Big Little Lies

Drama | USA 2017/2019 | 356 & 333 (je sieben Episoden, Staffel 1 & 2) Minuten

Regie: Jean-Marc Vallée

Eine neu in die kalifornische Kleinstadt Monterey gezogene junge Frau reißt unfreiwillig verborgene Gräben in der Gemeinschaft auf, als ihr Sohn beschuldigt wird, ein Mädchen gewürgt zu haben. Dessen spießbürgerliche Mutter läuft Sturm und gerät darüber mit einer ebenso aufgeschlossenen wie engagierten Frau auseinander, die sich auf die Seite der Neueingetroffenen stellt und ihre Freundin, eine frühere Anwältin, mobilisiert. Damit wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die in einer Gewalttat bei einer Benefizgala kulminiert. Miniserie, die sich als lange Rückblende entfaltet. Das umfassende Kleinstadtporträt enthüllt schrittweise die Leichen in den Kellern der Küsten-Bungalows und glänzt mit bissigen Dialogen und einem bemerkenswerten Darsteller-Ensemble. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
BIG LITTLE LIES
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017/2019
Regie
Jean-Marc Vallée · Andrea Arnold
Buch
David E. Kelley · Liane Moriarty
Kamera
Yves Bélanger · Jim Frohna
Schnitt
David Berman · Maxime Lahaie-Denis · Sylvain Lebel · Jim Vega · Justin Lachance
Darsteller
Reese Witherspoon (Madeline Martha Mackenzie) · Nicole Kidman (Celeste Wright) · Alexander Skarsgård (Perry Wright) · Shailene Woodley (Jane Chapman) · Laura Dern (Renata Klein)
Länge
356 & 333 (je sieben Episoden, Staffel 1 & 2) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Krimi | Literaturverfilmung | Mystery-Film

Heimkino

Verleih DVD
Warner (16:9, 1.78:1, DD5.1 engl./dt.)
Verleih Blu-ray
Warner (16:9, 1.78:1, dts-HDMA engl./dt.)
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Ist es ein Mord, ein Unfall? Oder ist gar nichts von Belang passiert, außer der üblichen Paranoia, die Monterey, Kalifornien befällt, wenn sich wieder einmal irgendein Getuschel verselbstständigt und die Anwälte noch reicher macht, die in dieser Kleinstadt der Millionäre ihr gutes Auskommen haben? Dabei fängt alles wunderbar harmonisch an: Am ersten Schultag bringen die Eltern ihre kleinen Schützlinge mit ihren SUVs in die Obhut der in allen Belangen vorbildlichen Pädagogen.

Diskussion

Brillante, in einen Psychothriller gegossene Groteske über fünf Upperclass-Frauen aus einem kalifornischen Küstenstädtchen.

Staffel 1

Ist es ein Mord, ein Unfall? Oder ist gar nichts von Belang passiert, außer der üblichen Paranoia, die Monterey, Kalifornien befällt, wenn sich wieder einmal irgendein Getuschel verselbstständigt und die Anwälte noch reicher macht, die in dieser Kleinstadt der Millionäre ihr gutes Auskommen haben? Dabei fängt alles wunderbar harmonisch an: Am ersten Schultag bringen die Eltern ihre kleinen Schützlinge mit ihren SUVs in die Obhut der in allen Belangen vorbildlichen Pädagogen. Die Sonne scheint wie immer, und Jane Chapman (Shailene Woodley) wird ein neuer Teil der Sonnenscheingesellschaft. Sie ist Alleinerziehende; das aktiviert das „Harmonie-Gen“ von Madeline Martha Mackenzie (Reese Witherspoon) und provoziert die Muster-Hausfrau und Mutter zur totalen Integrationsoffensive.

All die kleinen monströsen Geheimnisse und Lügen

Es dauert nicht lange, bis Jane und ihr Sohn Ziggy in den Kreis der Beste-Freunde-Clique um Madeline und Celeste Wright (Nicole Kidman) aufgenommen sind. Die Herzlichkeit wäre erdrückend, wäre da nicht die schreckliche Vergangenheit, die aus der selbstbewussten Jane eine Flüchtende gemacht hat, die sich nach überbordender Herzlichkeit sehnt. Alles wäre gut, wäre da nicht Renata Klein (Laura Dern), die mit ihrer Pedanterie und ihrer Spießbürgerlichkeit einen Keil in die paradiesische Eintracht schlägt. Und dann sind da noch die Leichen in den anderen Kellern der Küsten-Bungalows: die chronische Gewalt, die bei den Wrights zu Hause ist, die Affäre mit dem Theaterregisseur, die Madeline irgendwann das Genick brechen könnte, die ungeheuerlichen Anschuldigungen, die Ziggy in der Schule zum Problemfall machen.

