Winston Churchill (1874-1965) gilt zumindest in Großbritannien auch heute noch als der bedeutendste Politiker des Vereinigten Königreichs. Der Abspann von „Churchill“ wagt sogar die Behauptung, dass er „der größte Brite aller Zeiten“ gewesen sei. Bislang hatte man eigentlich Shakespeare dafür gehalten, zumal Churchill wegen desaströs geplanter Schlachten im Ersten Weltkrieg und einer arroganten Kolonialpolitik zumindest als umstritten gelten darf. Als Premierminister aber avancierte Churchill während des Zweiten Weltkriegs zum Symbol des Durchhaltewillens der britischen Bevölkerung. Unvergessen ist seine „Blood, Toil, Tears and Sweat“-Rede, mit der er die Briten gegen die Nazis einschwor. Dass dieser Mann einmal an sich, seinen Entscheidungen oder Vereinbarungen mit anderen zweifeln könnte, hätte ein schönes Spannungsfeld abgeben können, zumal im Januar 2018 mit Joe Wrights „Darkest Hour“ ein Film in die Kinos kommt, der das Augenmerk auf den Beginn des Zweiten Weltkriegs lenkt, während es in „Churchill“ um das Ende geht. Es wird interessant sein, beide Filme zu vergleichen und die Verbindungspunkte zu entdecken.
Juni 1944. Die Alliierten haben unter dem Oberkommando des US-amerikanischen Generals Dwight D. Eisenhower die Invasion der Normandie beschlossen. 250.000 Soldaten sollen dort landen und Frankreich befreien. Dem britischen Premierminister Winston Churchill allerdings gefallen diese Pläne nicht. Die Verluste, bestimmt mehr als 20.000 Mann, seien zu hoch, der Erfolg sei nicht garantiert. Obwohl er nicht eingeladen ist, fährt er zu einem Treffen von General Eisenhower und King George VI. und trägt seine Bedenken vor. Eisenhower lässt ihn kühl abblitzen. Churchill muss die deprimierende Erfahrung machen, dass er trotz seiner Verdienste um das Vereinigte Königreich hier nicht das Sagen hat. Das hindert ihn allerdings nicht daran, in den folgenden Tagen eigene Pläne auszuarbeiten.
Die Bedeutung des D-Day hat Churchill nicht erkannt; er fühlt sich von den Militärs in den Hintergrund gedrängt und fürchtet um seine Bedeutung als Staatsmann. Darin liegt für Regisseur Jonathan Teplitzky die eigentliche Tragik dieses Mannes. „Churchill“ will deshalb kein Heldenepos sein, und ist trotzdem eines, weil hier Schwächen in Stärken und Fehler in Tugenden verwandelt werden. Denn der Mythos von Churchill, das beweist seine Rede am Ende, wird nicht angetastet. Teplitzky greift in der Psychologisierung der Titelfigur gleichwohl zu kurz. Zu Beginn ist Churchill am Strand zu sehen. Er blickt aufs Meer hinaus, in Gedanken versunken. Der Premierminister erinnert sich an den Ersten Weltkrieg, als eine von ihm geplante Offensive scheiterte und viele Menschenleben kostete. Dann fliegt sein Hut ins Wasser, das sich rot gefärbt hat; seine Frau Clementine kommt hinzu und erkundigt sich nach seinem Befinden. Eine an sich einleuchtende Motivierung wird durch eine plakativ-pathetische Inszenierung unterlaufen, das Offensichtliche wird betont, das Eindeutige noch einmal erklärt. In etwas zu gewollten Einschüben beschreibt die Inszenierung die Auswirkungen der politischen Probleme auf Churchills Privatleben; in der Ehe kriselt es. Einmal sieht man ihn sogar weinen, ein anderes Mal betet er um schlechtes Wetter, das die Invasion verhindern soll. Menschelnde Szenen, die einer Verklärung des Politikers gleichkommen.
Churchills innere Zerrissenheit spiegelt der Film, eher unglücklich denn erhellend, in der Nebenfigur einer Sekretärin, die ihn zunächst glühend verehrt, dann unter seinen Wutanfällen leidet, später aber mit ihrer eigenen Geschichte an seine primäre Aufgabe erinnert und ihn wieder zum Handelnden macht. Kitsch und Sentimentalität prägen diese Szenen, eine Schwäche, die durch Brian Cox’ eindimensionale Darstellung des Premierministers noch verstärkt wird. Mit dickem Pinselstrich zeichnet der schottische Schauspieler einen schlechtgelaunten Mann, der, vorgebeugt und mit schleppendem Gang, stets eine Zigarre oder ein Glas Sherry in der Hand hält und seine Umwelt mit Flüchen und Weisheiten traktiert. Dass Churchill „der größte Brite aller Zeiten“ sei, sieht man in diesem Film nicht.