On the Beach at Night Alone

Drama | Südkorea 2017 | 101 Minuten

Regie: Hong Sang-soo

Eine erfolgreiche koreanische Schauspielerin verlässt nach einer gescheiterten Liebesbeziehung ihre Heimat, kehrt dann aber bald aus Hamburg wieder zurück. Doch auch dann kann sie die innere Distanz zu ihrer Umwelt nicht überwinden. Ihre Suche nach sich selbst und nach einem Ziel weicht einer diffusen Dynamik aus Eifersüchteleien, verletzten Eitelkeiten und wechselnden personellen Konstellationen. Der von Regisseur Hong Sang-Soo mit langen, beobachtenden Passagen gedrehte Film kreist intensiv um die von der Hauptdarstellerin kongenial verkörperte Figur einer Ruhelosen, die im unsteten Ausfransen von Lebenssituationen ihren eigenen Weg findet. Ein grandioser Film über das Innehalten und eine Neugier abseits aller vorgeformten Pfade.

Filmdaten

Originaltitel
BAMUI HAEBYUN-EOSEO HONJA
Produktionsland
Südkorea
Produktionsjahr
2017
Regie
Hong Sang-soo
Buch
Hong Sang-soo
Kamera
Kim Hyung-koo · Park Hong-yeol
Schnitt
Hahm Sung-won
Darsteller
Kim Min-hee (Young-hee) · Seo Young-hwa (Jee-young) · Jeong Jae-yeong (Myung-soo) · Moon Sung-keun (Sang-won) · Kwon Hae-hyo (Chun-woo)
Länge
101 Minuten
Kinostart
25.01.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Drama
Diskussion

Während eines Spaziergangs mit ihrer Freundin Jee-young bleibt Young-hee plötzlich vor einer Holzbrücke im Park stehen, kniet nieder und kauert für einige Sekunden auf dem Boden. Dann steht sie auf und schließt sich wieder der am anderen Brückenende wartenden Jee-young an. Die fragt sie wenig später, was es mit dieser Geste auf sich gehabt habe. Young-hee antwortet: „Ich wollte einfach, bevor ich über die Brücke gehe, herausfinden, wer ich wirklich bin.“

In gewisser Weise fasst sie damit den ganzen Film zusammen: „On the Beach at Night Alone“ handelt von einer Selbstbefragung. Young-hee, eine erfolgreiche Schauspielerin, ist durch eine Affäre mit einem verheirateten Regisseur zwar nicht gerade in eine Lebenskrise geraten, aber sie scheint sich seither doch in einer Art Limbo zu befinden. In einem Zustand des Aufschubs, der bei Licht betrachtet vielleicht gar nicht so viel zu tun hat mit der nicht allzu glücklich verlaufenden Liebesgeschichte. Zwar erwähnt Young-hee im ersten Teil des Films, der in Hamburg spielt, immer mal wieder, dass sie auf den Regisseur warte, aber ihr Leben und Denken richtet sie keineswegs an ihm aus. Stattdessen unternimmt sie gemeinsam mit Jee-young lange Passagen durch die Straßen und Parks der Großstadt, oder sie lässt sich in einem Buchladen eine Klavierkomposition vorspielen. Die Gespräche, die die beiden führen, drehen sich nur selten um Männer; eher geht es um dialogische Introspektion: Wo bin ich, und wohin möchte ich von hieraus gehen?

Ungefähr nach einer halben Stunde landet der Film zum ersten Mal, seinem Titel gemäß, an einem Strand. Und wechselt gleich darauf unvermittelt nach Korea. Young-hee nimmt mit Bekannten Kontakt auf, und sieht sich bald wieder mit Eifersüchteleien und verletzten Eitelkeiten konfrontiert, mit impliziten sozialen Zwängen, vor denen sie in Hamburg einigermaßen sicher war. Young-hee ist in ihr Heimatland zurückgekehrt, doch das heißt eben nicht, dass sie zuhause, in einem sicheren Hafen angekommen ist. Ganz im Gegenteil springt jetzt erst recht die Distanz ins Auge, die die junge Frau von ihrer Umgebung trennt. Genauer kann man sie als eine „loose cannon“ beschreiben, als eine unsichere Kantonistin. Während der langen Gespräche beim gemeinsamen Trinken mit Bekannten, aus denen die zweite Filmhälfte zu weiten Teilen besteht, bleibt sie unberechenbar. In einem Moment scheint sie sich scheu in sich selbst zurückzuziehen, im nächsten beginnt sie agitiert und leicht überdreht zu flirten, nur um gleich darauf wütend zum Angriff überzugehen, ohne dass man so recht sagen könnte, was der Anlass für ihren Wutausbruch ist.

