Meine Tochter - Figlia Mia

Drama | Italien/Deutschland/Schweiz 2018 | 100 Minuten

Regie: Laura Bispuri

Als ein zehnjähriges Mädchen einer ungestümen fremden Frau begegnet, fühlt es sich instinktiv zu ihr hingezogen, ohne zu wissen, dass es sich um ihre biologische Mutter handelt. Ihre liebevolle Ziehmutter sieht der wachsenden Entfremdung erst machtlos zu, bis sie in ihrer Verzweiflung zu immer drastischeren Maßnahmen greift. Die Geschichte einer kindlichen Selbstfindung als Dreiecksgeschichte mit zwei Mutterfiguren, die auf größtmöglichen Kontrast hin charakterisiert sind. Unter den Klischees dieser Charakterisierung leidet die Glaubwürdigkeit des Films und überdeckt gelungene Details.

Filmdaten

Originaltitel
FIGLIA MIA
Produktionsland
Italien/Deutschland/Schweiz
Produktionsjahr
2018
Regie
Laura Bispuri
Buch
Francesca Manieri · Laura Bispuri
Kamera
Vladan Radovic
Schnitt
Carlotta Cristiani
Darsteller
Valeria Golino (Tina) · Alba Rohrwacher (Angelica) · Sara Casu (Vittoria) · Udo Kier (Bruno) · Michele Carboni (Umberto)
Länge
100 Minuten
Kinostart
31.05.2018
Fsk
Genre
Drama
Diskussion

Wenn sich die zehnjährige Vittoria durch die hochsommerliche Landschaft bewegt, wirkt sie fragil und ungeschützt. Sie sehe aus wie eines dieser erlesenen Geschöpfe, die auf einer edlen Keksdose abgebildet seien, sagt ihre Mutter einmal über sie. Kekse, die die reichen Leute essen.

Rein ästhetisch betrachtet scheint Vittoria, die auch in der Gruppe Gleichaltriger eine Außenseiterin ist, mit der Umgebung in perfekter Harmonie zu sein. Ihre helle Haut und die kupferroten Haare korrespondieren wunderbar mit den rötlichen Farbtönen der staubtrockenen Erde Sardiniens, die von den vorbeibrausenden Motocrossfahrern aufgewirbelt wird. Diese sichtbare Ambivalenz ist symptomatisch für die Zugehörigkeiten in „Meine Tochter – Figlia Mia“. Ähnlich wie in Laura Bispuris Vorgängerfilm „Sworn Virgin“ (fd 43 984), der von der Selbstfindung einer als „eingeschworenen Jungfrau“ lebenden Frau handelte, werden auch in „Figlia Mia“ bestehende Verbindungen irritiert und von Gefühlen der Abstoßung wie auch von neuen Anziehungskräften abgelöst.

„Figlia Mia“ erzählt eine Dreiecksbeziehung zwischen einem Kind und zwei Frauen beziehungsweise Müttern. Was Vittoria nicht weiß, dämmert der Zuschauerin allerdings schon in der ersten Szene. Bei einem Streifgang über das Gelände eines Rodeos überrascht Vittoria eine fremde Frau mit wildem, rotblondem Haarschopf in intimer Umarmung mit einem Mann. Wenn das Mädchen anschließend übersprunghaft in die Arme seiner Mutter flüchtet, spürt man ihre Erschütterung: eine Mischung aus leichter Abscheu und großer Faszination.

Nach dieser geradezu schockartigen Begegnung sucht Vittoria immer wieder heimlich die Nähe zu der Frau, die ihre Mutter mitleidig eine „verlorene Seele, ein armes Ding“ nennt. Und je mehr sie in Angelica ihre biologische Mutter erkennt, desto größer wird ihre Entfremdung von Tina, ihrer sozialen Mutter. Schon bald tanzen Angelica und Vittoria einträchtig zu Schlagermusik und springen mutig von den hohen Felsen ins Meer, während sie mit Tina im seichten Gewässer unschlüssig herumtapste. Bei all den komplizierten Dynamiken verliert das unsichere Außenseiterkind auch einige seiner Ängste. So weit, so simpel.

Bispuris Film hakt am stärksten in der Konstruktion der Figuren. Auf so durchschaubare wie eindimensionale Weise werden die beiden Frauen als größtmögliche Kontrastfiguren inszeniert. Tina ist die fürsorgliche Mutter, mit immer offenen Armen und einer weichen, warmen Brust zum Anlehnen. Eine, die sich nach einem langen Arbeitstag gleich in die Küche stellt, um ihre betrübte Tochter mit Fleischklößchen zu trösten. Angelica wiederum ist das Klischee einer promiskuitiven Herumtreiberin, verantwortungslos, verwahrlost, explosiv und unberechenbar. Geradezu genussvoll setzt Bispuri ihre abendlichen Abstürze in schummrigen Bars in Szene, das Herumtorkeln in knapper Bekleidung, ihre fast winselnden Bitten um einen Drink, ihre fordernden Anmache, die nicht selten in den Grenzbereich zur Prostitution abrutscht.

Als Vittoria das erste Mal bei ihr übernachtet, gibt es zum Frühstück heiße Milch mit Brausepulver und kalte Bohnen aus der Dose. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bevor dieser zaghafte Versuch einer halbwegs verantwortungsvollen Mutterrolle mit der nächsten Eskapade wieder zerstört wird. Die Schauspielerin Alba Rohrwacher verleiht dieser Figur zwar ein gewisses Schillern. Und sie stattet sie auch mit einigen schönen Gesten aus, etwa wenn sie Tina den Räumungsbefehl mit einer Fliegenklatsche serviert. Retten kann sie die Figur damit aber nicht.

Zweifelhaft ist auch die Behauptung einer „natürlichen“ Annäherung von Tochter und biologischer Mutter. Nach einer symbolischen zweiten Geburt gegen Ende des Films sind alle Wehen, ist aller Geburts- und Lebensschmerz überwunden. Man erkennt das vor allem an Vittorias Gang, der nun gar nichts Fragiles mehr ausstrahlt.

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