Dokumentarfilm | Deutschland 2004 | 95 Minuten

Regie: Gerd Kroske

Detailreicher Dokumentarfilm über die Planung, Entstehung und Überwachung der Autobahnen in der DDR. Deutlich werden der überzogene Baueifer des Regimes sowie die rigide Überwachungspraxis entlang der Transitstraßen. Die kommentarlos aneinander geschnittene und oft ironisierende Zusammenstellung von Äußerungen und Archivaufnahmen offenbart den kleinbürgerlichen Glauben an Pflichterfüllung, der das SED-Regime jahrzehntelang aufrecht hielt. - Ab 14.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2004
Produktionsfirma
Leykauf Film/MDR/WDR
Regie
Gerd Kroske
Buch
Gerd Kroske · Axel Dossmann
Kamera
Dieter Chill
Musik
Klaus Janek
Schnitt
Karin Schöning
Länge
95 Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
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Diskussion
Es war eine Plage, in den Osten zu fahren, damals, als die Mauer noch stand. Aus Sicht der SED war dies zweifellos kein unerwünschter Nebeneffekt. Man wurde beobachtet und durchleuchtet, gefilzt und verdächtigt, und dann ging es stundenlang über katastrophal schlechte Autobahnen, die nicht etwa aus Asphalt bestanden, sondern aus Betonplatten, deren Querfurchen den Rhythmus vorgaben für Reisen durch die DDR. Die Geschichte dieser Autobahnen und der Menschen, die für sie verantwortlich waren, zeichnet der in Dessau geborene Dokumentarfilmer Gerd Kroske nach, der mit dem charmanten Faustkämpfer- Porträt „Der Boxprinz“ (fd 35 254) bekannt wurde. Hier lernt man, dass das Regime für Asphalt, der aus Erdöl hergestellt wird, keine Devisen locker machen wollte, weshalb man zum unbequemen Beton griff. Man erfährt von ehemals Verantwortlichen im Baukombinat, dass die planwirtschaftlichen Vorgaben mit 100 Autobahnkilometern pro Jahr so maßlos übertrieben waren, dass nicht einmal der Westen dies geschafft hätte. Besonders erschreckend, wenn auch nicht überraschend, ist aber das engmaschige Überwachungsnetz, das sich nicht nur auf die Sperranlagen, den Todesstreifen und die Transitautobahn beschränkte. Die Grenztruppen und die Stasi, denen sie untergeordnet waren, lauerten praktisch an jeder Abfahrt, in den Wäldern entlang der Transitstrecke, in der Nähe der Raststätten. Überall, so fürchtete die SED, hätten Schleuserbanden aktiv sein können – was in der Tat ja auch der Fall war. Die nunmehr zugänglichen Archive liefern beispielsweise Videoaufnahmen aus Hochsitzen, die freie Sicht auf Parkplätze boten, und den Grenzern die Möglichkeit, penibel über Restaurant- und Toilettenbesuche der Westler zu referieren – und nebenbei über die fetten Westsäcke herzuziehen.

Das Feindbild, so scheint es, war fest verankert in der ostdeutschen Beamtenmentalität. Das zeigen die Interviews sehr deutlich. Offenherzig, wie sie sich inzwischen geben, berichten ehemalige Grenzer von ihrer Arbeit, die nun mal getan werden musste, und davon, dass schon jedes kleine Vergehen hart bestraft wurde, dass man aber nach Feierabend davon nichts mehr wissen wollte, denn Dienst sei ja Dienst und Schnaps Schnaps. Der kleinbürgerlichdeutsche Geist bereicherte offensichtlich die sozialistische Erziehung, was zu einer unschlagbaren Mischung führte. Mancher gibt sich heute beleidigt, ähnlich wie die Stasi-Offiziere in anderen Dokumentationen, weil ihre Art der Pflichterfüllung ab 1989 plötzlich öffentlich angeprangert wurde. Alle diese Details und Gespräche, die manchmal in fast zu kleinlicher Sammelwut zusammen getragen und dann, sorgsam thematisch unterteilt, nahezu kommentarlos aneinander geschnitten wurden, zeigen bald, eben dank der oft ironisierenden Gegenüberstellung von Äußerungen, neben dem im Grunde nicht sonderlich spannenden Thema Autobahn etwas ganz Anderes, Erhellenderes: ein Bild deutscher Exekutivbeamten, die in ihrer Art der Rechtfertigung, dieser entwaffnenden, seltsam trotzigen, schulterzuckenden und auch naiven Art von den Äußerungen der Mitläufer des NS-Regimes gelegentlich nur schwer zu unterscheiden sind.

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