Couscous mit Fisch

Drama | Frankreich 2007 | 151 Minuten

Regie: Abdellatif Kechiche

Sinnlicher Einblick in das Leben einer entzweiten franko-arabischen Familie, die in der dritten Generation in Südfrankreich lebt, wobei sowohl Vorurteile gegen die so genannten "beurs" als auch die Mythen der Emigranten unterlaufen werden. Im Mittelpunkt steht das 60-jährige ehemalige Oberhaupt, das nun mit einer anderen Frau und deren Tochter zusammenlebt. Als er entlassen wird, ermutigt diese ihn, ein Restaurant zu eröffnen. Ein ebenso unterhaltsamer wie intellektueller Film, der sein Sujet realistisch, aber mit spürbarer Zuneigung angeht. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LA GRAINE ET LE MULET
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2007
Regie
Abdellatif Kechiche
Buch
Abdellatif Kechiche
Kamera
Lubomir Bakschew
Schnitt
Ghalia Lacroix · Camille Toubkis
Darsteller
Habib Boufares (Slimane Beiji) · Hafsia Herzi (Rym) · Farida Benkhetache (Karima) · Abdelhamid Aktouche (Hamid) · Bouraouïa Marzouk (Souad)
Länge
151 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama

Diskussion
Der Höhepunkt von „Couscous mit Fisch“, und es ist einer der Höhepunkte des ganzen Kinojahres 2008, kommt erst am Ende. Es ist der Auftritt eines jungen Mädchens, ein Bauchtanz, wie man ihn noch nie gesehen hat; ein Opfergang, ein Zeichen der Würde und eine Tat der Ökonomie, vor allem aber ein Akt der Liebe. Um Liebe in vielen Facetten geht es im dritten Spielfilm des 1960 in Tunis geborenen Franzosen Abdellatif Kechiche, der wie ein Film von Ken Loach beginnt: Eine Hafenrundfahrt führt in die Szenerie einer südfranzösischen Hafenstadt ein. In einer Ecke werden alte Schiffe renoviert oder – was eher der Fall ist – verschrottet. Hier arbeitet Slimane, ein Franko-Araber. Das Leben ist hart, der Druck der Vorgesetzten nimmt zu, und fast scheint es, als wäre Slimane mit seinen 60 Jahren in dieser harten Welt selbst schon reif zum „Verschrotten“. Der Film lässt sich Zeit, den Mann und seine Lebensverhältnisse vorzustellen. Er holt Fisch – Fische sind das einzige, das alle im Überfluss haben –, geht bei seiner Frau vorbei, streitet mit ihr. Erst jetzt erfährt man, dass die beiden getrennt leben. Dann besucht Slimane seine Tochter, und so geht es weiter: Eine Großfamilie wird vorgestellt, deren Vater nur noch halb dazugehört. Denn Slimane lebt mit einer neuer Frau und einer Stieftochter. Bei einem Couscous-Essen am Sonntag trifft seine „alte“ Familie zusammen. Ein Dutzend Leute, die wild durcheinander reden, über Alltägliches, Diäten, Liebe, über arabische und französische Sprache. Alle außer Slimane. Man redet über ihn, und über Gefühle. Auf die Bemerkung einer Tochter, sie liebe den Vater immer noch, sagt die Mutter: Liebe sei wichtig; wichtiger aber sei „Ishra“, Haltung. Und: „Liebe – auch Couscous macht man mit Liebe.“ In den Vordergrund tritt nun zunehmend Rym, Slimanes Stieftochter. Sie wird zur zweiten Hauptfigur des Films. Als die Söhne Slimane zur Rückkehr in die Heimat bewegen wollen, verteidigt sie ihn und wirft ihnen mangelnden Respekt vor. Als Slimane entlassen wird, ist sie es, die Verantwortung übernimmt: Sie bekämpft seine Resignation, ermutigt ihn, ein Restaurant zu eröffnen und dafür alles auf eine Karte zu setzen. Sie geht mit ihm zur Bank, zu den Behörden. Rym trifft Entscheidungen, steht für etwas ein. Als dann Slimanes Restaurant Wirklichkeit wird, müssen sich die sehr unterschiedlichen Teile dieser Familie zusammenraufen. Am Eröffnungsabend überstürzen sich jedoch die Geschehnisse. Aus banalen Ereignissen schlägt die Inszenierung Funken. „Couscous mit Fisch“ entwickelt Dramatik pur: schnell und nervenzerreißend. Am Ende wird die Geschichte von Rym und Slimane als Drama des Verhältnisses von Jugend und Alter erkennbar, auch als eine große Liebesgeschichte anderer Art. Es ist ein großartiger, nahezu perfekter Film, voller Herz und dabei sehr politisch, sehr hart, aber in seiner Härte doch erträglich, weil er sehr menschlich ist. Der Film gibt Menschen, Milieus und Lebensweisen eine Stimme, die in der Regel medial ausge- blendet bleiben. Er rechnet mit der Ignoranz, dem Exotismus und den Projektionen ab, denen Einwandererfamilien selbst in der Dritten Generation – nicht nur in Frankreich – ausgesetzt sind und wegen derer sie nicht wirklich integriert werden. Er zeigt aber auch viele Schattenseiten der Einwandererkulturen: Die Ver- steinerungen hinter dem „Familiensinn“ oder die Frauenverachtung hinter dem Machismo. Kechiche räumt mit den Mythen beider Seiten auf, zeigt die schwierige Herstellung von Gemeinsamkeit und den Triumph der Improvisation. Das ist jedoch noch nicht das Wichtigste, dies sind vielmehr Kechiches Haltung und Stil: Exzellent und innovativ, voller Zuneigung und Lebenslust inszeniert, ist der Blick seines Films genau, realistisch, klar – eben französisch. Zugleich ist das Geschehen auf der Leinwand so schön und sinnlich, das man nicht mehr wegschauen möchte. Kechiche, mit Arnaud Desplechin, Agnès Jaoui und François Ozon der vierte herausragende Regisseur der unter 50-Jährigen des französischen Gegenwartskinos, lässt sich viel Zeit und entwickelt seine Geschichte aus relativ wenigen, dafür minutenlangen, eindrücklichen Szenen: aus einem zehnminütigen Schreianfall wie aus einem nicht weniger langen Bauchtanz. Man lauscht Frauengesprächen, dringt in die Intimität der Familie ein. Das geschieht – ähnlich wie bei Desplechin – durch permanente Bewegung: Ein ständiges „Sampeln“, das bestimmte Figuren und Erzählstränge hervorhebt und wieder in den Hintergrund treten lässt, durch einen permanenten Wechsel von Perspektive und Zentrum, Betrachter und Objekt des Films. Kechiches zu gleichen Teilen intellektuelles und unterhaltsames, ehrgeiziges wie populäres Kino ist stilistisch anspruchsvoll, weil man Zeit braucht und ein Beziehungsnetz erzählt bekommt, nicht Personen oder Psychologie. Jede Figur wird durch die Perspektive einer anderen gezeigt. Das ist kein Naturalismus, eher schon ein subjektiver Realismus. Kechiches Film – zugleich Komödie wie Melodram und offen zur Tragödie hin – ist eine soziale Chronik, hinter der eine größere, über den sozialen Realismus hinausreichende Dimension sichtbar wird. Im noch so Kleinen ist hier das ganz Große enthalten.
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