Am Kölnberg

Dokumentarfilm | Deutschland 2014 | 89 Minuten

Regie: Laurentia Genske

Dokumentarfilm über vier Menschen, die in dem südlich von Köln gelegenen Hochhaus-Komplex „Auf dem Kölnberg“ wohnen, einem sozialen Brennpunkt mit rund 4.000 Menschen aus 60 verschiedenen Nationen. Er begleitet sie in ihrem Alltag und zeigt die Folgen existenzieller Erschütterungen, ohne sich dabei in Tristesse oder in wohlfeiler Anklage zu ergehen. Vielmehr macht die unaufgeregt-leise und doch intensive Studie eindrucksvoll eine von den Medien nahezu gänzlich ausgeblendete Wirklichkeit transparent. - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2014
Produktionsfirma
Kunsthochschule für Medien Köln
Regie
Laurentia Genske · Robin Humboldt
Buch
Laurentia Genske · Robin Humboldt
Kamera
Laurentia Genske · Robin Humboldt
Schnitt
Carina Mergens
Länge
89 Minuten
Kinostart
12.03.2015
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Externe Links
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Heimkino

Verleih DVD
Real Fiction (16:9, 1.78:1, DD5.1 dt.)
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Dokumentarfilm über Menschen in der Plattenbausiedlung "Am Kölnberg" südlich von Köln.

Diskussion
Der Kölnberg, sagt Sabrina, sei ein kleines Universum, jede Wohnung ein eigener Planet. „Und dann gibt es noch die Kometen, die hier aggressiv durch die Gegend tingeln und andere schlagen...“ Sabrina lebt seit langem in einem der neun Hochhäuser am südlichen Rand von Köln. In den 1970er-Jahren auf dem platten Acker errichtet, mit weitem Blick übers Land, hat sich die Siedlung längst zum sozialen Brennpunkt entwickelt. In ihren Plattenbauten wohnten 2013 rund viertausend Männer, Frauen und Kinder aus sechzig verschiedenen Ländern; unter den Deutschen sind viele Gestrauchelte und Gestrandete. So wie Sabrina, die sich selbst als „Junkie-Hure“ bezeichnet und sich ein Leben ohne Kokain nicht mehr vorstellen kann. Crack, um wach und fit zu bleiben für den auf der Straße angebotenen Sex im Zwanzig-Minuten-Takt. In dem an der Kölner Kunsthochschule für Medien entstandenen Dokumentarfilm „Am Kölnberg“ porträtieren Laurentia Genske und Robin Humboldt vier Bewohner der Siedlung. Neben Sabrina zeigt der Film einen Alkoholiker, der sich schließlich für den Umzug in ein Heim für betreutes Wohnen entscheidet, eine resolute Hundefrau, die noch immer von einem lange zurückliegenden Urlaub auf Jamaika träumt, und eine alleinstehende Dame aus schlesischem Adelsgeschlecht, die seit dem Einzug ihre vier Wände nicht mehr verlässt; drinnen hat sie sich ein Refugium aus Erinnerungsstücken und Kunstgegenständen geschaffen. Gelegentlich begleiten Genske und Humboldt ihre Figuren aus den Wohnungen hinaus, etwa zu einer Ausgabestelle für Lebensmittel oder auf die naheliegenden Äcker, wo Spargel und Kohl wachsen. In knappen Intermezzi beobachtet der Film Kinder und Jugendliche vorwiegend aus Migrantenfamilien, die zwischen den Häusern herumstehen, tanzen und albern. Obwohl „Am Kölnberg“ keinen Zweifel daran lässt, dass viele der Bewohner existenziellen Erschütterungen ausgesetzt und glückhafte Lebensumstände eher selten sind, ergehen sich die Regisseure weder in Tristesse noch in einer wohlfeilen Anklagehaltung gegenüber den Figuren oder der Gesellschaft. Respektvoll und ernsthaft werden Partikel der einzelnen Lebensgeschichten in alltägliche Skizzen gestreut; was die vier Protagonisten nicht vor der Kamera erzählen wollen, wird auch nicht durch Fragen hervorgelockt und schon gar nicht durch einen alles wissenden, alles erklärenden Kommentar ausgebreitet. „Am Kölnberg“ wirkt nüchtern und dennoch zärtlich; dass beim Balanceakt des Lebens oftmals nur eine Kleinigkeit genügt, um ins nächste schwarze Loch abzustürzen, ist auch der sensiblen Kamera bewusst. Sie nimmt das unabänderliche Zittern des Alkoholikers beim Griff nach der Bierflasche genau so wahr wie die tiefe Müdigkeit der auf ihrer Couch zusammengesunkenen Sabrina. Und es gelingt ihr, den gebändigten Zorn der schlesischen Freifrau fast physisch erfahrbar zu machen, wenn deren behütetes Refugium durch beständige hämmernde Basstöne aus einer der Nachbarwohnungen gestört wird. Hier wie in anderen Szenen bevorzugt der Film halbtotale Einstellungen, ermöglicht eine Korrespondenz zwischen den Figuren in ihrem konkreten Wohnumfeld. Einmal erzählt die „Schlesierin“, die keinerlei Wert auf ihre Titel legt, von der Flucht ihrer Familie am Ende des Zweiten Weltkriegs. Damals war sie Kind, und sie habe sich gewundert, dass von den Trecks dauernd Puppen geworfen wurden. Später erfuhr sie, dass es keine Puppen waren, die im hohen Bogen in den Schnee flogen, sondern erfrorene Babys. Wer genau hinhört und hinsieht, wird in den Erzählungen des Films und in den Gesichtern der Figuren manche solcher Geschichten entdecken. In deutschen Hochglanzzeitschriften kommen diese Abgründe nicht mehr vor, und auch im Fernsehen nur selten, mit Ausnahme der obligaten, dramatisch aufgeheizten Krimis. Gut also, dass es leise, unaufgeregte und doch intensive Dokumentarfilme wie „Am Kölnberg“ gibt, die eine von den Medien fast vollkommen ausgeblendete Wirklichkeit transparent machen.
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