Es sind all die kleinen monströsen Geheimnisse und Lügen, die spätestens bei der finalen Benefiz-Gala der siebten Folge dafür sorgen, dass die Idylle implodiert. 14 Nominierungen und sieben Preise räumte die Serie „Big Little Lies“ von Autor David E. Kelley und Regisseur Jean-Marc Vallée („Dallas Buyers Club“) bei der „Emmy“-Verleihung ab. Das Schauspieler-Ensemble trumpft mit weltberühmten Namen auf; die Literaturvorlage der australischen Autorin Liane Moriarty schaffte es an die Spitze der „New York Times“-Bestsellerliste.

Eine formal überragende Thriller-Geschichte

Überragend ist die Serienadaption nicht zuletzt auch dank der formalen Brillanz der Thriller-Geschichte im Gewand einer Sozialsatire, die sich als lange Rückblende entfaltet, in der schlaglichthaft die Zeugenaussagen einer vermeintlichen Katastrophe aufblitzen. Das, was in den letzten Minuten des siebten Teils passieren wird, bleibt bis dahin im Dunkeln. Alles ist möglich. „Frauen sind von der Chemie her außer Stande, zu verzeihen!“, ist eine der Aussagen, die man von den „ehrenwerten“ Zeugen zu hören bekommt. In der absurden Welt von Monterey wirkt ein solches Statement plötzlich gar nicht mehr als Provokation. Eines stimmt indes auf jeden Fall: Frauen sind die besten Geheimnisträger.

In „Big Little Lies“ sind es immer wieder die großartigen, verteufelten Details, die staunen machen. So die exzeptionelle Musikauswahl, die nicht zuletzt über die Figur der sechsjährigen Chloe, die Tochter von Madeline, beziehungsweise deren iPod und ihre Playlists in die Serie eingebaut ist und das emotionale Tuning bestimmt. Solche Inszenierungsdetails machen aus der Story um häusliche Gewalt, Neid, Missgunst und die Dekadenz reicher Leute ein atemberaubendes Mysterien-Spiel, in dem das Rolling-Stones-Cover von „You can’t always get what you want“ mindestens so viel sagt wie die wunderbaren, bissigen, tragischen und ins Mark treffenden Dialoge.

Staffel 2

„So tot er auch ist, ich glaube, ich bin noch toter!“ Celeste (Nicole Kidman) ist nicht die Einzige, die mit dem Ableben ihres Mannes Perry ungeahnte Probleme hat. Perry war zwar ein Monster und er hat das Leben seiner Familie, vor allem das von Celeste, zur Hölle gemacht. Aber ihn deshalb gleich umbringen?

Was an diesem Abend bei der Party wirklich geschah, hat die erste Staffel von „Big Little Lies“ zu ergründen versucht. An deren Ende lag Perry mit gebrochenem Genick unten an der Treppe, und Celeste, Madeline (Reese Witherspoon), Bonnie (Zoe Kravitz), Renata (Laura Dern) und Jane (Shailene Woodley) blickten auf ihn herab. Verächtlich, geschockt, befreit…

„Ihnen fehlt der Krieg, Celeste!“, resümiert ihre Psychotherapeutin (Robin Weigert) nach einer der langen Sitzungen nach Perrys Tod. Sie sei an der chronischen Gewalt ihres Mannes fast zerbrochen, aber sie habe es auch als Vorspiel für ihre sexuellen Abenteuer geschätzt. Sie habe Perry geliebt; als fürsorglichen Vater ihrer beiden Söhne, als Liebhaber, aber nicht als Mensch. Als solchen hat Celeste ihn gehasst.

