühl kalkulierten Kunstprodukt ohne überzeugende Lebendigkeit beizuwohnen. - Ab 16.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2002
Produktionsfirma
Tag-Traum/Artus/Samples & Frames/Filmakademie Baden-Württemberg/BR/SWR
Regie
Iain Dilthey
Buch
Iain Dilthey · Silke Parzich
Kamera
Justus Pankau
Musik
Johannes Kobilke
Schnitt
Barbara Hoffmann
Darsteller
Susanne-Marie Wrage (Lena) · Klaus Grünberg (Johannes) · Robert Lohr (Paul) · Heidemarie Rohwedder · Manfred Kranich
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama
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Diskussion
Es hat lange gedauert, bis Iain Diltheys im August 2002 in Locarno mit dem Hauptpreis ausgezeichneter Film „Das Verlangen“ nun endlich auf deutschen Leinwänden zu sehen ist. Das verwundert kaum angesichts einer Kinolandschaft, in der das Besondere, Verstörende, Introvertierte – oder das, was Verleiher dafür halten – oft nur einen Platz am Rande einnimmt: zumal wenn es aus der einheimischen Produktion stammt. So gehört auch nicht allzu viel Weitblick dazu, dieser Arbeit, die inzwischen auf zahlreichen internationalen Festivals zu sehen war, eine eher bescheidene Zuschauerzahl zu prognostizieren – bestenfalls in einer Größenordnung, wie sie zuletzt Filme wie Ulrich Köhlers „Bungalow“ (fd 35 810) oder Thomas Arslans „Der schöne Tag“ (fd 35 089) erreichten. Viele dieser Arbeiten, in der Regel von jungen Berliner Regisseuren gedreht, können unter dem Stichwort „Neue deutsche Innerlichkeit“ subsumiert werden. Allerdings gibt es gerade zu Dilthey, einem Absolventen der Filmakademie Baden-Württemberg, gravierende Unterschiede: Während Köhler, Arslan und andere vornehmlich die diffuse Seelenlage der knapp 20- bis 30-Jährigen ausforschen und hinter dem kaum bewegten Mienenspiel ihrer Helden das innere Brodeln einer allein gelassenen Generation entdecken, wählt Dilthey ältere Protagonisten und treibt sie bis in die Katastrophe. Die seismografische Genauigkeit, mit der er einen Eheund Dorfalltag aus dem schwäbisch-fränkischen Wald skizziert, mündet ins blutige Desaster. Das dargestellte Schicksal gerinnt so zu einem außergewöhnlichen Einzelfall. Das ist dramaturgisch durchaus konsequent, besitzt aber auch etwas von jenem Vorzeigeduktus, den andere „innerliche“ Filme bewusst vermieden haben: Seht her, so weit kann es kommen, wenn Liebe fehlt.

Vermutlich liegt man nicht falsch, Diltheys Vorbilder bei August Strindberg und Ingmar Bergman zu orten. Seine Hauptfigur ist Lena, von Susanne-Marie Wrage als äußerst verschlossene, an der Seite ihres Mannes, eines evangelischen Pfarrers, frühzeitig gealterte Frau dargestellt. Dilthey lässt keine Möglichkeit – vielleicht auch kein Klischee – aus, um dies zu charakterisieren: Lena trägt ihr langes blondes Haar stets zum Knoten gebunden (nur am Ende wird sie es öffnen); ihr Kleid ist hochgeschlossen und mit strengem weißen Kragen versehen; sie wagt kaum, ihre Augen aufzuschlagen. Ihrem Mann Johannes deckt sie nicht nur den Frühstückstisch: Sie belegt ihm sogar die Brotscheiben. So ritualisiert wie jede Mahlzeit läuft der gesamte Alltag ab. Einkaufen im Dorfladen, der noch aus den 1950er-Jahren übriggeblieben zu sein scheint; Krankenpflege bei der gelähmten Schwägerin, die sie tyrannisiert und einmal sogar schlägt. Am Abend schiebt sich Johannes, nicht weniger grausam als seine Schwester, nackt auf die starre Lena, die schon angstvoll auf diesen Moment gewartet hat. In solchen eindringlichen Bildern wird deutlich, wie sehr die Figuren um Lena auf die Funktion von Stichwortgebern und Reibungsflächen reduziert sind: von differenzierten Charakteren, noch dazu mit biografischem Hintergrund, kaum eine Spur.

Ins Zentrum des Films stellt Dilthey eine Predigt: Im Dorf wurde ein Mädchen ermordet; im Anfangsbild sieht man dessen Leiche unter einem Baum. Nun zelebriert Johannes den Trauergottesdienst, dessen Worte wie gemeißelt im Raum stehen: „Welchen Sinn sollen wir dem geben ... Vom Unglück möchte ich reden, nicht vom Schicksal und auch nicht vom Zufall. Schicksal macht stumm, und Zufall auch. Aber das Wort Unglück kann man hinausschreien in die Welt, und hinauf zu Gott auch.“ Natürlich soll der Zuschauer diese Sentenzen keineswegs nur auf das Verbrechen, sondern auch auf Lenas Dasein beziehen. Nicht im unabänderlichen Schicksal, sondern im Unglück ist sie befangen: eine blitzlichtartige Erkenntnis, die ihren Ausbruch, ihre Emanzipation anstößt. Lena singt, an der Orgel sitzend, nach der Predigt laut mit, als ob die Worte ihres Mannes eine befreiende Wirkung hätten. Am selben Abend konfrontiert sie ihn damit, dass sie von nun an seine Schwester nicht mehr pflegen wird. Sie wagt es, mit einem anderen Mann, einem Automechaniker, durchs Dorf zu spazieren, ja sich in ihn zu verlieben. Am anderen Morgen lächelt sie zum ersten Mal versonnen und vergisst, Johannes an der Tür seine Tasche zu reichen. Später rückt sie das Kreuz neben der Tür gerade. Und am Abend wird sie sich ihrem Mann verweigern, zum ersten Mal in ihrer Ehe.

Es sind solche kleinen Gesten, Blicke, Haltungen, mit denen der Film vornehmlich arbeitet. Justus Pankau fotografiert sie kammerspielartig präzise, während Dilthey sie kalkuliert, vielleicht zu kalkuliert in Szene gesetzt hat. Auch eine leise Lösung schien dem Regisseur dann zu „einfach“. Ein zweiter und dritter, nun sogar direkt im Bild ausgeführter Totschlag müssen her, um „Das Verlangen“ zu einem einigermaßen aufwühlenden Ende zu bringen. Aber gerade mit dieser dritten Tat steuert die Geschichte einer vereinsamten, um ihr Leben betrogenen Frau, die um ihr Recht auf Liebe, Zärtlichkeit und eine eigene Stimme ringt, letztlich in die Fallstudie einer psychisch Kranken. Das verengt den Film, und so kehrt „Das Verlangen“ vom überwindbaren Unglück doch wieder zum unüberwindbaren Schicksal zurück.

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