Drama | Deutschland/Schweiz/Belgien 2007 | 120 Minuten

Regie: Maria Speth

Eine alleinerziehende Mutter von fünf Kindern findet trotz zaghafter Versuche, sich ein normales Leben aufzubauen, keine soziale Verankerung und keinen emotionalen Rückhalt. Der ganz von der außergewöhnlichen Hauptdarstellerin, die intensiv Rastlosigkeit, Unruhe und Abweisung ausstrahlt, geprägte Film, der keine Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse anstrebt, sondern die trostlos-erschreckende Perspektive eines zwangsläufig scheiternden Lebens einnimmt. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
MADONNEN
Produktionsland
Deutschland/Schweiz/Belgien
Produktionsjahr
2007
Produktionsfirma
Pandora Film/Cineworx/Les Films du Fleuve
Regie
Maria Speth
Buch
Maria Speth
Kamera
Reinhold Vorschneider
Schnitt
Dietmar Kraus
Darsteller
Sandra Hüller (Rita) · Susanne Lothar (Isabella) · Luisa Sappelt (Fanny) · Olivier Gourmet · Peter Moltzen
Länge
120 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
Filmgalerie451 (16:9, 1.85:1, DD2.0 dt.)
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Diskussion
Gleich die erste Begegnung mit Rita, der Hauptfigur in Maria Speths neuem Film, löst Unbehagen aus. Die Kamera befindet sich im verregneten Grau außerhalb einer Telefonzelle, in der eine junge Frau ihr Gegenüber am anderen Ende der Leitung anschreit, bevor sie den Hörer mehrmals zornig gegen das Gerät knallt und genervt auflegt. Ein Baby fängt an zu weinen – es ist, wie sich herausstellen wird, das jüngste von Ritas fünf Kindern. Die Frau tröstet es, den Zuschauer aber vermag sie nicht zu beruhigen, und das wird sich auch im Laufe des Films nicht ändern. So gleichmäßig das Tempo von „Madonnen“ auch ist, so konsequent auf dramaturgische Wendungen verzichtet wird, die Atmosphäre bleibt durchweg auf einem sehr hohen Niveau an Rastlosigkeit und Unruhe. Das liegt maßgeblich an der schroffen Protagonistin des Films, die zu den unbequemsten Figuren gehört, die man seit langem auf einer Kinoleinwand gesehen hat. Am Anfang des Films hat diese Rastlosigkeit einen ganz realen Grund: Rita wird wegen Diebstahls sowie anderer Delikte von der deutschen Polizei gesucht und ist deshalb nach Belgien geflüchtet, wo sie ihren leiblichen Vater ausfindig macht, den sie nicht kennt. Das Zusammentreffen mit dessen Familie führt zu einer Reihe von komplizierten und peinlichen Situationen. Der Vater bleibt für Rita ein Fremder und zeigt sie bei der Polizei an. Sie wird nach Deutschland abgeschoben und kommt in den offenen Strafvollzug, währenddessen übernimmt ihre Mutter Isabella die Pflege der Enkelkinder. Rita lässt alle Sanktionen mit fast penetranter Sturheit über sich ergehen. Selbst als sie nach Ablauf der Strafe ihre Kinder gegen den Widerstand der Mutter wieder zu sich nimmt, um sich mit Marc, ihrem neuen Liebhaber, einem in Deutschland stationierten US-Soldat, ein normales Familienleben aufzubauen, wirkt sie dabei seltsam unbeteiligt. Auch wenn die Wohnung langsam mit spärlichem Mobiliar und einem großen Fernseher ausgestattet wird, kann dieses Zuhause bis zum Schluss den Zustand des Provisorischen nicht abschütteln – ebenso wenig wie der Speiseplan aus Bestellpizza und Miracoli-Spaghetti. Und in der Anonymität einer McDonalds-Filiale schleicht sich Rita am Schluss von ihrer Familie weg, zieht weiter. Es gibt wenige Themen, die in der Öffentlichkeit so emotionalisiert verhandelt werden wie die Diskussion um vernachlässigte Kinder und ihre so genannten „Rabenmütter“. Insofern ist die Entscheidung Maria Speths, sich ganz auf das Beobachten und Zeigen zu beschränken, anstatt zu beurteilen oder auch um Verständnis zu werben, ebenso nachvollziehbar wie klug. Der nüchterne und unvoreingenommene Blick ist stets auf die Akteure gerichtet und wird nur manchmal durch Glasscheiben gebrochen, die sich wie ein Filter vor das Bild stellen und damit die Distanz zu den Figuren verstärken. Deren Gesten sind entscheidend, ihre Körperhaltung, ihre Blicke: Ritas herabhängende Schultern, ihre kleinen aggressiven Ausbrüche gegenüber der ältesten Tochter Fanny, die für ihre jüngeren Geschwister schon so etwas wie eine „Ersatzmutter“ ist, Isabellas mit eigener Schuld durchsetzte Vorwurfsblicke, die anfängliche Skepsis und Unsicherheit der Kinder gegenüber der Mutter. Doch Szenen, in denen Raum da ist, etwas über die bloße Andeutung hinaus zu erzählen, die sich nicht verschließen, sondern sich in eine Situation wirklich hineinbegeben, sind rar. Der Film teilt mit seiner Hauptfigur eine abweisende Haltung. Damit verweigert er auch jeden Anflug von Anteilnahme oder gar Humanismus, wie er etwa für das sozialrealistische Kino Ken Loachs charakteristisch ist. Eher hat der sozial-dokumentarische Stil der Brüder Dardenne hier Pate gestanden, die Speths Film auch co-produziert haben. Doch im Gegensatz zu „Rosetta“ (fd 34 825), der ebenso nüchternen wie packenden Studie über Arbeitsverhältnisse in der neoliberalen Gesellschaft, vermisst man in „Madonnen“ eine vergleichbar scharfe Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse; an die Stelle von Psychologie und „Innenleben“ treten Wortlosigkeit und Leere. Letztlich macht dieses Vakuum aus Rita eine „woman under the influence“, eine Frau, die einem Antrieb folgt, der in einem vagen „Außerhalb“ liegt. Mit anderen Worten: Sie kann einfach nicht anders. In dieser Zwangsläufigkeit breitet sich die unausgesprochene Behauptung aus, dass das eigene Schicksal quasi genealogisch an die Kinder weitergegeben wird. Der Handlungsspielraum ist in diesem starren System folglich äußerst begrenzt. Immerhin sind die Positionen von Mutter und Tochter flexibel, und so muss dann auch Rita einmal Fanny unbeherrscht zurechtweisen: „Ich bin die Mutter, du das Kind!“.
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