Dias de Santiago

Drama | Peru 2004 | 83 Minuten

Regie: Josué Méndez

Nach dreijährigem Dschungelkrieg kehrt ein junger Mann in die peruanische Hauptstadt Lima zurück, wo er mit der sozialen Kälte der Stadt konfrontiert wird. Zwar kann er das Abrutschen ins kriminelle Milieu verhindern, sich aber keine bürgerliche Existenz aufbauen, weil er militärischem Denken verhaftet bleibt und organisierte Gewalt als Schlüssel zur Problemlösung versteht. Der Film entwirft das von kühler psychologischer Sachlichkeit geprägte Bild einer zerrissenen Gesellschaft sowie einer verlorenen Generation, das als Metapher für die Bewusstseinslage auf dem südamerikanischen Subkontinent gelesen werden kann. (O.m.d.U.) - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DIAS DE SANTIAGO
Produktionsland
Peru
Produktionsjahr
2004
Regie
Josué Méndez
Buch
Josué Méndez
Kamera
Juan Durán
Schnitt
Roberto Benavides
Darsteller
Pietro Sibille (Santiago Roman) · Milagros Vidal (Andrea) · Marisela Puicón (Elisa) · Alheli Castíllo (Mari) · Lili Urbina (Mutter)
Länge
83 Minuten
Kinostart
-
Fsk
-
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Diskussion
Die ewig wiederkehrenden Kriege und blutigen Umstürze des Subkontinents zwischen selbstdeklarierter Befreiungsbewegung und dem proklamierten Kampf gegen die Subversion haben in der lateinamerikanischen Literatur und im Film einen lebendigen Niederschlag gefunden. Der junge peruanische Regisseur Josué Méndez macht in seinem ersten Film „Dias de Santiago – Überleben in der Nachkriegszeit“ die Kriegsheimkehrer zum Mittelpunkt seiner Geschichte. Der 23-jährige Santiago Román kehrt nach dreijährigem Kriegseinsatz im Grenzgebiet zu Ecuador nach Lima zurück. Doch nach drei Jahren Dschungelkampf gegen Drogenbanden und die Guerilla, nach langen Monaten im Ausnahmezustand, stößt er im Großstadtdschungel auf Gleichgültigkeit und Desinteresse – keiner hat auf die jungen Kriegsveteranen gewartet, keiner kann mit ihnen etwas anfangen. Mit anderen Ehemaligen sucht Santiago nach neuen Perspektiven: dem Einstieg ins Drogengeschäft, der Etablierung eines Prostituiertennetzes oder einer Bank, die sie mit ihrem militärischen Know How ausrauben könnten. Eine verlorene Generation, Opfer der militärischen Abenteuer ihrer Regierungen, die kaum eine Chance hat, sich in eine als chaotisch und bedrohlich empfundene moderne Zivilgesellschaft einzuleben. Die Großstadt ist kalt und feindlich, die Familien zerrissen, die einfachen Konfliktlösungen veraltet, das System von Befehl und Befehlserfüllung ohne Sinn. Doch Santiago kehrt seinen Kameraden und ihrer kriminellen Energie den Rücken. Der Selbstmord seines Freundes Rata verschafft ihm eine unerwartete Erbschaft: einen alten PKW. Diesen wandelt er in ein Taxi um, mit dem er seine wirtschaftliche Situation und die seiner Familie verbessern will, um vielleicht irgendwann sogar Informatik studieren und eine neue bürgerliche Existenz gründen zu können. Doch auch als „Taxi Driver“ bleibt Santiago dem militärischen Denken verhaftet: ein Soldat, der nicht fähig ist, die Flexibilität und die Bewegungen der modernen Zivilgesellschaft zu verstehen. „Dias de Santiago“ ist ein ungewöhnlicher Antikriegsfilm. Er zeigt die psychologischen Ruinen, die seelischen Narben und Krater der Heimkehrer als „Kollateralschäden“ und ihre Mentalität als Zeitbombe der Zivilgesellschaft: Der tiefe und unbedingte Glaube daran, dass gut organisierte Gewalt der Schlüssel aller sozialen und politischen Lösungen sei, mündet in Kriminalität und Destruktivität. Dabei gelingt dem Film eine Identifizierung des Zuschauers mit dem Protagonisten; er begleitet Santiago bei seinem langen Scheitern in Lima. Und er zeigt, dass die Gesellschaft, in die Santiago zurückkehrt, keine Idylle ist, sondern zerrissen und korrupt, ein Dschungel, in dem Solidarität oder familiäre Bindungen keine Bedeutung mehr haben, sondern jeder gegen jeden kämpft. Doch im Gegensatz zu vielen anderen neueren lateinamerikanischen Filmen über die Konflikte des Subkontinentes gibt es hier keine Kampfhandlung oder fades Kameradenpathos, sondern lediglich die große Leere am Ende des Krieges. Die Visualisierung der traumatischen Erinnerungen des Protagonisten bleibt der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen. Méndez steht damit in einer Reihe mit anderen jungen Regisseuren, die auf die hektischen Gesten melodramatischer Militanz und Effekte verzichten, die oftmals mehr den Seherwartungen der Kritiker und eines auswärtigen Publikums geschuldet waren, jetzt aber durch kühle, psychologische Sachlichkeit ersetzt sind und dadurch zu einer neuen Sicht des zerrissenen Kontinents führen.
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