Drama | Deutschland 2017 | 95 Minuten

Regie: Mia Spengler

Ein Boulevard-Sternchen kehrt vorübergehend ins heimatliche Provinznest zurück, nachdem sie von ihrem Lover und Manager verlassen worden ist und eine Einladung zum „Dschungelcamp“ in weite Ferne rückt. Zuhause springt sie für ihre herzkranke Mutter ein und kümmert sich um ihre an Epilepsie leidende Schwester, tut sich aber zunehmend schwerer, die Medien für sich zu interessieren. Die in der Hauptrolle herausragend besetzte Medien- und Gesellschaftssatire kommt weitgehend ohne Klischees aus und vermeidet jede Denunziation der Protagonistin. Die vielschichtige Inszenierung findet dabei zwischen Aufklärung und Affirmation eine überraschend pragmatische Mittellage.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Mia Spengler
Buch
Stefanie Schmitz · Mia Spengler
Kamera
Falko Lachmund
Schnitt
Linda Bosch · Gregory Schuchmann
Darsteller
Kim Riedle (Angie) · Juliane Köhler (Monika) · Leonie Wesselow (Kiki) · Emma Drogunova (Coco Cain) · Anna Oussankina (Ginny)
Länge
95 Minuten
Kinostart
31.05.2018
Fsk
ab 12; f
Genre
Drama | Komödie
Diskussion
Angie ist wieder zurück in dem Provinznest, aus dem sie einst aufgebrochen ist, um den Boulevard zu erobern. Eine Zwischenstation. Aus PR-Gründen hat die C-Prominente einen öffentlichen Drogenentzug hinter sich und wartet auf die Einladung ins „Dschungelcamp“. „Vom Entzug in den Dschungel“, wäre eine glänzende Schlagzeile und ein vielversprechender Move. Als abgebrühter Medienprofi versprüht die zeigefreudige Angie den Flair der großen, weiten Promi-Welt, was in der Kleinstadt, trotz aller Bewunderung, immer auch etwas deplatziert wirkt. Andererseits ist Angie mittlerweile auch schon über 30 Jahre alt und hört die Promi-Uhr vernehmlich ticken. Sie spürt den Druck der Öffentlichkeit, permanent aufsehenerregende News liefern zu müssen. Mitunter werden sogar Risse in der Fassade sichtbar, die mancher für Verzweiflung halten könnte. Ihre schwer herzkranke Mutter Monika ist jedenfalls alles andere als glücklich über die unverhoffte Heimkehrerin und weiß den Lebensentwurf der Tochter richtig einzuschätzen: „Die Leute lachen über dich, nicht mit dir!“ Angies kleine Schwester Kiki steckt mitten in der Pubertät und wird in der Schule gemobbt, weil sie zum Schutz vor Verletzungen durch epileptische Anfälle einen Helm tragen muss. Der Vater der Familie ist derart abwesend, dass er im Verlauf des Films kein einziges Mal auch nur erwähnt wird. Die Regisseurin und Co-Drehbuchautorin Mia Spengler zeichnet in ihrem Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg ein derart umfassendes Bild des alltäglichen Elends, dass die etwas eindimensionale, aber unerhört toughe und wohltuend illusionslose Angie, herausragend verkörpert von Kim Riedle, rasch zur Sympathieträgerin wird. Das mag mitunter etwas forciert erscheinen, wenn Monika die Tupperware, mit deren Verkauf sie offenbar ihren Lebensunterhalt bestreitet, zu jedem Training ihrer Line-Dance-Gruppe anschleppt oder wenn die völlig untalentierte Kiki gehalten ist, ja nicht aus der Reihe zu tanzen. Angies ehemals beste Freundin hat es sogar zu einem florierenden Waxing-Studio gebracht, das immerhin dazu beiträgt, ein gut gehütetes Familiengeheimnis zu lüften. Es überrascht kaum, dass sich Angies Zwischenstopp hinzieht. Das „Dschungelcamp“ ist bereits belegt; nächster Stopp wäre wohl ein neues Format: der „Promi-Zoo“. Aber Angie hat Probleme mit ihrem Management und tut sich überdies schwer, aus der Provinz heraus Schlagzeilen zu produzieren. Zudem erleidet Mutter Monika einen Herzanfall und muss zur Reha. Angie springt kurzerhand als „Ersatzmutter“ für Kiki ein und versucht, das Nesthäkchen aus dem Abseits und der mütterlichen Dauerüberwachung zu emanzipieren. Kurzfristig durchaus mit einigem Erfolg. „Back for Good“ spart wohltuend mit Klischees, vermeidet jede Denunziation seiner Protagonistin, hält aber auch bei Lern- und Erkenntnisprozessen den Ball erstaunlich flach. Wenn Angie ihre Schwester gegen Mobbing in den Sozialen Netzwerken verteidigt, nutzt sie dazu selbst Social Media als Medium der Erpressung. Der Film zeichnet ein kleinstädtisches Milieu, in dem die Teilnahme am Promi-Zirkus nicht automatisch zur Verächtlichmachung der Person führt. Ähnlichkeiten mit realen Medienpersönlichkeiten sind nicht zufällig, sondern eher nicht zu vermeiden. Angie spielt das Spiel, das sie „Entertainment“ nennt, bis zur Selbstaufgabe mit, wenn sie sich auf einer Party beim lesbischen Liebesspiel filmen lässt, um sich wieder ins Gespräch zu bringen. Angie weiß: In ihrer Lage reimt sich „Promo“ eben auf „Porno“. Auch eine Affäre mit einem abgehalfterten Schlagersänger, der mit seinem Wohnmobil durch Dorfdiscos und Baumärkte tingelt, böte sich an. Der verweigert sich aber den Promi-Shows und spricht ausgerechnet dann von Würde, als er den Abfallcontainer eines Supermarkts nach Essbarem durchsucht. Als schließlich alle Karten offen auf dem Tisch liegen, entschließt sich Angie für die Provinz und für die Familie. Fraglich bleibt, inwieweit dies von Dauer ist, aber diese Perspektive hilft dem Film in seiner pragmatischen Mittellage zwischen Aufklärung und Affirmation zu einem überraschend positiven Ende.
Kommentar verfassen

Kommentieren