Drama | BR Deutschland 1988 | 96 Minuten

Regie: Don Askarjan

1915 wird ein anerkannter armenischer Musiker Zeuge des Massakers an seinen Landsleuten und zieht sich bis zu seinem Tode (1935) in halb-autistische Selbstbeschränkung zurück. Ein in zwölf nicht-linear montierten Episoden angelegtes Requiem für das armenische Volk, voller assoziativer inszenatorischer Momente und Metaphern. Durch das einseitige Geschichtsbild neigt der Film zur Verklärung, und seine gewollte Kunstfertigkeit schwächt seine Überzeugungsarbeit und -kraft. (Armenisch m.d.U.) - Ab 16.
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Filmdaten

Produktionsland
BR Deutschland
Produktionsjahr
1988
Produktionsfirma
Margarita Woskanian/WDR/SFB/Channel Four/RTSR/RTBF/FFA/FKT/K.j.d.F./Alex Manoogian
Regie
Don Askarjan
Buch
Don Askarjan
Kamera
Giorgos Arvanitis · Martin Gressmann
Musik
Komitas · Gaetano Donizetti · Teyra · armenische Volksmusik
Schnitt
René Perraudin · Marion Regentrop
Darsteller
Samvel Ovasapian (Komitas) · Onig Saadetian (Terlemesian) · Margarita Woskanian (Schülerin) · Yegishe Mangikian (Katholikos) · Gegham Khatcherian (Mönch)
Länge
96 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 0; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama
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Diskussion
Ein Geistlicher in bodenlangem Gewand, den Blick abgewandt vom nahen Bachlaut', auf dem eine vergilbte Fotografie ruhig dahindriftet. Ein Bild meditativer Stille, plötzlich abgelöst von ohrenbetäubendem Lärm der Schalmei. Glockengeläut mischt sich mit Gewitter-groll, und sacht einsetzender Regen rinnt über verwitterte Mosaiken, die Stück für Stück vom Mauerwerk bröckeln, während von Ferne allmählich ein Choral herüberklingt.

Schon die ersten Sequenzen, zwischen lyrischer Ruhe und dramatischer Anspannung, schlagen in extremen Kontrastkompositionen den Bogen von betörender Schönheit zu unsäglichem Schrecken. Das "Dazwischen', das zunächst keinen kausalen Zusammenhang zuläßt und sich somit einer Visualisierung entzieht, steht für den letztlich unfaßbaren Völkermord an den Armeniern. Ideale Identifikati-onsfigur, um die direkte Darstellung von Akten der Grausamkeit (bis auf wenige Schwarz-Weiß-Aufnahmen) bewußt auszusparen und dennoch der Historie gerecht zu werden, ist die Gestalt des Soghomon Soghomonien, besser bekannt unter dem Namen Komitas (nach einem berühmten Hymnenschreiber der Frühzeit). Komitas, begnadeter Mönch und Musiker, wurde 1915 auf dem Weg in die Verbannung Augenzeuge des Massakers der Osmanen, dem zwei Millionen seiner Landsleute zum Opfer fielen. Seitdem komponierte der 1869 geborene Klassiker der armenischen Musik keine einzige Note mehr und verbrachte die verbleibenden zwanzig Jahre bis zu seinem Tode 1935 in halb-autistischer Selbstbeschränkung in psychiatrischen Kliniken im Ausland. Im Film durchwandert Komitas die verlorengegangenen Welten der Erinnerung an einstige Zeugen der armenischen Kultur, während in den wiederholt eingeflochtenen Szenen im Hospital die Zeit selbst zum Stillstand gekommen zu sein scheint.

Weit entfernt von einer konventionellen Künstlerbiografie konzentriert sich das den Opfern des Völkermordes gewidmete Werk auf einige wenige Andeutungen und Assoziationen. wenn beispielsweise auf den späteren Rachemord an Großwesir Talaal Pascha, den Organisator des Genozids, mit den Worten verwiesen wird: "Du weißt, daß sie ihn erschossen haben, auf offener Straße in Berlin. ein ganz junger Bursche hat es getan." Im geheimnisvollen Zusammenspiel von spiritueller und sichtbarer Realität, der ihm eigenen Verschlossenheit und gelegentlichen Verstiegenheit nimmt der im Exil in Berlin lebende Armenier Don Askarian Methode und Motive seines Films "Avetik" (fd 30 505) vorweg. Jede einzelne der insgesamt zwölf Episoden, die Lebens- und Zeitbild nicht-linear ineinanderblenden. beeindruckt in ihrer suggestiven Bildschönheit, in ihrer Häufung - zusammen mit dem deklamatorischen Dialog - verraten sie jedoch zugleich einen gewissen Hang zum Gesuchten. Wiederholt kehrt die Kamera an vertraute Schauplätze zurück und schwenkt in extremer Verlangsamung über den vorgegebenen Rahmen hinaus, um ähnlich dem selektiven Gedächtnis bislang verborgene Verbindungslinien aufzuspüren. Obsessiv wird dabei eine Überfülle von Metaphern zu rätselhaften Tableaus aneinandergereiht. Schwermütige Reminiszenzen an eine christliche Ikonographie, die auf Dauer gerade in ihrer ausgeklügelten Kunstfertigkeit an unmittelbarer Überzeugungskraft einbüßen. Ein spürbarer Mangel, der zum forcierten Gestus weihevoller Beschwörung (ver)führt. Fragwürdig muß darüberhinaus die latente Verklärung es eigenen Schicksals zum Martyrium eines historischen Verhängnisses erscheinen, das im Lichte eines einseitigen Geschichtsbildes vor der schwierigen Gegenwart resigniert. Damit verfällt der ernsthafte Versuch eines filmischen Requiems für das armenische Volk zunehmend in autobiografisches Pathos an der Grenze zu melancholischer Posse.
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