Animation | VR China 2017 | 77 Minuten

Regie: Liu Jian

In einer chinesischen Kleinstadt wird einem Mafiaboss eine Tasche voller Geld entwendet. Der Diebstahl ruft eine Handvoll Opportunisten auf den Plan, die neben den Schergen des Gangsters ebenfalls hinter dem Geldsack herjagen. Der minimalistische Zeichentrickfilm interessiert sich mehr für die detailverliebt in Szene gesetzte Noir-Welt einer tristen Peripherie als für die schematische Handlung und zielt recht eindeutig eine kapitalismuskritische Interpretation an. Wiederkehrende Verweise auf die Außenwelt und redundante Dialoge höhlen die Erzählung zusätzlich aus, die sich in abgedroschenen Genremustern festfährt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
HAVE A NICE DAY | HAO JI LE
Produktionsland
VR China
Produktionsjahr
2017
Regie
Liu Jian
Buch
Jian Lui
Musik
Shanghai Restoration Project
Länge
77 Minuten
Kinostart
07.02.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Animation | Gangsterfilm | Komödie | Thriller
Diskussion

In einer chinesischen Kleinstadt wird einem Mafiaboss eine Tasche voller Geld entwendet. Der Diebstahl ruft in dem minimalistischen Zeichentrickfilm eine Handvoll Opportunisten auf den Plan, die neben den Schergen des Gangsters ebenfalls hinter den Yuans herjagen.

Eine Million Yuan bestimmen den Lauf der Dinge. Milieutypisch verpackt in einer Sporttasche, sollen sie an den lokalen Gangsterboss Onkel Liu übergeben werden. Ebenso milieutypisch wird dem dazu beauftragten Kurier bald ein Springmesser an den Hals gedrückt und das Geld abgenommen. Damit beginnt die Jagd auf die Yuans, an der so ziemlich alle Archetypen des Gangster-Genres beteiligt sind.

Die Gründe für die Hatz sind so unterschiedlich wie töricht: Der junge Xiao Zhang, der sich als erster die Tasche mit dem Geld aneignet, will seiner Freundin eine Schönheitsoperation finanzieren; der Profikiller Bohnenstange versucht den Auftrag, das Geld wiederzubeschaffen, mit möglichst viel Unterstatement zu erledigen, und ein Pärchen glaubt schlicht, eine gute Chance auf leicht verdientes Geld gefunden zu haben.

Wechsel im Minutentakt

So beharken sich die Klein- und Großganoven in ständiger Rotation mit selbstgebauten Pistolen, Messern und dem Metzgerbeil. Die Tasche mit den Scheinen wechselt dabei quasi im Minutentakt den Besitzer und hinterlässt eine entsprechend blutige Spur.

Als spannende Erzählung taugt die Jagd auf das Geld aber nicht. Es ist die Umgebung, die Regisseur Liu Jian mit großer Finesse zeichnet, nicht die Handlung. Dreckige Internetcafés, verwaiste Bauruinen und zugemüllte Imbisshäuser. Die namenlose Kleinstadt wird in tristen Tableaus zu einem Abbild Chinas animiert, dessen Stil sich am ehesten als belebte Statik beschreiben lässt.

In den starren Bildern sind es oft nur kleinste Bewegungen, die die Leinwand dominieren: langsam aufsteigender Zigarettenqualm, eine Leuchtreklame mit Wackelkontakt oder ein unverhohlen zweidimensional gezeichnetes Auto, das sich wie eine Zielscheibe auf dem Jahrmarkt ins Bild schiebt.

Der gezielt mit Details angereicherte minimalistische Stil deutet auf die Gegenwart, die der Film zusätzlich ins Fadenkreuz nimmt, indem er die im Genre der Gangsterkomödie üblich gewordenen Hoch- und Popkultur-Verweise einstreut. Es beginnt mit einem Tolstoi-Zitat; dann folgt der Boss, der einen Vortrag über Fauvismus hält; zwei Restaurantbesucher diskutieren über die freie Marktwirtschaft im Zeitalter absoluter Verfügbarkeit; ein Lautsprecher überträgt das Gefasel Donald Trumps; ein „Rocky“-Poster klebt zwischen den Schweinekadavern der Fleischfabrik.

Das System ist das Ziel aller Kritik

Alles Hinweise, Verweise und Anspielungen, die einen kritischen Bezug zur Gegenwart herstellen. Auch die Jagd nach den Yuans folgt dieser Logik. Das ihr zugrunde liegende System ist das Ziel aller Kritik, der auch die schwarzhumorigen Verweise des Films verpflichtet sind.

Das Kapital ist in „Have a Nice Day“ so übermächtig, dass selbst die Götter sich einreihen müssen. In einem der zahlreichen Dialoge wird der Nutzen verschiedener Gottheiten diskutiert und nach marktwirtschaftlichen Prinzipien sortiert. Der Dialog wirkt aber auch deshalb redundant, weil der Film das prägnantere Sinnbild schon lange vorher gefunden hat: Ein Kreuz auf einer Kirche funkelt als Leuchtreklame mit dem gleichen Wackelkontakt ins Bild wie seine kommerziellen Ebenbilder. Die bemühte politische Aufladung des Films, seine ständigen Bezüge auf die politische Gegenwart höhlen sein Innenleben aus.

Die Kleinganoven – ohnehin nur Pappkameraden, denen etwas Bewegungsfreiheit geschenkt wurde – sind wenig mehr als Kombattanten, die in Ermangelung einer Kampfarena auf eine Sporttasche voller Yuan gehetzt werden. Ein wirkliches Eigenleben gesteht ihnen die Inszenierung nicht zu. Sie sind die Punchlines des schwarzen Humors, der sich als langgezogener Kettenwitz präsentiert. Alles kreist um die Summe von einer Million Yuan, doch produziert wird dabei vor allem eines: Leichen.

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