W.E. (2011)

Biopic | Großbritannien 2011 | 119 Minuten

Regie: Madonna

Die skandalträchtige Liebe des britischen Königs Edward VIII., der 1936 auf seinen Thron verzichtete, um die Amerikanerin Wallis Simpson heiraten zu können, wird mit der Geschichte einer unglücklich verheirateten New Yorkerin der 1990er-Jahre verbunden, die in den Bann dieser großen Romanze gerät. Die Parallelisierung will hinter dem Glamour des einstigen Skandals die menschlichen Seiten freilegen, die den Schicksalen "normaler" Menschen an Schattenseiten in nichts nachstehen. Der beherzt inszenierte Film berauscht sich an Kostümen und der Ausstattung, wobei er der königlichen Liebesgeschichte nahezu moderne Aspekte abgewinnt; die aktuelle Kontrastfolie hingegen wirkt oberflächlich und klischeehaft. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
W.E.
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2011
Regie
Madonna
Buch
Madonna · Alek Keshishian
Kamera
Hagen Bogdanski
Musik
Abel Korzeniowski
Schnitt
Danny Tull
Darsteller
Abbie Cornish (Wally Winthrop) · Andrea Riseborough (Wallis Simpson) · James d'Arcy (Edward) · Oscar Isaac (Evgeni) · Richard Coyle (William Winthrop)
Länge
119 Minuten
Kinostart
21.06.2012
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Biopic | Liebesfilm

Heimkino

Verleih DVD
Senator/Universum (16:9, 1.78:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Senator/Universum (16:9, 1.78:1, dts-HDMA engl./dt.)
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Diskussion
Es war ein märchenhafter Liebesbeweis: der Verzicht auf ein ganzes Königreich. Edward VIII. war die Liebe zu Wallis Simpson wichtiger als das Commonwealth. Kaum dass er den britischen Thron bestiegen hatte, dankte er 1936 lieber wieder ab, als von seinen Heiratsplänen mit der zweifach geschiedenen Amerikanerin zu lassen. Dieser liebestolle Entschluss hat seinen Nachruhm nicht befördert: In „The King’s Speech“ (fd 40 315), der den nachfolgenden Regenten ins allerbeste Licht rückte, dienten die Kurzauftritte Edwards als negative Kontrastfolie. Immerhin, so mag man meinen, war dieser Bruder Leichtfuß von einer romantischen Leidenschaft beseelt, die man sich konsequenter kaum vorstellen kann. Genau diesen Gedanken behandelt „W.E.“ nun wie eine Hypothese, die es zu überprüfen gilt. „Manche Leute nannten es die größte Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts“, lautet der erste Satz, den man hört – wobei einige Zeit verstreicht, bis klar wird, dass es sich um den Off-Kommentar einer Fernsehdokumentation handelt, die sich die Protagonistin Wally im Jahr 1997 anschaut. Im weiteren Verlauf von Madonnas zweiter Regiearbeit fragt sich Wally, die unglückliche Ehefrau eines New Yorker Arztes, wie es sich wohl anfühlen mag, so sehr geliebt zu werden wie einst Wallis Simpson. Im letzten Akt erfährt sie aus einem Brief, der sich in deren Nachlass findet, die vielsagende Antwort: „Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schwer es ist, die größte Romanze des Jahrhunderts auszuleben.“ Nein, man kann es sich wirklich nicht vorstellen. Genau darin liegt der Reiz des Dramas, auch wenn man sich sehr wohl vorstellen mag, dass eine subtilere Regisseurin das Thema weniger explizit ausbuchstabiert hätte. Nachdem Edward für Wallis Simpson die Krone geopfert und sie dieses Opfer angenommen hatte, ödeten sich die beiden in der Folge offenbar schrecklich an. Als ehemalige Nazi-Sympathisanten traten sie 1945 in den frühen Ruhestand – und taten fortan gar nichts mehr. Ihre Lebensleistung bestand darin, die exquisitesten Garderoben angeschafft zu haben, die für Geld zu kaufen waren. All die herrlichen Klamotten kamen, neben viel Edelmetall, 1997 posthum unter den Hammer, und diese New Yorker Auktion stellt Madonna ins Zentrum ihrer Handlung. Die millionenträchtigen Bietergefechte animierten sie zu ihrem besten Regieeinfall, wenn sie den verschwenderischen Überschwang im Auktionssaal in Zeitlupe mit einer dekadenten Party Wallis Simpsons parallel montiert und aus dem Off mit „Pretty Vacant“ von den Sex Pistols kommentiert. Vor allem bietet das Event die Gelegenheit, den Fetischismus zu beleuchten, der Wallys Faszination für die berühmt-berüchtigte Wallis zugrunde liegt. Diese Faszination steht offenbar sinnbildlich für das weit verbreitete Anhimmeln von Celebrities, mit dem Madonna nur zu gut vertraut ist. In ihrer etwas plumpen Art gipfelt die Inszenierung darin, dass Wallis der Protagonistin als Fantasiegestalt begegnet und empfiehlt: „Get a life!“ Das scheint Madonna auch vampiristischen Fans empfehlen zu wollen: Lebt euer eigenes Leben! Unseres ist nämlich, inmitten all des Luxus, genau so trist wie das eure. Allerdings untergräbt die Erzählstruktur, die Wallys Ehekrise etwas ungelenk mit schlaglichtartigen Impressionen aus Wallis’ ersten Ehen sowie aus den frühen Jahren mit Edward verschachtelt, diese erbauliche Botschaft. Ganz gleich, wie angeödet Wallis schließlich gewesen sein mag: Wallys Leben wirkt ungleich langweiliger, selbst als sie einen Flirt mit einem Wachmann des Auktionshauses beginnt. Das liegt daran, dass die Elemente dieses Handlungsstrangs so klischeehaft sind: der verzweifelte Kinderwunsch; der untreue, prügelnde Ehemann; die sensible „russische“ Seele des eingewanderten Wachmanns. Vor allem aber liegt es daran, dass jedes Mal, wenn Wallis Simpson auf der Leinwand erscheint, ihre Darstellerin Andrea Riseborough ein herbes Charisma versprüht, das Abbie Cornishs trübsinnige Wally sogleich hoffnungslos überstrahlt. Da ahnt man, dass das Leben von Celebrities, sei es Wallis Simpson oder Madonna, im Kern doch glanzvoller ist als das unsere – selbst wenn diese sich ebenso leer fühlen mögen wie wir.
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