With Gilbert & George

Dokumentarfilm | Großbritannien 2007 | 104 Minuten

Regie: Julian Cole

Dokumentarfilm über das britische Künstlerduo Gilbert & George, deren Leben und Werk vom britischen Filmemacher Julian Cole in freundschaftlicher Verbundenheit über Jahre hinweg mit der Kamera begleitet wurde. Die Inszenierung bereitet den "conservative anarchists" eine Plattform, auf der sich das exzentrische Duo entspannt entfalten kann. Das Porträt kommt den beiden und ihrer Kunst erstaunlich nahe, eröffnet dem Paar aber auch die Möglichkeit, sich mit Vorwürfen auseinander zu setzen, die seine provokativen Arbeiten immer wieder hervorgerufen haben. (O.m.d.U.) - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WITH GILBERT & GEORGE
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2007
Regie
Julian Cole
Buch
Julian Cole
Kamera
Julian Cole
Musik
Neil Kaczor
Schnitt
Ben Hole
Länge
104 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0 (DVD)
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Verleih DVD
Salzgeber (16:9, 1.78:1, DD2.0 engl.)
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Diskussion
Bereits im Titel klingt Julian Coles filmische Herangehensweise an das berühmte britische Künstlerpaar an. Dies ist kein Film, der von außen auf sein Sujet blickt, sondern „dabei ist“. „With Gilbert & George“ – das signalisiert Zugehörigkeit und Nähe, ein Verhältnis auf Augenhöhe. Die Basis dieser Form von Zusammenarbeit ist eine Art „Tausch“: Nachdem der Regisseur 1986 den beiden Exzentrikern Modell stand, begann er, ihr Leben und ihre Kunst zu dokumentieren, was in diesem Fall dasselbe ist. Denn Gilbert & George erklärten sich Ende der 1960er-Jahre zu „living sculptures“ – lebende Skulpturen, die alles in Kunst überführen, ob sie nun mit Farbe im Gesicht bemalt auf Tischen stehen und singen, philosophieren, sich stundenlang betrinken oder auch einfach nur einen gemeinsamen Spaziergang machen. Mit ihren identischen grauen Maßanzügen verkörpern sie nur auf den ersten Blick einen konservativen bürgerlichen Habitus, doch ihre Auftritte waren und sind oft provozierend und alles andere als fein. „Conservative anarchists“ lautet denn auch Gilberts Selbstbeschreibung. Man kann sich die beiden kaum als einzelne Personen vorstellen, so sehr sind sie zu einem Paar zusammengeschmolzen – die britische Presse schmähte sie nicht selten als „odd couple“ oder bisweilen sogar als „the oddest couple“. Tatsächlich erzählen beide – als Gilbert und George – ganz einfach, klar und alles andere als verschroben von ihrer Kindheit und Jugend, einem Leben in ärmlichen Verhältnissen, als Gilbert Proersch und George Passmore. In der Bildhauerklasse der St. Martin’s School of Art in London hatten sie sich kennen gelernt und gefunden. Frühe Fotos lassen bereits ihr ausgeprägtes Gespür für Selbstinszenierung erkennen – ihre handlichen minimalistischen Skulpturen verschwinden hinter ihrer Künstlerpersona, sie wirken wie bloße Accessoires. Von Beginn an ist das Projekt Gilbert & George von Widersprüchen durchzogen. Einerseits muten sie in ihrer hermetisch abgeschlossenen Zweisamkeit absolut elitär an, andererseits treten sie mit dem künstlerischen Anspruch an, „Kunst für alle“ machen zu wollen. Kunst für Nicht-Akademiker, für Kinder, ja, für die gesamte globalisierte Welt, wie sie es mit ihrer 1993 selbst organisierten und finanzierten Ausstellung in der Nationalgalerie von Beijing unter Beweis zu stellen versuchten, wohin sie der Film bei ihrer Aufsehen erregenden Reise ebenfalls begleitet. Cole kommt in dem umfassenden Künstlerporträt seinen beiden Protagonisten erstaunlich nahe – ohne ihnen jedoch unangenehm auf den Leib zu rücken. Während er sich selbst aus dem Geschehen hält, stellt er ihnen vielmehr eine Art Bühne zur Verfügung, auf der sie vollkommen frei und entspannt agieren können. Die Inszenierungsideen des Regisseurs sind daher eher zurückhaltend, was bei dem plakativen visuellen Vokabular von Gilbert & George absolut Sinn macht. Für das filmische Medium sind ihre leuchtend bunten Tableaus aus schwarz eingerahmten Rechtecken jedenfalls wie geschaffen. Als Scharlatane, Ironiker oder Provokateure wurden Gilbert & George in der Vergangenheit oft bezeichnet. So hat etwa ihr Umgang mit spektakulären und spekulativen Themen – etwa dem Einsatz der Swastika (des Hakenkreuzes), das Porträt eines jugendlichen Migranten mit dem Titel „Paki“ oder auch die Zurschaustellung der eigenen Exkremente in den „Naked Shit Paintings“ – heftige Kritik auf sich gezogen. Coles Film gibt ihnen nicht zuletzt auch eine Form der Öffentlichkeit, sich gegen die oft reflexhaften Anfeindungen der „political correctness“-Hüter zur Wehr zu setzen. Etwa, in dem sie ihre Arbeit in den Kontext ihres Lebensumfelds stellen – seit vier Jahrzehnten bewohnen Gilbert & George ein Haus in der Fournier Street im ärmlichen Londoner East End, einem vor allem von Migranten aus Bangladesch bewohnten Stadtteil. Auch wenn das Bestehen auf Authentizität bei der extremen Künstlichkeit ihres Labels geradezu schrullig anmutet: Die unmittelbaren sozialen und kulturellen Verhältnisse haben sich in ihren Arbeiten immer sichtbar widergespiegelt. Für Cole sind die beiden deshalb auch als unmittelbare Zeitzeugen interessant – auch wenn Gilbert & George selbst gegen „Zeit“ seltsam resistent erscheinen.
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