Roman J. Israel, Esq. - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Drama | USA 2017 | 123 Minuten

Regie: Dan Gilroy

Ein mit autistischen Hemmungen und Begabungen ausgestatteter Strafverteidiger sucht nach dem Tod seines übermächtigen Partners einen neuen Job und die Möglichkeit, seinem jahrzehntelang unterdrückten sozialen Gewissen folgen zu können. Denzel Washington verleiht der Handlung in der Rolle des intelligenten Exzentrikers lange Zeit große Glaubwürdigkeit, bis der Film in seinem letzten Drittel am Übermaß seiner Konstruiertheit erstickt.

Filmdaten

Originaltitel
ROMAN J. ISRAEL, ESQ.
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Dan Gilroy
Buch
Dan Gilroy
Kamera
Robert Elswit
Schnitt
John Gilroy
Darsteller
Denzel Washington (Roman J. Israel) · Colin Farrell (George Pierce) · Carmen Ejogo (Maya Alston) · Lynda Gravatt (Vernita Wells) · Amanda Warren (Lynn Jackson)
Länge
123 Minuten
Kinostart
19.04.2018
Fsk
ab 6; f
Genre
Drama | Kriminalfilm
Diskussion

Der US-amerikanische Schauspieler Denzel Washington liebt überlebensgroße Rollen. Exzentriker vom Kaliber eines Strafverteidigers, der sich selbst anklagt, sind ihm gerade recht. Auch wenn er dafür ein paar Pfunde zulegen muss. Der Regisseur Dan Gilroy hat ihm die Figur des Roman J. Israel, Esq. auf den Leib geschrieben. Und Washington reichert sie mit einer Fülle von Absonderlichkeiten an, die den Anwalt auch auf dem reich bestückten Sektor des Justizfilms einmalig macht.

Autismus ist im Filmgeschäft immer mal wieder en vogue. Im amerikanischen Fernsehen feiert in der Serie „The Good Doctor“ ein blutjunger autistischer Arzt aktuell großen Erfolg. Warum also nicht auch einen mit autistischen Hemmungen und Begabungen überreich ausgestatteten Rechtsanwalt von Denzel Washingtons Gnaden?

Jahrzehntelang hat Roman in der Praxis eines bulligen Kollegen die zweite Geige gespielt. Er war es, der hinter den Kulissen und eingezwängt zwischen dickleibigen Wälzern die Argumente für die Plädoyers des Kollegen lieferte. Er wurde dafür schlecht bezahlt und musste sein soziales Gewissen oft hintanstellen. Die Luft außerhalb der altmodischen Kanzlei darf Roman erst atmen, als der übermächtige Partner im Sterben liegt. Jetzt bekommt er seine –zunächst unwillkommene – Chance, aus den Zwängen und dem Mief der Kanzlei auszubrechen. Zum ersten Mal kann er sich selbst und seinen moralischen Zweifeln an der Anwalts- und Gerichtspraxis treu bleiben. Mit einem klobigen Aktenkoffer in der Hand zieht er los, um einen neuen Job zu finden. Aber einem Mann in ausgeleierten Anzügen, der Erdnussbutterbrote in sich hineinschlingt und mit seinem romantischen Glauben an eine Reform des Rechtssystems nicht hinter dem Berg hält, fällt es schwer, wieder Fuß zu fassen. So landet er gleichzeitig in einer schwerreichen Kanzlei, wo man sein enzyklopädisches Wissen auszunutzen versteht, und bei einer Bürgerrechts-Organisation, wo er mit seinem altmodischen Denken als „bevormundend“ aneckt.

Bis dahin ist der Film ein fesselndes Porträt eines außergewöhnlichen Charakters, der sich trotz all seiner Begabungen in der Welt nicht durchsetzen kann, dessen Vereinsamung sogar von den paar Gutwilligen nicht aufgebrochen werden kann und der beständig Gefahr läuft, buchstäblich unter die Räder zu kommen. Romans plötzlicher Versuch jedoch, sich selbst und seine Überzeugungen durch einen geradezu infamen Akt des beruflichen und privaten Verrats in eine scheinbare Anpassung an die Welt der anderen zu verwandeln, wird auch durch Washingtons darstellerische Bemühungen nicht glaubhafter.

Um einer philosophischen Pointe willen verirrt sich der Film im letzten Drittel in eine konstruierte Hollywood-Geschichte über die Korrumpierbarkeit von Ehrgefühl und Idealismus, die Washington im Gewand eines Exzentrikers vorher so eindrucksvoll zu verkörpern wusste. Einen Ausweg aus dem selbst angerichteten Dilemma findet der Film nicht mehr. Teils Charakterstudie, teils Gerichtsthriller, teils Moralgeschichte, trägt sich „Roman J. Israel, Esq.“ deshalb allenfalls als letztlich enttäuschende Kollaboration eines faszinierenden Schauspielers mit einem allzu kurzatmigen Autor ins Buch der Filmgeschichte ein.

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