Die „Monterey Five“ finden keine Ruhe

„Monterey Five“ nennen sich die fünf Freundinnen, allesamt Mütter und im besten Alter, die ihren Lebenstraum in finanzieller Sorglosigkeit verwirklichen könnten. Doch Geld ist bekanntlich nicht alles: Eine von ihnen ist eine Mörderin, und die vier anderen decken sie! So endete die erste Staffel von „Big Little Lies“. Aber das Quintett hat mehr zu fürchten als Detective Adrienne Quinlan (Merrin Dungey), die ahnt, dass an dem Abend von Perrys Tod mehr als nur ein Unfall passiert ist. Alle haben ihre Leichen im Keller und ihre Familientragödien auszuhalten – als Täterinnen und Opfer.

Das ist das Thema der zweiten Staffel, die vor Augen führt, dass in dem kleinen Luxushort an der kalifornischen Sonnenküste etwas gehörig faul ist. So steht die energische Madeline vor dem Scherbenhaufen ihrer doch so perfekten Zweitehe, weil sie sich einmal nicht zurückhalten konnte und ihren Mann Ed (Adam Scott) betrogen hat. Renata, die sich als Frau an der Macht begreift, sieht ihren Lebenstraum vom immerwährenden Reichtum schwinden, weil ihr Mann Gordon (Jeffrey Nordling) mit windigen Spekulationen 16 Millionen Dollar Schulden aufgehäuft hat. Da ist Bonnie, die nach Perrys Tod von Gewissensbissen und Todesfantasien heimgesucht wird, welche die Beziehung zu ihrem Mann und vor allem aber zu ihrer Mutter Elizabeth schwer belasten. Auch Jane kämpft weiterhin mit Erinnerungen an Perry, die von einer Vergewaltigung geprägt sind, aber auch vom Glücksfall ihres Sohnes Ziggy (Ian Armitage), der als Folge dieses Ereignisses ihr Leben ungemein bereichert.

Meryl Streep als verbissene Schwiegermutter

Celeste aber hat die größte Bürde zu tragen: ihre Schwiegermutter Mary Louise (Meryl Streep). Sie ist nach Monterey gekommen, um zu trauern, aber auch, um Zweifel zu säen an den zu Protokoll gegebenen letzten Sekunden im Leben ihres Sohnes. „Es tut mir leid, wenn ich ihnen schon wieder auf die Nerven gehe...“ Mary Louise gehört zu den Menschen, die sich permanent entschuldigen, nur um dann umso befreiter genau damit fortzufahren.

In der zweiten Staffel von „Big Little Lies“ steht kein Mord im Mittelpunkt, sondern Mary Louise, die das ungesunde Klima in Monterey vollends verpestet. Die alte, gebrechliche, ebenso verbissene wie verschlagene Frau ist der Katalysator, der das Gift erst wirksam werden lässt. Sie ist es und nicht die Polizei, die das Gebirge aus Lügen und Selbstbetrug, hinter dem sich die „Monterey Five“ verschanzt haben, zum Bröckeln bringt.

Die Kunst von Regisseurin Andrea Arnold besteht darin, diese Gestalt auf dem schmalen Grat zwischen Hassfigur und einem menschlichen Wesen, das man durchaus verstehen kann, auszubalancieren. Meryl Streep ist dafür wie geschaffen und ein Glücksfall für den nach der ersten Staffel etwas entzauberten Plot von „Big Little Lies“. Sie sorgt dafür, dass die Figur nicht nur als Motor der Spannungsdramaturgie funktioniert, sondern auch als kantiger Charakter. Sie ist die perfekte Ergänzung in einer Riege eindrucksvoller Frauenfiguren, die trotz eines nicht ganz so virtuos strukturierten, auf klare Feindbilder setzenden Plots durchgängig fesselt.

Systemisch bedingter Wahnsinn

Der ganz normale Wahnsinn dieses materiell so privilegierten, aber von menschlichen Abgründen durchzogenen Kosmos eines US-amerikanischen Küstenstädtchens mag am Ende zwar kanalisiert und therapiert sein. Doch ganz geheilt ist er nie, weil er in dieser Welt des schönen Scheins geradezu systemisch bedingt ist. Das Glück macht weiterhin einen Bogen um Monterey – zum Vergnügen der Zuschauer, die dem Treiben aus der Ferne mit Genuß folgen.

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