Vielleicht, weil es gar keinen äußerlichen Anlass gibt, sondern nur einen innerlichen. Denn nach wie vor will Young-hee herausfinden, wer sie eigentlich ist. Die verhältnismäßige Klarheit der Suchbewegung im ersten Filmabschnitt weicht allerdings einer weitaus diffuseren, komplexeren Dynamik. Die Fragen, die Young-hee im ersten Filmabschnitt sich selbst stellt, werden im zweiten keineswegs beantwortet; vielmehr werden sie verkompliziert, opaker, verweisen auf eine grundlegende Orientierungslosigkeit. Wo ihr fast ununterbrochenes Beisammensein mit Jee-young dem ersten Filmabschnitt eine zielgerichtete Klarheit verschafft, wird Young-hee im zweiten Abschnitt mit immer neuen personellen Konstellationen konfrontiert. Einmal deutet sich, als möglicher Ausweg aus dem Männerunglück, eine lesbische Beziehung an, aber auch das ist nicht von Dauer; Young-hee driftet mal hierhin, mal dorthin, einmal sogar in einen Traum. Vielleicht aber ist gerade dieses Zerfasern und Ausfransen für sie eine Art Ausweg aus dem eigenen Gedankengefängnis.

Zwei ungleiche, auch ungleich lange Hälften, die kein Ganzes ergeben, die sich aber doch zueinander verhalten, ineinander spiegeln, einander kommentieren. Das ist eine Erzählstruktur, die in den Filmen des koreanischen Regisseurs Hong Sang-soo immer wieder auftaucht. Wie Hong überhaupt zu jenen Filmemachern zu gehören scheint, die – auf den ersten Blick – immer wieder denselben Film drehen. Doch auch wenn sich alle Arbeiten Hongs um zumeist unglücklich verlaufende Liebesgeschichten und Neurosen von Männer und Frauen aus dem Künstlermilieu drehen, und obwohl sich sogar einzelne Szenen, insbesondere die stets in langen, ungerührt beobachtenden Einstellungen mitgefilmten Besäufnisse, von Film zu Film zu wiederholen scheinen, steht doch jedes einzelne Werk für sich. So hat es vor „On the Beach at Night Alone“ keinen Hong-Film gegeben, der sich derart intensiv auf eine einzelne Figur und auf eine einzelne Schauspielerin einlässt.

„On the Beach at Night Alone“ ist komplett um Kim Min-hee herumgebaut, um ihre gleichermaßen seelenruhige und ruhelos-dynamische Präsenz, die in jede einzelne Szene eine innere Spannung hineinträgt. In diesem Fall spielt auch das Wissen um die Affäre Hongs mit seiner Hauptdarstellerin im echten Leben mit hinein. In Korea war das, vor allem aufgrund von Kim Min-hees Bekanntheit, ein Thema für die Yellow Press, und der Film ist offensichtlich auch als Bearbeitung dieser Vorkommnisse angelegt. Das beginnt damit, dass Hong im Jahr 2016, nachdem Details über die Beziehung an die Öffentlichkeit geraten waren, nach Hamburg floh, genau wie im Film Young-hee. Dennoch ist es keineswegs ein autobiografischer Film, was man schon daran merkt, dass Hong seine „eigene“ Rolle fast komplett aus der Anordnung herausstreicht. Der Regisseur, auf den Young-hee zunächst in Hamburg wartet, wird zwar gelegentlich in Dialogen erwähnt; bisweilen wird sein baldiges Kommen angekündigt, aber zunächst taucht er ewig nicht auf, und wenn er es schließlich doch tut, dann führt das gerade nicht zu einer Katharsis, sondern nur auf einen weiteren Holzweg, den Young-hee schnell hinter sich lässt.

Was bleibt am Ende? Vor allem Bilder des Innehaltens, der Suspension: Young-hee, wie sie vor einer Brücke kauert, wie sie zärtlich eine Blume streichelt, wie sie in sanfter Ermattung im Sand liegt; oder auch, wie sie allein im Kino sitzt, aufmerksam und neugierig auf die Leinwand blickend, auf Bilder, die nur sie selbst etwas angehen.

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