Der Junge im gestreiften Pyjama

Drama | Großbritannien/USA 2008 | 94 Minuten

Regie: Mark Herman

Der kleine Sohn eines NS-Offiziers zieht mit seiner Familie "aufs Land" gen Osten, wo der Vater in einem Vernichtungslager eingesetzt wird. Das Kind ahnt nicht, was hinter dem Zaun des Lagers vor sich geht. Es schließt Freundschaft mit einem jüdischen Jungen und gerät dadurch selbst in große Gefahr. Ein Blick auf den Holocaust aus kindlicher Perspektive, der Schock- und Schreckensszenarien außen vor lässt. Vielmehr nähert er sich dem Massenmord auf irritierend naive Weise an, wobei er dessen perverse Banalität aber umso aufwühlender offen legt. (Kinotipp der katholischen Filmkritik) - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE BOY IN THE STRIPED PAJAMAS | THE BOY IN THE STRIPED PYJAMAS
Produktionsland
Großbritannien/USA
Produktionsjahr
2008
Regie
Mark Herman
Buch
Mark Herman
Kamera
Benoît Delhomme
Musik
James Horner
Schnitt
Michael Ellis
Darsteller
Vera Farmiga (Mutter) · David Thewlis (Vater) · Rupert Friend (Lt. Kotler) · Richard Johnson (Großvater) · Sheila Hancock (Großmutter)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Kriegsfilm

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. einen Audiokommentar des Regisseurs und ein Feature mit fünf im Film nicht verwendeten Szenen (6 Min.).

Verleih DVD
Walt Disney/Miramax (16:9, 1.85:1, DD5.1 engl./dt.)
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Diskussion
Wer heute noch einen Film über den Holocaust drehen möchte, begibt sich auf schwieriges Terrain. Einerseits bleibt das reale Grauen auf der Leinwand undarstellbar. Andererseits wurde es schon unzählige Male verfilmt. Die Gefahr, sich zu wiederholen und Historisches in Klischees zu verwandeln, ist beträchtlich. Dem britischen Regisseur Mark Herman („Brassed Off“, fd 32 785) gelingt es, beides weitgehend zu vermeiden, indem er erst gar nicht versucht, historisch Verbürgtes zu schildern, sondern für seine fiktive, allegorische Geschichte eine außergewöhnliche Perspektive wählt: die eines deutschen, nicht eines jüdischen Kindes. Der achtjährige Bruno, der im Mittelpunkt der Verfilmung von John Boynes Roman steht, ist der Sohn des Kommandanten eines Vernichtungslagers. In einer kurzen, unauffälligen Parallelmontage etabliert Herman gleich zu Beginn diese ungewohnte Erzählperspektive. Er zeigt Bilder der Deportationen: deutsche Soldaten, die jüdische Familien in einem Berliner Innenhof zusammentreiben. Dann rückt Bruno ins Bild, der mit seinen Spielkameraden auf dem Weg nach Hause ist. Gut gelaunt trifft er dort ein und erstarrt, als er Männer sieht, die Möbel wegschleppen. Doch die in diesen kurzen Einstellungen aufgebauten Assoziationen laufen ins Leere. Brunos Eltern sind keine Juden, deren Zuhause zwangsarisiert wird. Im Gegenteil, sein Vater ist eine echte Nazi-Größe. Den bevorstehenden Umzug „aufs Land“ feiert er standesgemäß mit Parteigenossen. Mit seinen Eltern und seiner vier Jahre älteren Schwester Gretel reist Bruno den deportierten Juden hinterher. Er selbst ahnt freilich noch nichts davon. Ähnlich zurückhaltend, wie der Film beginnt, entwickelt er sich weiter: ohne unnötiges Pathos und nahezu frei von Schockszenen. Bruno erlebt seinen Vater als liebevollen Papa, auf den er mächtig stolz ist. Die Gewalt findet fast immer hinter verschlossenen Türen statt, außerhalb des kindlichen Blickfeldes. Das macht den von David Heyman produzierten Film einerseits jugendtauglich, andererseits aber auch besonders verstörend. Die Faszination des Bösen erhält hier keinen Raum. Herman stellt den Holocaust nicht aus, inszeniert keine Schreckensbilder. Einige wenige, sporadische Hinweise genügen, um sie dennoch wachzurufen. Allmählich erhascht Bruno Einblicke hinter die Fassade. Von einem Fenster des neuen Hauses aus kann man das Konzentrationslager sehen. Bruno wundert sich, dass die „Bauern auf der Farm“ alle Pyjamas tragen. Am nächsten Tag ist das Fenster vernagelt. Am Schlimmsten ist für den Jungen zunächst aber die Langeweile. Die Schaukel im Hof vertreibt sie nicht und erst recht nicht der nationalsozialistische Hauslehrer, der Bruno und seine Schwester ideologisch auf Kurs bringen will und zumindest bei Gretel Erfolg hat. Bruno dagegen träumt von fantastischen Abenteuern, stiehlt sich heimlich davon und landet bei einer seiner Expeditionen am Lager. Auf der anderen Seite des Zaunes hockt ein verwahrloster jüdischer Junge, Shmuel. Schnell freunden sich die beiden Kinder an. Unwissentlich begibt sich Bruno damit in Lebensgefahr. Natürlich hofft man, dass ihm nichts geschieht. Aber es ist eine bittere Hoffnung, weil sie die Menschen im Lager nicht mit einschließt. Von den beiden Kindern diesseits und jenseits des Zaunes großartig gespielt, nähert sich die Miramax-Produktion, die für ein jüngeres Zielpublikum gedreht wurde, aber Erwachsenen nicht weniger zu empfehlen ist, dem sensiblen Thema auf behutsam-originelle Weise an. Zugleich wirft der Film, zu dem James Horner einen gefühligen, aber (meist) unaufdringlichen Score gestaltet hat, einmal mehr die Frage auf, ob man vor dem Hintergrund des Holocaust überhaupt erfundene Geschichten erzählen darf. Das freilich ist eine trügerische Fragestellung. Legt sie doch nahe, dass das historische Grauen prinzipiell real darstellbar sei. Tatsächlich aber kann man den Holocaust (frei nach Watzlawick) nicht nicht fiktionalisieren. Es kommt also darauf an, sich mit ihm aufrichtig auseinander zu setzen, die wichtigen Fragen zu stellen. Das gelingt Herman überraschend gut. „Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist ein ergreifender, aufwühlender, nie rührseliger Film, der sich dem Holocaust auf eine irritierend naive, zärtliche Weise annähert und gerade dadurch dessen perverse Banalität offen legt.

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