Zeit für Utopien

Dokumentarfilm | Österreich 2018 | 98 Minuten

Regie: Kurt Langbein

Der Dokumentarfilm begleitet Initiativen und Projekte auf der ganzen Welt, die nach Alternativen suchen, um Ressourcen nicht länger auszuplündern, sondern im Einklang mit der Natur nachhaltig zu wirtschaften. Von einer bayerischen Käserei über ein Zürcher Wohnprojekt, von koreanischen Sardellenfischern über Minenarbeiter im Kongo spannt der Film einen inspirierenden Bogen realer ökonomischer Beispiele, auch wenn der messianische Eifer mancher Aktivisten bisweilen abschreckend wirkt.

Filmdaten

Originaltitel
ZEIT FÜR UTOPIEN
Produktionsland
Österreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Kurt Langbein
Buch
Kurt Langbein · Anna Katharina Wohlgenannt
Kamera
Christian Roth
Schnitt
Alexandra Wedenig
Länge
98 Minuten
Kinostart
19.04.2018
Fsk
ab 0; f
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion
Der Begriff Mobilität ruft schöne Gedanken hervor. Gesellschaftlich steht der Ausdruck häufig dafür, sich aus benachteiligten Verhältnissen nach oben zu arbeiten. Vor allem aber verheißt Mobilität räumliche Freiheit: Reisen können, wohin man will. Mit dem Auto nach Italien brausen. Abstand gewinnen vom Alltag. Ökologisch ist dieser Beweglichkeitswahn allerdings verheerend. Deshalb fordert der österreichische Journalist Kurt Langbein eine neue Art der Sesshaftigkeit. Langbeins Dokumentarfilm heißt „Zeit für Utopien“. Er begleitet darin Initiativen und Projekte auf der ganzen Welt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber ein vager Wunsch verbindet: der von einer Wirtschaft, welche die Ressourcen der Erde nicht länger ausplündert, sondern im Einklang mit Mensch und Natur auf die berüchtigte Nachhaltigkeit setzt. Was beispielsweise auch bedeutet, den Menschen auskömmliche Löhne zu zahlen. Zunächst begleitet der Film die ehemalige Werbezeiten-Verkäuferin Petra Wähning. Die fröhliche Frau, die man mit einem Lamm auf dem Arm beobachtet, kündigte ihren Job bei einem Privatsender, um sich für die ökologische Landwirtschaft zu engagieren: „Ich wollte nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein.“ Dazu zählt auch, dass sie das wirtschaftliche Know-How aus ihrem früheren Leben für das aktuelle Projekt nutzbar macht: Die Lieferketten der biologisch angebauten Produkte müssen optimiert werden. Auf dem Bauernhof, bei dem Wähning ein Praktikum machte, half sie auf diese Weise mit, eine neue Käserei zu finanzieren. Die Not zur Utopie erklärt der Ökonom Niko Paech mit einem Rechenspiel: Bei derzeit 7,3 Mrd. Erdbewohnern darf jeder Mensch ungefähr 2,5 Millionen Tonnen CO2 in seinem Leben ausstoßen. In Westeuropa sind es aber 11 Millionen. Hier müsste der Konsum also auf ein Viertel reduziert werden. Ein solches Denken entgleitet jedoch leicht in die Selbstkasteiung: Wie bei der jungen Mutter in der nach strengen ökologischen Kriterien organisierten Zürcher Siedlung Kalkbreite. Sie lebt zwar mit ihrer Familie vorbildlich nachhaltig, sieht aber dennoch Selbstoptimierungsbedarf: Ihre gelegentlichen Ausflüge ins Umland sieht sie sehr kritisch, da auch eine Zugfahrt schließlich Emissionen verursache. Dieser mit einer Verherrlichung der Sesshaftigkeit verbundene Hang zum Selbstopfer dürfte auch wohlmeinende Menschen mit ökologischem Bewusstsein eher abschrecken. Allzu einengend erscheint hier, in dieser idyllisch über einem Tramdepot gelegenen Enklave, der Wunsch nach einer nachhaltigeren Welt. Die gutsituierten jungen Eltern auf dieser Insel der Glückseligen üben ihren Verzicht demonstrativ. Wie alle Bewohner der Siedlung haben auch sie eine Autoverzichtserklärung unterschrieben. Wenn doch bloß alle in so schönen Parallelwelten leben könnten! Während der in der Schweiz spielende Erzählstrang die Weltverbesserung als Extravaganz ebenso wohlhabender wie wohlmeinender Mitteleuropäer präsentiert, erhält der Film mit dem Porträt einer französischen Teefabrik in Gémenos/Provence etwas Klassenkämpferisches.1336 Tage dauerte der Streik der Belegschaft, nachdem der Lebensmittelriese Unilever seine Dependance schloss, um die Produktion von Lipton-Tee ins billigere Polen zu verlagern. Heute betreiben die stolzen Mitarbeiter die Fabrik unter dem Namen Scop-Ti in Selbstverwaltung. Für den theoretischen Rahmen sorgt die Ökonomin Ulrike Herrmann, die vor der Kulisse der Frankfurter Börse erklärt, warum der Kapitalismus letztlich am Wachstumsdogma scheitern wird. Solidarität und Kooperation sind die Fixsterne, um die alle vorgestellten Initiativen kreisen. Auch die koreanische Genossenschaft Hansalim, welche rund eineinhalb Millionen Menschen mit nachhaltigen Produkten versorgt. Einer ihrer zufriedenen Erzeuger heißt Gin-Man Yeong, der nach traditioneller Art in Bambusbehältnissen Sardellen fängt. Die niederländische Firma Fairphone arbeitet dagegen mit Minenarbeitern, die im Kongo für Fairphone unter einigermaßen menschlichen Bedingungen Kobalt abbauen. Regisseur Kurt Langbein versteht sein Werk als „inspirierende filmische Entdeckungsreise“. Er präsentiert Menschen, die viel Energie darauf verwenden, die Welt im kitschig-wahren Sinne wieder bewohnbarer zu machen. Auch wenn der messianische Eifer mancher Initiativen dabei bisweilen abschreckt, ist das durchaus beeindruckend.
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